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Die Welt · 1908-01-17 · 3 (17.1.1908) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
3 (17.1.1908)
Date
1908-01-17
Page
– (sequence 10)
Language
German
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12 , D\E% Und nicht nur, daß sie eine neue Idee verkörperten, sie leisteten in Österreich fruchtbare organisatorische Arbeit, sie schufen ein brauchbares Organisationsgefüge, das sie willig und zur rechten Zeit Herzl zur Verfügung stellten. Die jubilierende Verbindung hat eine schöne Tradition. Werden die besten Namen im Judentum und die Männer genannt, die Herzl bewegten, nicht nur Architekt, sondern auch Baumeister zu sein, und ihm treu zur Seite standen, so sind nicht wenige Kadimahner darunter. Dieser Tradition sich würdig zu erweisen, es wäre eine der Jugendbegeisterung werte Aufgabe. Wir stimmen nicht mit denjenigen überein, die mit Berufung darauf, daß der Zionismus aufgehört hat, eine Studentenbewegung zu sein, der akademischen Jugend die Aula überlassen und die Tugend der Disziplin. Der Zionismus kann der Intelligenz nicht entbehren, die Bewegung braucht nicht nur Strammheit und Organisation, sondern auch klare Erkenntnis und wissenschaftlich geschärften Weitblick, nicht nur Geschlossenheit sondern auch tiefe Einsicht und intensive „Judaisierung des Juden". Die ersten Kadimahner waren gewiß nicht bescheiden. Sie wußten, daß alle Blicke auf sie gerichtet sind. — Leo Pinsker betrachtete sie als seine Erben, und Jehuda Leib Gordon entbot ihnen seinen Gruß. Von hohem Verantwortungsgefühl getragen, drückten sie einem Jahrzehnt jüdisch-nationaler Bewegung in Österreich ihren Stempel auf. Die stolzen Erinnerungen an diese Oberlieferungen mögen die akademische Jugend Wiens zur höchsten Anspannung ihrer Kräfte im Dienste des Zionismus anspornen. Wenn auch aus dem einsamen Kadimah-Fähnlein ein rauschender Fahnenwald geworden, die Kadimahner und mit ihnen die ganze zionistische akademische Jugend mögen mit dem vollen Einsatz ihrer Tatkraft und Jugendbegeisterung die Arbeit fortsetzen wie einst, als sie die einzigen waren. Denn nicht minder ehrenvoll, als Vorkämpfer, ist es, Vorarbeiter'zu sein. Dies unsere Glückwünsche zum fünfzigsemestrigen Stiftungsfest. Austriacus.. Zu den galizischen Landtagswahlen Der polnische Nationalrat erließ bereits seinen Wahlaufruf zu den Landtagswahlen. Er spricht systematisch nur von den zwei Galizien bewohnenden Nationen, — Polen und Ruthenen. gELT No. 3 In der Bukowina steht, ebenso wie in Galizien, eine Landtagswahlreform bevor. Aus diesem Anlasse fand in Radautz eine jüdische Bürgerversammlung statt, in der die Herren Dr. Bierer, Luttinger, Diamant u. a. referierten. Es wurde eine Resolution angenommen, die die Sicherung von acht jüdischen Wahlkreisen verlangt. In Krakau fanden Kultuswahlen statt Der Führer der früheren Opposition, Abg. Dr. Adolf Groß, schloß ein Kompromiß mit der Kahalpartei ab, wonach den „Unabhängigen Juden", so heißt die Krakauer Groß-Partei, kampflos 6 von 15 Mandaten überlassen wurden. Bemerkenswert ist die Art und Weise des Kompromisseins. Offiziell wurde nichts verlautbart Nur stellten die Polenklubs- Moschkos bloß 9 Kandidaten auf, während Dr. Groß „zufällig" nur 6 Mandatsbewerber nominierte. Daß Herr Abg. Dr. Groß nicht den Mut hat, dafür einzustehen, was er hinter dem Rücken der Öffentlichkeit mit seinen angeblichen Feinden, den von ihm langjährig bekämpften „Korruptionisten" abmacht ist nicht mehr neu. Seit Jahren verschleiert Dr. Groß mit Zweizüngigkeit seine Prinzipienleere. Er ist in seinem polnischen „Tygodnik" radikal und fortschrittlich, heuchelt jedoch in der jüdischen Beilage alle klerikalen. Anwandlungen seines chassidischen Anhangs. Er unterstützt und „fördert" die „Separatisten", sog. jüdische Sozialdemokraten, — die sich natürlich dafür bei Wahlen usw. erkenntlich zeigen, — läßt aber keine Anhänger „Klausorganisationen" von Arbeitern bilden. Er ist als „unabhängiger Jude" gewählt, ist zugleich Mitglied der polnisch-demokratischen Partei, fungiert im Reichsrat als „unabhängiger polnischer Sozialist". Es ist dem „Jüdischen Arbeiter", dem einzigen vom Abg. Dr. Groß unabhängigen jüdischen Blatt in Krakau als Verdienst anzurechnen, daß er uns dieses Groß- Chamäleon in seiner wahren Farbe zeigt und die „Unabhängigen" unausgesetzt an der weiteren Verbreitung hindert. In der Sitzung des Wiener Kultusvorstandes vom 5.d. Mwurde unter andern Hofrat Dr. B. Rappaport ins Vertreterkollegium gewählt der seine Tochter an einen Christen verheiratet hat O [(□□□□□□ FEUILLETON DER RENEGAT Skizze von M. Scherlag (Schluß) Die Verlobungsfeier wurde auf den 1. September angesetzt. Zuvor mußte der alte Thal eine beträchtliche Summe vorstrecken, um das in Exekution stehende Gut des Aristokraten zu retten, das schließlich ja einmal Hildegard zufallen sollte. Auch andere Transaktionen zu deren Gunsten, n.hm der gewiegte Rechner in die Hand. . . Trotz des verregneten Tages hatte sich eine zahlreiche, glänzende Gesellschaft in dem weiten Salon der aristokratischen Villa eingefunden und unterhielt sich in Gruppen. Um die Frau Thal kümmerte sich niemand. Karl schien in eine heftige Unterredung mit Hildegard geraten zu sein. Frau Thal hätte gerne den Grund wissen und sonst ein Wert mit ihrem Sohne reden mögen, aber er dachte nicht an sie. So sind die Kinder! Und schon wollte sie sich über die heißen 1 ider fahren, als sich eine Flügeltür auftat und ein feister Geistlicher erschien, der sofort zum Mittelpunkt der Gesellschaft wurde Es war der Onkel-Vikar, der jeden dritten Sonntag hier die Messe las. . . Hildegards Vater mit der imposanten Glatze lud nun die Gäste in die Hauskapelle ein. Bei ihm müsse alles korrekt, feierlich und christlich vor sich gehen, — er gedachte seiner verstorbenen Frau, — auch eine Verlobung sei ein heiliger Akt . . . Karl führte Hildegard ernst und finster. Leutnant von Ritsch führte mit einem neckischen . Lächeln eine entzweibrechende Cousine . . . Wer hat die Frau Thal geführt? Wo war sie nur? Betäubende Gerüche umwallten sie. Mystisches Licht schimmerte ihr entgegen. Dort, der nackte Mann mit dem Dornenkranz, — was hatte er für Augen? Und das Glöcklein, — wie schaurig klang es! Wo blieb nur ihr Sohn? Hat ihn der Weihrauchnebel verschlungen? Wer sollte ihn

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