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Die Welt · 1908-01-24 · 4 (24.1.1908) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
4 (24.1.1908)
Date
1908-01-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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schwarzen Gedanken nicht aufkommen. Alle Speere des Unglücks, alle Pfeile des Mißgeschicks, alle Dorne der Enttäuschung drangen in ihn: fremd und verkannt, der russische Goluthstrom hatte ihn ausgespien, die unbändigen Stürme hatten sein Familienglück weggeweht, und wie oft hungerte er! Ja. er leerte die Schale des Goluth bis an die Hefen — aber er blieb schalkhaft lustig und träumte sich Siegeskränze um den inzwischen schneeweiß gewordenen, großen Kopf. Vor einigen Jahren ging er, ich weiß nicht zum wievielten Male, wieder nach Amerika, um, ich weiß nicht zum wievielten Male, wieder zu hungern. Es genügte ihm nicht auf einer Hemisphäre, auf beiden Hemisphären mußte er hungern. Es dauerte so lange, bis verschiedene „Komitees" mit „appeals" und „meetings" mit ungeheurem Tamtam eine kleine Summe ..zu seinen Ehren" zusammenbrachten, etwa so viel, wie drei bis vier von zehntausenden Sulamit-Vorstellungen einbringen dürften. Und die kleine Summe zerrann förmlich zwischen den Fingern, denn Abraham Goldfaden verstand auch in Europa zu wenig das Geld zu schätzen, und ebensoweniger im Lande des „business". Und es geschieht ganz so, wie in einem schlechten Roman: ist die Aktion zu verwirrt, um sie weiter auszuspinnen, dann läßt man den Tod eintreten. Der entwirrt jeden Knäuel. Wir lesen dann: Abraham Goldfaden ist gestorben. Das Übliche kommt schon weiter: großesLeichenbegängnis.Totenfeier und dergleichen. Weil es sich um Amerika handelt, so wird alles ins Maßlose, Überschwängliche getrieben: Demonstrationen, Monstreversammlungen. Ein populärer jüdischer Dichter stirbt nicht ungestraft in Amerika. Er muß herhalten, er muß der Sensation den Tribut bezahlen. Die Reklamewellen bäumen sich und zischen, der Humbug schlägt Wellen, wie ein Sturm kommt ein leichtfüßiges Reportertum herangeschnaubt, um „den Toten zu ehren". Und die ellenhohen Überschriften prangen: der Große, der Gewaltige, der Wundervolle, der Unvergleichliche. Nein, Abraham Goldfaden war nichts von all dem. Was er war, möchte ich mit einem Worte sagen: ein fröhlicher-Jude. Er war nicht durch Bildungsrüstzeug behindert ein wurzelechter Jargonsänger zu sein, grotesk wie es der Jargon ist. Er war auch nicht durch Bildungsrüstzeug behindert, alles aufzunehmen, durch tausendfältige Fäden sich mit allen Geschmacksrichtungen, Formen, Weisen zu verknüpfen, wie es die Gasse tut und wie es gar nicht anders sein kann. In diesem Entlehnen steckte eine ehrlichere Unmittelbarkeit, ein größerer Zug, als in den ausgearbeiteten, wohlüberlegten Methoden einer teilweisen Nachahmung oder einer gewissen Originalität. Er stürmte mit gewaltigem Schwung, unvorbereitet und bildungsarm wie er war, mit einem Ballast von tausend Entlehnungen beladen, in die verborgensten Tiefen des Volksliedes, in den Mittelpunkt des Phantasiekreises der jüdischen Massen Rußlands hinein. Er war von einem Zauber der Volkstümlichkeit umflossen und spann sich so tief in die Stimmungen ein, daß man seine Refrains, trotz aller Virtuosenkritik, noch lange wiederholen wird. Sie gehen klingend durch die Luft aller Ghetti. Nicht im tiefen, von grauem Schweigen umwölkten Litauen dichtete Goldfaden. Im Süden sang er — in Bessarabien, wo der Wein schäumend überschwillt und das Nationalgericht „Mameluga" den Gaumen kitzelt. In der dionysisch angehauchten, üppig hervorgeschossenen Steppe, auf dem fetten Boden, der goldene Früchte trägt, in einer küstenreichen Gegend, wo der Blick gegen das Meer sich weitet, in der Mitte eines brausenden Gewimmels, eines aufschwellenden Handelsbetriebs, entwickelte sich ein grobkörniger, lustiger, zur Völlerei geneigterjüdischer Massentypus. Ein sattes, polterndes, vergröbteres und herausforderndes Am-Haare-Ziehen mit dem übermütig-geschmacklos sich blähenden Parvenü-Protzen als „arbiter elegantiarüm" an 'der Spitze, ein halb-assimilierter Kaufmannsstand, äußerlich weltmännisch, mit verwegenen Allüren, im Grunde aber noch tief im Jargon steckend und in unbewachten Augenblicken ungezwungener Natürlichkeit die Heimatsklänge wie befreiend hervorjauchzend, ein Kreis deutsch-galizischer Kulturträger aus Brody. eine Ästheten- und Dilettantenschar alter „Maskilim" mit manchen auserwählten Geistern aus der Eichenbaum- Pinsker (senior)-WTertel-Epoche. Überreste von Chassidismus in den kleineren Städten, mit einem Zug ins moldawonisch-walachisch halb phantastische, halb verschlafene, physisch-mystische Wesen, — dieses bunt aufgewühlte, noch nicht durchgeschmolzene und durchgeläuterte Ghettogebilde, erzeugte die edlen Keime einer aufblühenden russisch-jüdischen .Literatur (Rabinowicz-Razswiet), eine noch,nicht harmonische, aber interessante Zederbaumpresse und die Anfänge einer Jargonliteratur. Die starre, maßvolle Gebundenheit eines Eisik-Meier Dik, die ruhige Abgeklärtheit eines Michel Gordon, die maskilisch ausgereifte, kühl ausgearbeitete und überlegte Muse eines Jehuda-Leib Gordpn wurden ins Derbe, Regellose. Gärende und. Burleske umgewandelt. Was in Litauen monoton-grübelnd klagte, wollte in Beßarabien singen. Die litauisch-polnischen Grazien wurden in Lmetzkis „Polnischen Jüngel" fratzenhaft, ganz so wie die „Niggunim" des Wilnaer „Baal-BehssiT" im Munde des Odessaer Nisske und des Belzaer Chazens ganz anders rauschten. Die Note wurde breiter, die Geste größer, der Stil krasser, die Effekte greller. Ein russisches Whitechapel mit einem Westend zusammen. Noch keine alte Heimat mit alten Traditionen, — ein Reminiszenzen-Chaos, eine Noah- Arche, eine Emigranten-Kolonie mit einem zarten, leichten Flaum einer halb russischen, halb kosmopolitischen Weltstadt, nebst den fieberhaften, alle Fesseln sprengenden Stimmungen eines großen Hafenplatzes. „Die Hölle brennt drei Meilen ringsum," sagte der jüdische Volksmund. Das Sprichwort war noch derber, indem es „Odessaer Scharlatans" als Typus stempelte. Es wurde seit der Entstehung dieser Vorstellungen zivilisiert und verfeinert, gezügelt und gelenkt, von schweren Prüfungen heimgesucht und bezähmt, es entwickelten sich höhere Lebensformen, die Nuancen mehrten sich, neue, intellektuell-jüdische Kreise kamen hinzu, aber der Grundton blieb noch lange: das bunte Treiben. So begriff ich Aschdos-Odessa aus Peretz Smolenskins Erzählung; so empfand ich diese lebensschimmernde, gärende Stadt während meines kurzen Aufenthalts daselbst. Ein mächtiger Handelspuls, ein intensiver Zusammenhang mit Europa, ein rasches Auf- und Niedersteigen der Vermögensverhältnisse, eine Abhängigkeit von den Fluktuationen der großen Getreide-Export-Konjunktur, ein Mischmasch von. Nationalitäten und Sprachen, ein überschwänglicher Luxus und ein wachsender Armutsjammer, ein grob-kokettes Wesen, — und dazwischen eine Judenschaft mit großen, schönen Anstalten und

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