Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 3 (17.1.1908)
- Date
- 1908-01-17
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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No. 3 :DIE] EELT 17 I koimtee, unter Führung eines begeisterten jungen Mädchens, hat sich organisiert und hat es durch seine unermüdliche Agitation fertig gebracht, daß zirka 30 000 Familien die Zahlung der am 1. Januar älligen Miete verweigert haben. Es liegt in der Natur dieses Kampfes, daß er nicht immer in einer den gesellschaftlichen Begriffen entsprechenden Weise geführt wird. Aber das eine ist nicht zu leugnen, daß sich hier eine Welt des Enthusiasmus zeigt, der so leicht Gleichwertiges an Großartigkeit nicht an die Seite gestellt werden kann. Inzwischen haben die Eigentümer die Gerichte angerufen und haben Exmissionsbefehle gegen mehr als 15000 Familien erwirkt Es ist nicht abzusehen, zu welchen Ereignissen das entsetzliche Elend und die grausame Hartherzigkeit der Eigentümer führen kann, die jedes Kompromiß ablehnen und damit drohen, lieber die Häuser zu schließen, als sie zu einem billigeren Preise zu vermieten. Ein unglückliches Zusammentreffen der Ereignisse will, daß gerade jetzt die United Hebrew Charities gezwungen sind, ihre Wohltätigkeitsaktion mangels Mittel bedeutend einzuschränken. Davon werden natürlich in erster Linie wieder die unglücklichen Bewohner der Ostseite betroffen. Staatssekretär Taft und die amerikanischen Juden L'Etoile Beige veröffentlicht ein Kabelgramm aus New-York, wonach die New-Yorker Juden in eine rege Agitation gegen die Präsidentschaftskandidatur des Staatssekretärs Taft eingetreten seien, und zwar auf Grund der Meldung, er habe in Petersburg einen Toast auf den Zaren ausgebracht. Die republikanische Partei, die befürchte, daß auch die Juden in den andern Städten des Landes^von dieser Agitation ergriffen würden, sei sehr konsterniert. Palästina Auf die Intervention der deutschen Vertreter wegen derBeschwerdendeutscherKolonisten in Haifa ist den Deutschen und den in ihren Diensten stehenden Bauern nunmehr gestattet worden, daß sie in den ungefähr 25 km von Haifa entfernten, neuerworbenen Landdistrikten Um-el-Amed und Beilam die Bestellungsarbeiten ungehindert fortsetzen. Die türkischen Gendarmen sind zurückberufen; auch die Fortsetzung des bereits begonnenen Baues von Wirtschaftsgebäuden ist gestattet. Von türkischer Seite wird zur Rechtfertigung des ergangenen Befehls vorgebracht, daß die Deutschen in den genannten Orten Eigentumshandlungen vorgenommen haben, bevor die grundbuchamtliche Erwerbung der Grundstücke durch sie stattgefunden, wogegen von der deutschen Vertretung geltend gemacht wurde, daß die Vornahme der Auflassungsformalität, entgegen den Verträgen, von der Grundbuchbehörde verweigert worden ist Antisemiten unter sich Der antisemitische Abg. Liebermann von Sonnenberg beklagt sich in einem Rundschreiben an seine Anhänger, das sein Organ veröffentlicht, sehr bitter über seine reformerischen Brüder, die ihm in Hessen das Leben schwer machen. Seinem Unwillen und Jammer gibt er mit folgenden Worten Ausdruck: „Der Umstand, daß eine kleine Gruppe von Leuten in Kassel, die sich Antisemiten nennen und von der schadenfrohen Judenpresse planmäßig mit uns zusammengeworfen werden, fortgesetzt ihre vergifteten Pfeile nach den Vorkämpfern unserer Bewegung abschießen, ist auf die Dauer unerträglich geworden. — Dem bekannten Prozeß gegen einen Redakteur in Kassel, den ich anstrengen mußte, um die Erfindung zurückzuweisen, daß ich meine Wähler beschimpft hätte, und der ohne jede Schuld meinerseits nun schon 14 Monate schwebt, wird bald ein neuer aus ähnlichen Ursachen folgen müssen. Möge diese gerichtliche Notwehr die Friedensstörer zur Einstellung ihres traurig-häßlichen Treibens veranlassen." . Wenn ein Mann, wie Abg. Liebermann von Sonnenberg, sich als die verfolgte Unschuld geriert, so ist das schon possierlich genug. Der Komik aber wird die Krone aufgesetzt dadurch, daß es gleichfalls Antisemiten sind, gegen die sich der Führer der deutschsozialen Partei mit so liebenswürdigen Worten wenden muß. Auswandererelend Der „Jewish Chronicle" berichtet über folgenden Vorfall: Unlängst wurde einmal die ganze Art, in der Auswanderer während ihrer Reise nach England ausgeplündert werden, in Grimsby ans Licht gebracht Daß die armen Reisenden oft von den Schiffsoffizieren und andern in bezug auf die Reisestrecke getäuscht werden, ist niemand etwas Neues, der sich mit der Fremdeneinwanderung beschäftigt. Auch daß ihnen oft Geld unter dem Vorgeben abgeschwindelt wird, man sei in der Lage, ihre Zulassung in England zu ermöglichen, ist eine allgemeine bekannte Tatsache. Nur gelangen solche Fällen selten ans Licht Das Einwanderungsamt in Grimsby verhandelte jüngst über einige Fälle von Beraubung russischer Auswanderer, die über Hamburg nach England gekommen waren. Alle erzählten dieselbe Geschichte. In Königsberg und in Hamburg hätten sie ihr bißchen Geld Leuten anvertraut, die sich für Konsularbeamte ausgegeben und ihnen versprochen hätten, ihr Geld zur besseren Sicherheit dem russischen Konsul in Grimsby zu übergeben, der es bis zu ihrer Ankunft aufheben werde. Die armen Leute glaubten diesen Betrügern und sahen natürlich keinen Pfennig ihres Geldes wieder. Eine Frau verlor auf diese Weise ihre Habe von £ 7 und kam mit einen Schatz von 2 Pence in Grimsby an. Ein Mann, der einen Sohn in Leeds hatte, wurde um 25 Rubel betrogen, während ein anderer einem solchen Betrüger, der in Hamburg an Bord kam, anvertraute. Natürlich wurden den Unglücklichen in England wegen Mangels von Mitteln die Zulassung verweigert; der Fall kam vor das Einwanderungsamt Am Dienstag voriger Woche wurde demgemäß über die Betrügereien verhandelt die den Auswanderern auf dem Hamburger Dampfer „Oldham" zugefügt worden waren. Eine verheiratete Frau, Hanne Chailow, erzählte, der Betreffende habe ein offizielles Abzeichen getragen und habe versichert, die Schiffahrtsgesellschaft verlange das Geld der Auswanderer, um es dem Konsul in Grimsby in Verwahrung zu geben. Der Obersteward, der als Zeuge vernommen wurde, bestätigte diese Aussagen und sagte, daß er, als er erfahren habe, daß jemand das Geld der Auswanderer einsammele, sofort ins Zwischendeck geeilt sei, indessen sei der Mann verschwunden gewesen. Es scheint, daß der Betrüger früher in Diensten der Hamburg- Amerika-Linie stand, indessen am 1. ds. Mts. entlassen wurde. Seitdem ist er flüchtig und die Schiffahrtsgesellschaft lehnt jede Verantwortung ab. Das Einwanderungsamt erklärte, es sei sehr wünschenswert, daß die Gesellschaft alles tue, um den Dieb vor den Richter zu bringen, und anderseits dafür Soige trage, daß keine unkontrollierbare Person zu den Auswanderern aufs Schiff gelassen werde. Was die Einwanderer selbst betraf, so wurde Frau Chailow zurückgewiesen. Sie hatte Mann und drei Kinder in Rußland zurückgelassen und das Amt entschied, sie sei nicht in der Lage, sich selbst zu erhalten. Ein anderer Einwanderer war vor dem Militärdienst geflüchtet und der Rest habe keinerlei Aussicht, im Lande Unterhalt zu finden. Alle wurden zurückgewiesen. Hoffentlich trägt das Bekanntwerden dieser Vorfälle dazu bei, die Auswanderer zu größerer Vorsicht gegenüber Fremden zu veranlassen, die sich an sie herandrängen und auf das kindliche Vertrauen der Reisenden in jede Art Uniform rechnen. NOTIZEN Jüdischer Religionsunterricht in Preußen In der vergangenen Woche ist der preußische Unterrichtsetat dem Abgeordnetenhause vorgelegt worden. Er interessiert die jüdischen Gemeinden diesmal besonders mit Rücksicht auf die durch das Volksschulgesetz verursachten Mehrforderungen. Der sogenannte Resolutionsfonds, d. h. der Betrag, den die Regierung auf die Resolution des Landtages hin zur Verwendung für jüdischen Religionsunterricht anfordert, beträgt 40 000 -JL Zur Begründung heißt es: Es ist in Aussicht genommen, da, wo für den jüdischen Religionsunterricht nicht durch jüdische öffentliche Schulen oder seitens der bürgerlichen Gemeinde durch Anstellung jüdischer Lehrkräfte an den öffentlichen Volksschulen oder in anderer Weise gesorgt ist den leistungsschwachen Synagogengemeinden die Beschaffung des jüdischen Religionsunterrichts durch Gewährung von Beihülfen in solchen Fällen zu erleichtern, in denen dauernd mindestens 12 jüdische Kinder vorhanden sind. Es muß auffallen, daß die Regierung das Wort „leistungsschwach" in die Vorlage hineingebracht hat, welches in der Resolution des Landtages fehlt. Die Regierung scheint danach auf dem Standpunkt zu stehen, und hat dies auch durch die Höhe des Fonds zum Ausdruck gebracht daß es sich nur um eine Art Almosen handelt, das man Bedürftigen aus allgemeinen Mitteln reicht In der Kommission des Abgeordnetenhauses, in welcher die Resolution beraten wurde, wurde dieser Standpunkt nicht vertreten, vielmehr erachtete man es als eine Forderung ausgleichender Gerechtigkeit daß ebenso wie die jüdischen Steuerzahler die Kosten des christlichen Religionsunterrichts mit aufzubringen haben, so auch der