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Die Welt · 1908-01-17 · 3 (17.1.1908) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
3 (17.1.1908)
Date
1908-01-17
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 3 NEBELT 13 retten? Und wer sie selbst? Wenn sie aufschreien könnte! . . . Funken irrten vor ihren Augen . . . Sie taumelte und fiel auf den Teppich der Kapelle lautlos hin. Als Karl einige Stunden später an ihrem Bette saß und ihr in die feuchtglänzenden Augen blickte, stammelte er ein übers andere Mal: „Verzeihe mir!" — Von nun an geleitete ihn auf Schritt und Tritt das bleiche Antlitz der Mutter mit dem stummen Vorwurf... Die volle Erfüllung seiner Sehnsucht stand ihm bevor, und er wußte nicht, was Glück ist. Wo andre jauchzten, seufzte er. Vielleicht trug dazu der Umstand bei, daß seine Braut von ihm so grundverschieden war. Von einer Seelenharmonie zwischen ihnen war von jeher keine Spur. Aber auch seine Bemühungen, diese herzustellen, unterblieben jetzt ganz. Er konnte sich in wildem Verlangen nach ihrer Nähe verzehren, — sah er sie aber, so schien sie ihm in die Ferne entrückt, und vor seine Blicke schob sich das Bild seiner Mutter... Seine Nerven wurden allmählich zerrüttet, seine Lustigkeit unterwühlt und die Schwermut machte sich in seiner Seele breit wie eine Wolke. Zu Jörn Kippur küßte ihn die Mutter nicht mehr wie früher... Der Eindruck, den er empfangen hatte, als er sich vom Hausaltar abgewandt und sie am Boden liegen sah, grub sich ihm so tief ein, daß er sich immer und immer fragte, ob er nicht das Leben der Mutter, die von Tag zu Tag zusehends verfiel, einer unsichtbaren Gefahr aussetze. Für Herzenskranke ist heimlicher Kummer Gift. Ein kalter Schauer lief über Karls Rücken, wenn er daran dachte. Nur ließ ihm Hildegard nicht sonderlich viel Zeit dazu. Ein seltsames Wesen war sie auch im Umgang mit Ritsch, einmal schroff und kühl, dann wieder kokett und zutunlich, wie eine echte Wienerin. Oder war nur der Leutnant so zudringlich? Die Eifersucht verbiß sich in Karls Herz wie ein Skorpion. Hildegard fand ihn unverdaulich und setzte seinen Bitten und Drohungen nur Hohn und Trotz entgegen. Einmal, als er ihr mit zusammengebissener Stimme von dem Opfer sprach, das er ihr gebracht, lachte sie auf und rief: „Kannst dir ja die schöne Religion zurücknehmen". Das war zu viel! Wie ein gehetztes Wild lief er nach Hause... „Was hast du?" fragte die Mutter. Da mußte er ein glückliches Gesicht aufsetzen, wollte er sie nicht noch mehr betrüben. Und am nächsten Tage küßte er wieder Hildegards Fingerspitzen. Wie verachtete er sich im Innern! Ob nicht auch sie, die Stolze, ihn verachtete? Sie lächelte so eigen zu Ritsch hinüber. Das hätte Karl noch ertragen. Wenn aber dieser das Lächeln erwiderte, schäumte Karl auf.........-....... Richtig kam es so weit, daß er den Leutnant zur Rede stellte. Ein Wort gab das andere. Plötzlich fiel es wie ein Stein: „Schweigen Sie — Judenbengel!" Schon stürzte sich Karl gegen den Beleidiger, da sprang Hildegard dazwischen. —' Was blieb ihm nun übrig, als Kartellträger zu suchen? Mit schwerem Herzen ging er zu seinem Freunde, den er schon lange nicht gesehen hatte. Josef ließ sich den Sachverhalt genau erzählen, fragte, wie Karl zu dem Leutnant käme, forschte und brachte endlich heraus, daß es sich eigentlich um eine Dame handle. Die Wahrheit konnte Karl ihm nicht gestehen, da er befürchtete, einen gewiegten Sekundanten zu verlieren. Sie suchten zusammen Ludwig Schmid, den ewigen Juristen, auf, der sich sogleich mit Josef zu dem Gegner begab. 5 5 Karl erwartete zu Hause in heißer Ungeduld seine Sekundanten. Mit düsteren Mienen stellten sie sich endlich ein. „Was ist?" fragte Karl hastig. „Er gibt dir keine Satisfaktion," sagte Ludwig gelassen. Josef ging auf und ab. „Einem Juden, auch wenn er getauft ist, steht der Herr Leutnant nicht „zur Verfügung". . . . War es Josefs Stimme? „Übrigens reist er heute auf längere Zeit nach dem Süden" . . . Karl griff nach der Lehne eines Sessels, aus seinem Gesicht war alles Blut gewichen. „Ist's wahr?" fragte Josef mit zerrissener Stimme, „du wärst getauft?" Was sollte er ihm erwidern und wozu? „Und dennoch wagtest du, mich mit deiner Vertretung zu betrauen!" Er nahm den Hut und wendete sich zum Gehen. „Josef!" Es war wie ein Aufschrei aus Angst und Not. „Was willst du?" fragte Josef mit leiser Stimme und legte den Hut beiseite. Ludwig Schmid sah, daß er überflüssig war, und empfahl sich. Nun standen sich die beiden Jugendfreunde allein gegenüber. „Ist das wahr? Wie konntest du es tun? Was hast du alles vor mir verheimlicht!" -Er konnte nicht genug fragen in seinem Schmerz. Jeder Abfall eines Juden schmerzte ihn, wie wenn man ihm eine Wunde beigefügt hätte. . , . „Wir sind gering an Zahl, rings von Feinden umgeben, — wie dürfen wir da einander verraten und im Stich lassen? Zusammenhalten wie Brüder müssen wir! Haben unsere Ahnen vergebens gekämpft und geblutet? .... Du sagst, du wärst noch Jude im Herzen. Das genügt uns nicht. Vor der Welt hast du durch die Taufe dokumentiert, daß du mit uns nichts mehr zu schaffen haben willst, daß unser Glaube nichts anderes wert sei, als aufgegeben zu werden, daß unsere Nation ein Restchen von Fremdlingen sei, das man verlassen kann. Und ein schlechtes Beispiel hast du mit diesem Schritt gegeben. ... Du entschuldigst dich mit deiner Liebe. Eine Nation ist wie eine Mutter. Es gibt nur eine Mutter. Einer Leidenschaft folgen ist in meinen Augen ein blindes Beginnen. Auch Eitelkeit, mit Leichtsinn gepart, ist dem gewöhnlich beigemischt. Eine Christin erobert! Hast du sie aber wirklich erobert? Hat sie auch nur ein Opfer für dich gebracht? Deines nahm sie gewiß als selbstverständlich hin und — lachte. Sie lachte wahrscheinlich auch, als dich der Offizier beschimpfte. War es nicht so? So straf mich doch Lügen!" — Und Karl nickte und sprach und erzählte, gleichsam von einer Macht bezwungen, und schüttete sein Herz vor seinem Freunde aus. . . . Und sein Freund sah, daß darin kein Glück war, kein Triumph und kein Licht, sondern Kummer, Angst und Wirrnis. Da tat ihm der andere so leid, daß er ihm über das wirre Blondhaar strich, wie es eine Mutter tut. Und Karl schluchzte auf. Am Abend desselben Tages erfuhr Karl, daß seine Braut heute abgereist sei, — wahrscheinlich nach dem . Süden. . . . Durch eine geschickte Transaktion des alten Thal war sie vor zwei Tagen in den Besitz eines ansehnlichen Vermögens gelangt. Jetzt brauchte Leutnant von Rit§ch keine Kaution mehr.

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