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Die Welt · 1908-01-24 · 4 (24.1.1908) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
4 (24.1.1908)
Date
1908-01-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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dies|kelt No. 4 einem eigenartig philiströsen Mittelstand,, mit kleinen Idealistenkreisen und - einer stark lokalisierten Masse, die schon so heimisch geworden ist, daß sie, wie die Emigrantensöhne Londons und New-Yorks, die „fremden Judennicht gerne' hat, — das ist die Stadt, in der die etwas aufgedunsenen, aber lieblichen Grazien Goldfadens ihr Heim und ihre Quelle hatten. Nur auf diesem Hintergrunde wird die Tätigkeit Goldfadens verständlich. Ein feiner, wolhynischer Lebejunge, ein Kind Zytomir's, besuchte er dort die sogenannte Rabbinerschule, die sehr wenige Rabbiner — ausschließlich Kronrabbiner —- geliefert hat. Slonimski pflegte mir aus seiner Inspektorzeit tausend Geschichten über diese Schule und über manche treffliche Schüler zu erzählen. Goldfaden hatte tüchtig gelernt, aber noch mehr gelebt, geschwärmt, sich und die anderen amüsiert. Er ging dann nach dem russischen Süden, ein lebenslustiger, sehniger, stattlicher und hitziger junger Mann. Er erteilte Unterricht, journalisierte und tändelte mit seiner Jargonmuse. Witzig, mit dem intensiven Lebender Masse eng verbunden, musikalisch, humorvoll, mit einem Zug ins waghalsige Spekulantentum, unstät, wie er war, bereicherte er durch seine Streifzüge die Legendenwelt, die er von Hause aus im Herzen trug, und sammelte Anekdoten und Lieder in Hülle und Fülle. Er brauchte nicht viel nachzudenken; an seinen Rockschößen hing ein Schwärm von Kobolden. Er hatte die Gelegenheit, das bessarabische Wohlleben jener Zeiten auszukosten und verband diese Eindrücke mit den Seufzern jüdischen Leidens. Er dichtete und jonglierte geschickt. Nur so konnte er der gefeierte Volkssänger einer. Periode und eines Milieus werden, das im bunten russischrumänischen Grenzland seinen Ursprung hatte. Man mußte wurzelecht-jüdisch sein, man mußte aus einem träum umrankten Kindesalter in einem .jüdischen Milieu alle goldenen Düfte einer Lebensmorgenröte, Legenden und Anekdoten, Lieder und Weisen, alle lichten Vögel, die hell, jubilierend in der alten, hohen Synagoge schwirren, und alle Seufzer des jüdischen „schweren Gemüts" in sich aufgenommen und dann jahrelang in der internationalen Hafenstadt gelebt, alle Operetten, alle Farcen und Kalauer gehört und. das schillernde, gesprenkelte, vulgäre Marktleben mitgemacht und nachempfunden haben, um das zu schaffen, was Goldfaden geschaffen hat: das sogenannte jüdische Theater. Alte „Niggunim" und neue Operettenweisen flatterten und schwirrten um den lieben, fröhlichen, hochbegabten Kerl, und er griff mit voller Hand zu. Es geschah auch, daß biblische Gestalten vor ihm auftauchten: sie waren kaum echt, aber sie waren von einer kindlicher Anschauungs-. und Geschmacksweise eigenartigen Wärme durchdrungen. Er verstand auch das Erhabene mit dem Komischen zu paaren, und hatte Homer für solchen Kontrast den Thersites nötig, um die Erhabenheit der übrigen Helden von Troja zu illustrieren, so gab Goldfaden seinem Ammon einen Neger, der die Jargonredeweise des Ammon so karikierte, daß die Lachmuskeln konvulsiv gezerrt wurden. So schuf er biblische Dramen, oder Tragödien, oder Lustspiele, Opern oder Operetten, was ihr wollt, alles zusammen. Und möget ihr noch so viel daran aussetzen, wie aus wildem Dorngehege eine Rose erblüht, so blitzt manchmal aus dem Wirrwarr ein flammender Sdiünheitsstrahl. und Lenze grünen und Alelodien tönen. die bis in die Knochen dringen und von denen man gar nicht los kommen kann. Ein Allerweltssammler, ein Halbwissen ein ungestümer Vieldichter, ein Kompilator. Kulturlos wie er war, im Stile wild, in allen möglichen Formen, sozusagen, herumgetollt, — war er doch wirksamer, und befruchtender als irgendein anderer, weil er so war, wie das Leben und Weben in jenem Übergangsstadium des russisch-jüdischen Ghettos beßarabischer Gestaltung. Es mag noch so sehr von Entlehnungen strotzen und den historischen Sinn verletzen, — er war doch derjenige, der für die großen Volksschichten die Rosen im Saron anzündete und Bar-Kochba, wie einen Blitz in der Wolke, erhellen machte. So sang auch in seiner Dichtung die jüdische Gegenwart — die „Bube Jachne", der „Schmendryk" und viele andere — schluchzend und süß. drollig-naiv, mit allen möglichen Nachahmungen, mit allen Spielarten der Bühnenkniffe, wie sie ein französisch-italienisches Repertoir in der Odessaer Atmosphäre etwas vergröbert aufweist, — aber all dieses von einem goldenen, jüdischen Humor durchleuchtet. Ich sehe ihn noch vor mir, den großen, starken, glattrasierten Mann, in einem Modekostüm, mit schillernden Ringen an den Fingern, fast .wie ein reich gewordener, aus Amerika zurückgekehrter Onkel ausschauend, wie er mir im Laufe langer Winterabende vor zwanzig Jahren, als er mich in W. besuchte, die Geschichte seines Theaters erzählte. Sie hing mit dem russisch-türkischen Kriege zusammen: Der Aufschwung des Unternehmer- und Lieferanten(Podriadczyki)tüms in Kischinew und Bukarest, das Heranströmen vieler Kaufleute und ihrer Kommis, die Leichtigkeit des Verdienens und die leichtgeschürzte Muse, die immer bei der Hand ist, die Situation auszubeuten. Da. zimmerte er das jüdische Theater zusammen. Bühnendichter, Kompositor, Textautor, Direktor, Impresario, Souffleur, dramatischer und Musiklehrer war er in einer Person. Und das Material, das ihm zur Verfügung stand! Der Auswurf des Abschaums aus allen Schlupfwinkeln, weggejagte „Meschorerim-, unqualifiziertere Gassenjungen und das Feminin, — daß sich Gott erbarme! Das größte Kontingent lieferte die Küche, d. h. ein Element, das für die Küche zu schlecht war. Jeden Augenblick wandte sich die Gesellschaft meuternd gegen den Vorgesetzten und setzte ihn an die Luft. Alle wollten dieselbe Rolle spielen, und wurde ein Lahmer nicht ins Ballett aufgenommen, so fühlte er sich aufs tödlichste beleidigt. Das Textbuch war Nebensache; was der Souffleur vorsagte, wurde nicht wiederholt, sondern etwas ganz anderes kam heraus. Köstlich waren die Generalproben. Eine Naive erscheint zum Stelldichein in einem dämmernden Hain. Der Geliebte ist schon da, aber er befindet sich in einem andern Winkel des Hains, und sie darf ihn nicht bemerken, weil sie einen stimmungsvollen Monolog, der den clou des Stückes bildet, zu deklamieren hat: Erwartung. Ungeduld, allerlei Beklemmungen usw. Aber das kann man der leider zu raffinierten Naiven nicht beibringen: sie stürzt auf den Geliebten los und deklamiert nachherdie Sehnsucht, die Ungeduld usw. Kein Erklären hilft. „Er ist ja da!" schreit sie und kann nicht begreifen, wie sie ihn nicht merken soll. Der verzweifelte Direktor findet ein Mittel: er zeichnet mit Kreide einen Zickzackweg auf der Bühne und lehrt die Naive, wie sie an all diesen Schnörkeleien

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