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Die Welt · 1908-01-17 · 3 (17.1.1908) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
3 (17.1.1908)
Date
1908-01-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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DIE B^Ei No. 3 gunsten dieser immer noch populärsten Volksinstitution nur dann möglich sein wird, wenn sich ein Spezialbureau, getrennt vom Z. K. der Agitation, für ihn widmen wird. Nachdem nun das Direktorium des N. F. dies ebenfalls eingesehen und die nötigen Mittel dazu bewilligt hat, soll nunmehr ein spezielles Bureau für den N. F. in Moskau ins Leben gerufen werden, und zwar unter der Leitung des Herrn Dr. Tschlenow. Dem beifällig aufgenommenen Berichte des Z. K. folgte über alle im Berichte behandelten Fragen eine lebhafte aber von kollegialem Geiste getragene Aussprache, die zwei Sitzungen ausfüllte. Schließlich wurde der Bericht des Z. K. gebilligt und alle seine getroffenen Entscheidungen betreffs des Moskauer Bureaus des N- F., des Wiedererscheinens des „Jüdischen Volkes", der Anstellung eines neuen besoldeten Sekretärs usw., sanktioniert. Einen großen Teil der Verhandlungen nahm die Frage der bevorstehenden Konferenz der jüdischen Wahlmänner aller bisherigen drei Wahlkampagnen in Anspruch. Der Gedanke einer derartigen Konferenz wurde bereits kurz nach Auflösung der zweiten Duma in einigen zionistischen Blättern Rußlands ventiliert. In der letzten Zeit nun hat dieser Gedanke eine greifbare Form angenommen, es bildete sich in Petersburg ein vorbereitendes Komitee aus Vertretern von vier Organisationen, und zwar der zionistischen, der Volkspartei, der Volksgruppe und der demokratischen, und nun wollten unsere Vertreter in diesem Komitee gewisse Direktiven von dem Z. K. und den russischen Mitgliedern des A. C. für ihr Verhalten haben. Die Aussprache führte auch zu dem einmütigen Beschluß, die zionistischen Wahlmänner zu veranlassen, sich möglichst aktiv und zahlreich an der bevorstehenden Konferenz zu beteiligen. Wenn man aüch bei der jetzigen politischen Stimmung und wirtschaftlichen Depression in Rußland an keine großen Aktionen denken kann, so dürfte doch eine gründliche Aussprache der jüdischen Wahlmänner und Dumaabgeordneten über die von ihnen bei den Wahlen und in der Duma gemachten Erfahrungen von großem Nutzen sein. Ebenso sollen verschiedene Fragen der inneren Organisation des Judentums auf der Konferenz zur Verhandlung kommen, und auch auf diesem Gebiete könnten sich die verschiedenen jüdischen Organisationen vielleicht über manche Punkte recht gut verständigen und ein Stück des Weges gemeinsam gehen. Es wurde daher dem Z. K. Vollmacht erteilt, an den Vorbereitungsarbeiten der Konferenz sich weiter zu beteiligen und seine bisherige Taktik weiter zu befolgen. Von den sonstigen Beschlüssen sei noch erwähnt, daß nunmehr eine energische Aktion zugunsten des Parteifonds eingeleitet werden soll, und zwar ohne Rücksicht auf andere Sammlungen für unsre anderen Institutionen, und daß der diesjährige Schekeltag während des Purimfestes stattfinden soll. —n.—sch. ELT 11 Wiener Brief Das Jubiläumsfest der „Kadimah" Die jüdisch-nationale akademische Verbindung „Kadimah" feiert ihre fünfundzwanzigjährige Gründungsfeier. Fünfundzwanzig Jahre Zionismus und Nationaljudentum in Österreich, — dies ist die geschichtliche Bedeutung dieses weit über den bescheidenen Rahmen einer akademischen Vereinigung hinausragenden Festes. So mancher gedenkt sinnend und verträumt in seinen Erinnerungen der zarten Anfänge der fünfundzwanzigjährigen Sturm- und Drangperiode des Judentums, der Zeit ahnungsvollen Suchens und sich ganz hingebender Jugendglut. So wie der Zionismus in Rußland die Gründung Rischon-le-Zions, ohne es mit der geschichtlichen Wahrheit allzu genau zu nehmen, als die erste Frucht seines zur Tatkraft gereiften Wollens feiert, so hat der Zionismus in Österreich wie in Westeuropa allen Grund, der Stiftung der „Kadimah". als des Vorbotens seiner späteren Machtentfaltung, in festlicher Stimmung zu gedenken. Es ist freilich ein müßiges Beginnen, Abschnitte historischer Entwicklung mit dem Kalender in der HanJ in bestimmte zeitliche Schranken pressen zu wollen. Wir messen aber gern auch unmeßbare Strecken des Lebensweges einer Nation mit ragenden Meilensteinen. Unsichtbar walten die Kräfte sozialer und geschichtlicher Entwicklung in den Lebenstiefen, wer kann ihren Ursprung erblicken? Dem Auge verborgen sind die unzähligen Wasserfäden, die sich in der Erdrinde den Weg bahnen, bis sie, zur Quelle vereinigt, sprudelnd hervorbrechen, zum Bach und Strom anschwellend. Das Entstehen einer jüdischen Akademikerkorporation in einem Zentrum der Ideologie des Nichtseins war ein solches sichtbares Zeichen einer Revolution, die die Herzen und Köpfe ergriffen, nachdem die Grundfesten des jüdischen Volkslebens bereits endgültig erschüttert waren. Die große Masse der Juden Österreichs rang vergebens nach einem Ausweg aus ihrem, wirtschaftlichen Ghetto. Nach Jahrzehnten bürgerlicher Emanzipation waren Hunderttausende dazu verurteilt, im rückständigen, in seiner Entfaltung eingeschränkten ökonomischen Organismus Galiziens als verstümmeltes Glied dahinzusiechen. Tausende, die sich hinüberzuretten suchten aus dem Elend des Ostens nach Wien, der einzigen aufnahmefähigen Großstadt der Monarchie, waren nur lebendige Zeugen der Qualen der Enge, in der die Mehrheit der Juden Österreichs erstickte. In Rußland gesellte sich zur drückenden wirtschaftlichen Not — Paul Dimidow weist in einer Schrift „Judenelend" nach, daß schon zu jener Zeit in einem Städtchen Keidan vier Familien in einer „Wohnung" zusammengepfercht zu leben pflegten, wobei auf einen Juden nur ein halbes Pfund Fleisch in der Woche entfiel — die Knute der Gesetzgebung unter Alexander III. Die erste Pogromperiode brachte schließlich allen Juden, die die ehernen Hammerschläge der Geschichte nur dann fühlen, wenn sie auf ihren Schädel niedersausen, zum Bewußtsein, daß drüben ein Millionenvolk erdrosselt wird. Der Moment war gekommen, wo die sozial-wirtschaftliche Isolierung, das Erbe einer jahrhundertelangen Entwicklung, in Verdrängung umgeschlagen hat. Tausende von Juden setzten sich in Bewegung.. Schon am Ende der siebziger Jahre empfing die nordamerikanische Union je 8000 bis 10000 Juden jährlich. In den achtziger Jahren wurden 25000 jährlich dreißig und noch mehr übers Meer geschleudert.. Am Tage, als die erste jüdische Auswanderergruppe vom Boden Europas losgerissen wurde, ist der moderne Gedanke der Rückkehr ins Judenland geboren worden in all seiner Größe und Majestät, wenn auch zunächst in unzulänglicher Form. Es war kein Zufall, daß es hauptsächlich von europäischer Kultur durchdrungene Ostjuden waren, die zu den tätigsten Gründern der „Kadimah" gehörten. Ihnen war die Anpassungstheorie der in der herrschenden Gesellschaftsschicht aufgehenden Westjuden unverständlich. Sie gingen mit der Sicherheit von Verkündern einer neuen Wahrheit daran, den harten Boden von Wien, dieses Knotenpunktes, wo Ost und West sich kreuzen, urbar zu machen und von hier aus zu allen „emanzipierten" Westjuden über das Glück der inneren Freiheit zu sprechen. „Es konnte nicht der geschichtliche Sinn der Emanzipation sein, daß wir aufhören, Juden zu sein, denn wir wurden zurückgestoßen, als wir uns mit den andern vermischen wollten". Zurückgestoßen! Wenn auch die Triebkräfte der wirtschaftlichen Isolierung und Verdrängung im Westen nicht mehr wie im Osten wirksam waren, die geistige und gesellschaftliche Isolierung blieb bestehen, das „neue Ghetto". Und dieser Boden war nicht unempfänglich für die „Saat von Gedanken", die ausgestreut werden mußle, bevor Theodor Herzl den Bau von Einrichtungen mit mächtiger Hand aufführte. Was waren das für Gedanken? Die jungen Studenten, die sich um Bierer und den Diktator der jüdischen Jugend Rußlands, Perez Smolensky, scharten, haben den höchsten Grundsatz der Politik befolgt — das Aussprechen dessen, was ist. Wird jedoch einmal der Schmerz, Jude zu sein, um mit Herzl zu sprechen, in die größte Seeligkeit verwandelt, wird das Judentum nicht eine zu heilende Krankheit, sondern ein kostbares Gut, dann folgt aus dieser Erkenntnis der Satz von der Selbstemanzipation, von dem befreiten Volkstum. „Anstatt", sagt irgendwo Bernard Lazare, „das Judentum zu christianisieren, judaisieren wir den Juden, lehren wir ihn zu leben für sich selbst, zu sein, er selbst." Die ersten im Westen Europas, die das Heranstürmen einer neuen geschichtlichen Epoche im Leben unseres Volkes hörten, waren die Begründer der „Kadimah".

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