Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316301--50216-3377203- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 2× ep/1000834
OCR text
herumgehen muß, bevor sie mit dem Monolog zu Ende ist. Aus diesen Anfängen heraus hat Goldfaden ein Theater, ein Repertoire und mehrere Truppen geschaffen, Aus diesen flüchtig zusammengeschlagenen Holzbuden, aus diesen dilettantenhaft zusammengenaschten Szeneneffekten und aus dem aufgelesenen Gesindel ist im Laufe der Zeit etwasgeworden, in dem noch sehr viele Gebrechen und Hinfälligkeiten, aber auch sehr viel Schönheit und Talent leuchten. Daskonnte nur ein Dichter zustande bringen. Und Goldfaden war ein Dichter. Er war es vielleicht noch mehr in seinem Streben und in seinen Abenteuern als in seinen Werken. Er war kein nüchtern ausklügelnder Mensch; ein „bohemien" war er mit goldenem Herzen, ein Gemütsmensch mit spielender Phantasie, ein lachender, im tiefsten Elend lustiger Goluth-Trotter. Er hatte Zeiten großen Wohlstandes, aber dann traten die bitteren Krisen ein. Man verbot in Rußland das „jüdische Theater", und da versuchte man es, dieses Theater als „deutsch" gelten zu lassen. Und in Schulamith wurde nicht mehr: „Ich bin Nüssen Ha-Kohen", sondern „Ich bin Nathan Priester" gesungen. Es ging noch hier und da einige Zeit, sofern der heilige Bureaukratius zu einem stillen Kompagnon des Unternehmens geworden ist, aber nur bis zu einer gewissen Zeit. Außerdem mehrten sich die Truppen, wo es immer noch ging. Man spielte Goldfaden, ohne daß er es wußte; man führte tausendmal seine Stücke auf, ohne daß ihm ein Pfennig bezahlt worden ist. Wurde er zudringlich, so änderte man irgendeine Kleinigkeit, oder man schuf Nachahmungen. Der arme Kerl wanderte aus, — war er ja überall bei der jüdischen Masse so populär! Als ich ihn zum letztenmal in London sah, da waren keine Ringe mehr an den Fingern, das Haar war dünn und weiß geworden, — aber er dichtete noch immer. Die Burleske zog ihn nicht mehr. Ein Zürnender, schreckenbrüllend entlud sich sein Herz gegen die Pogrome. „Wuss sougt ihr zü Fonje ch ... r?" warseine erste Frage, und da ging's los, ein gewaltiger Wasserfall von'Sarkasmen. Es war ein „Jüdisch", wie ich es gerne habe, ein Mutterjüdisch mit Kraftausdrücken, nichts von dem Kauderwelsch, das man jetzt „jüdisch" nennt. Er frug mich um Rat, ob er, nachdem er all dies geschrieben hat, seine Heimat noch einmal besuchen kann. Ich riet es ihm eindringlichst, weil ich den Eindruck hatte, daß in einem Odessa oder in einem Warschau ein populärer Volksdichter nicht so verarmt und verlassen werden kann. Er meinte, er könne nicht zurück. Eine neue Judenmasse organisiert sich ja hier, und — Amerika. Und er starb in Amerika, der fröhliche, gute und hochbegabte Mensch. Ein ruhmreiches Blatt gehört ihm in der Geschichte des Ghettohumors und der volkstümlichen Literatur. Odessa, Paris, London, New-York, — so heißt das Kaleidoskop seines Schaffens und Dichtens. Aber es ist nur eine Schaubühne: die Diaspora, die singende, fröhliche, so elende und so wirre Diaspora! N. Sokolow. Die Lösung der Judenfrage . H.*) Laßt uns hören, meine Freunde, was in dem Buche, das die „Lösung der Judenfrage" bedeutet, uns zunächst unsere Brüder zu sagen haben! *) Vgl. Nr. I. Unsere .Brüder sind nicht reich an Einfällen, drei oder vier höchstens haben eine Auffassung, in der Ernst oder Logik steckt. Nicht einer, der, ein großer Verneiner des Seienden, die Assimilation auf das höhere Piedestal einer Lebens- und Weltanschauung zu stellen verstünde. Die meisten unter den Anpassungs-, Auf¬ oder Untergehlüsternen, müssen, so scheint es mir, auch von einem Assimilator höheren Grades als unangenehm empfunden werden. Der Komödiant könnte hier den Assimilanten belehren — und vielleicht bekehren. Falsches Pathos wie das eines Roßkamms, der den Bastard für Vollblut ausschreien möchte, wortreiche Opferbereitheit, billig wie die Schwüre Don Quixottes und unterwürfige Bescheidenheit, wie — man weiß ja seit Goethe, wer am bescheidensten ist. Das eine Rezept: Taufe dein Heim und verheirate deine Kinder mit Christen, — die russischen Juden (wofern sie dir das Herz zerreißen) wirf hinaus, laß sie wandern oder sich irgendwo ansiedeln (welch letztere „Stellungnahme" dich noch als Philanthropen glänzen läßt). Das andere Rezept, ja, da ist nichts Gewisses mehr zu sagen: homöo- und allopathisch, Aufgehen mit Beibehaltung der Religion, Aufgeben-der Religion und Erfüllung der unsaldierten jüdischen Mission unter den Völkern, Erziehung der Juden, Erziehung der Christen u." dgl. mehr. Das Schema ist banal, noch banaler und langweiliger aber sind die Wohlmeinungen der verehrten Problemloser. Nur manchmal wird das hohe Tribunal zur Bühne, eine kleine Hanswurstiade löst ein befreiendes Lachen in uns aus. Auf S. 160 beantwortet ein Herr Dr. Max Hirschfeld die erste Frage: „Worin besteht nach Ihrer Anschauung das Wesen der Judenfrage?" wortwörtlich folgendermaßen: „Das wesentlichste Übel scheinen mir die jüdischen Namen zu sein, wie Cohn, Levy, Wolf usw. Würden sie sämtlich durch solche ersetzt, die keinen „jüdischen" Klang haben, so würde damit eine solche Verwirrung, in die Reihen der Antisemiten getragen, daß ihre Agitation fast unmöglich wäre." Wie mag Herr Dr. Max Hirschfeld, (der übrigens auch für Taufe und Mischehe ist), mit seinem Namen, der doch offenbar in die Kategorie der von ihm einfach mit „usw." angedeuteten gehört, seinem Nachbar im Buche, Herrn Sigmar. Mehring, um denarisch-germanischen Wohlklang des Ruf- und Familiennamens beneiden, der jeden Helden eines „Gartenlaube"-Romans von vornherein unwiderstehlich machen würde. Zweifellos, Herr Sigmar Mehring war recht vorsichtig in der Wahl seines Namens. Er weiß, wo Bartels (der biedere Judenhetzer Adolf, von dem wir noch sprechen werden), seinen feinen Most holt, der vortreffliche Bartels, der in Vorahnung der feinschmeckerischen Gelüste des Herrn Hirschfeld auf Seite 300, Alinea II, ausdrücklich als eine Hauptstipulation eines eventuellen Friedenspaktes der Christen mit den Juden verlangt: „Sie müßten bestimmte, ihnen zugewiesene Namen führen . . . und Obertritt zum Christentum berechtigte nicht zur Namensänderung . . . ." Dreimal wehe über dich, Max Hirschfeld, dreimal Heil dir, Sigmar Mehring!. Welch' grausame- Enttäuschung aber, wenn Sigmar Mehring, der in diesem Buche, in dem jeder alles tun darf, als Barde auftritt, plötzlich auf „Muttchens Platze" „unverhüllte Mazze", auf „Kehllautsprache Mosis" „ihres Weins gemessne Dosis", auf „In des Festes heil'geni Banne" „hocherglüht das Mah nischtaneh" reimt! O süß