Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 3 (17.1.1908)
- Date
- 1908-01-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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io DIE3< Bei einer Darstellung der Sachlage, die über die Frage, wer Bauherr der Bahnfortsetzung im Zweistromland sein solle, einfach in London und Berlin die Entscheidung fallen läßt, scheint allzuwenig berücksichtigt zu werden, daß noch jemand anders ein Wort, und schließlich das ausschlaggebende, zu sprechen hat, die Türkei. Die Konzession der Bahn bis Bagdad ist an eine deutsche Gesellschaft erteilt; es liegt für die Hohe Pforte kaum ein Anlaß vor, hieran etwas zu ändern. Ebensowenig ist anzunehmen, daß die Türkei sich entschließen würde, die Konzession für die Schlußstrecke bis Kuweit an England zu geben, gerade heute, wo sie durch die Hedschasbahn sich in den Stand gesetzt hat, ihre Autorität in Arabien und namentlich den aufrührerischen Bakhtiarenstämmen gegenüber besser als bisher zu wahren, dem Kalifat bis zum indischen Meer wieder erhöhte Geltung zu verschaffen. Die* mesopotamische Frage erscheint also heute noch durchaus nicht spruchreif, womit zugleich das Curzonsche Projekt einer südasiatischen Transkontinentalbahn Kwette- -Kerman— Kermanschah— Sues fällt. Vielmehr liegen die aktuellen Gegensätzlichkeiten vorläufig noch in Anatolien, in der Frage, wie hier das Kapital für den Weiterbau beschafft, die Kilometergrenze ohne Verletzung britischer Interessen geordnet werden soll. Die einfachste Lösung des Problems wäre offenbar die, wenn England selbst kapitalistisch sich beteiligen würde. Hiergegen ist deutscherseits stets mit aller Schärfe protestiert worden, weil das deutsche Unternehmen nicht „internationalisiert" werden dürfe. Ein Wort sehr dehnbarer Deutungsmöglichkeit wie alle Schlagwörter. Das Unternehmen ist ein internationales, finanziert mit starker Beihülfe Frankreichs und Österreichs, aber unter anerkannter Führerschaft und Leitung Deutschlands stehend. Anteil und Einfluß kann sich jeder Staat verschaffen durch Aktienkäufe; Börsenberichte wußten vor einiger Zeit tatsächlich über starke Londoner Bezüge zu berichten. Und anläßlich eines Zusammentreffens der Direktoren der Deutschen Bank und der Ottomanbank sowie des Delegierten des Verwaltungsrates der Bagdadbahngesellschaft in Paris im Frühjahr betonte der Temps, die entente cordiale Frankreichs mit England verbürge, daß keine Abmachungen ohne Berücksichtigung der britischen Interessen getroffen würden und daß französischerseits eine britische kapitalistische Beteiligung gern gesehen würde. Nimmt man dazu, daß England neuerdings aus seiner Passivität in Anatolien heraustritt, wie es z. B. die starken Investitionen der Bank von England in das bisher ausschließlich französische Unternehmen der Kaigesellschaft beweist, so scheint es geraten, daß wir unsere Stellung in der Frage .der Internationalisierung revidieren. Sobald England unsere Führerschaft und Vormachtstellung loyal anerkennt, sollte seiner Mitarbeit an der Förderung des Bagdadbahnunternehmens, insbesondere der kapitalistischen Beteiligung, nichts in den Weg gelegt werden: die mesopotamische Frage könnte einstweilen aus den Verhandlungen gänzlich ausgeschieden werden angesichts dessen, daß die Durchführung des Projekts bis zu jenem Gebiet hin noch in weiter Ferne steht und daß wir die Streitsache Bagdad--Kuweit als interne Angelegenheit der Hohen Pforte und England zu betrachten haben. (Deutsche KolonialzeitungJ Die Sitzung des Zentralkomitees der russischen Zionisten in Berlin am 8. Januar 1908 (Spezialbericht für die „Welt".) Im Anschluß an die Sitzung des Großen Aktionskomitees fand am 8. Januar im Hotel Terminus in Berlin eine gemeinsame Sitzung des Zentralkomitees der russischen Zionisten und der russischen Mitglieder des A. C. statt. Anwesend waren folgende Herren: B. A. Goldberg, I. C. Goldberg, B. Joffe, Dr. E. Tschlenow, I. Rosow, Dr. Sch. Lewin, M. Ussischkin, A. Podlischewsky, gELT No. 3 N. Sokolow und A. Idelson. Außerdem wohnten den Verhandlungen mit beratender Stimme die Herren W,. Schabottinsky. S. Rawikowitsch und L. Motzkin bei. Den Vorsitz führte Herr Dr. E. Tschlenow. Aus dem von Herrn B. Goldberg verlesenen eingehenden Bericht des Z. K. geht hervor, daß der Zionismus in Rußland die von ihm dank der politischen Ereignisse in diesem Lande durchgemachte Krisis bereits überwunden hat und nunmehr wiederum in einer völlig normalen Entwicklung begriffen ist. Die Verhandlungen des Kongresses im Haag sowie seine Ergebnisse fanden in Rußland überall die lebhafteste Zustimmung, und die Zirkulare des Zentralkomitees, die dem Kongresse gewidmet waren, fanden eine außerordentlich große Verbreitung. Kurz nach seiner Rückkehr vom Haag konstituierte sich das neu gewählte Z. K. und begann seine agitatorische und .organisatorische Tätigkeit. Daß dieselbe nicht fruchtlos geblieben ist, beweist die Tatsache, daß es dem Z. K. gelungen ist, die letzten fünf Monate nicht allein ohne Defizit, sondern sogar mit einem kleinen Uberschuß abzuschließen. Allerdings ist dieses günstige finanzielle Ergebnis der großen Sparsamkeit, die das Z. K. geübt hat, zuzuschreiben, denn anstatt der im Voranschlage vorgesehenen 2500 Rubel monatlich hatte das Z. K. in den fünf Rechnungsmonaten Juli—November nur etwa 8000 Rubel ausgegeben. Dagegen ist es bisher nicht gelungen, das alte Defizit zu decken; das Z. K. hofft aber, daß bei einem energischen Vorgehen es doch möglich sein werde, die finanziellen Verhältnisse der russischen Organisation ein für allemal auf einer gesunden Grundlage aufzubauen, m diesen 5 Monaten sind vom Z. K. 103000 Zirkulare und Proklamationen verbreitet worden. Von der Broschüre über den Bezalel wurden 5000 Exemplare abgesetzt. Eine sehr erfreuliche Erscheinung ist es, daß es in ganz kurzer Zeit gelungen ist, die nach Rußland zugeschickten 600 Exemplare der palästinensischen Zeitschrift „Haomer" abzusetzen. Auch die sonstige zionistische Literatur findet einen recht guten Absatz, — das beste Zeichen einer wiederkehrenden Gesundung unserer Bewegung in dem erschütterten Rußland. Mit dem Wiedererstarken der Bewegung wachsen auch die Aufgaben des Z. K, und es sei daher unumgänglich, noch eine besoldete literarische und organisatorische Kraft beim Z. K. anzustellen und zugleich die nach dem Kongreß eingegangene Wochenschrift „Das Jüdische Volk" wiederum ins, Leben zu rufen. Oberall in Parteikreisen vermißt man diese Wochenschrift, und das Z. K. hofft bei einem sparsamen Wirtschaften und vor allen Dingen durch Ausschluß des belletristischen Teiles, der mehr aus ästhetischen als aus parteipolitischen Gründen mit einem großen Kostenaufwande gepflegt wurde, dieselbe ohne übermäßige Belastung des Budgets herausgeben zu können. Der vom Z. K. subventionierte und nunmehr unter seiner Kontrolle stehende „Räßwjet" in Petersburg zeigt auch eine erfreuliche Entwicklung, und man will jetzt daran gehen, neben dem Wochenblatte auch ein Sammelbuch von etwa 18-20 Druckbogen herauszugeben. Für die hebräische Wochenschrift „Hatechia", die das Odessaer Palästina-Komitee herauszugeben sich anschickt, hat das Z. K. ebenfalls eine Subvention von ungefähr 100 Rubel monatlich in Aussicht gestellt. Dagegen konnte das Z. K. den auf der russischen Landeskonferenz im Haag gefaßten Beschluß betreffs Herausgabe einer täglichen Zeitung im Jargon bisher noch nicht durchführe^ es ist aber bestrebt, die Privatinitiative für eine zionistische Tageszeitung wachzurufen, und dementsprechende Verhandlungen sind schon im Gange. 'Der Bericht hebt weiter rühmend die Tätigkeit der in Odessa ins Leben gerufenen „Kopeken - Bibliothek" M hervor, die geradezu in Hunderttausenden von Exemplaren bis in die ärmsten Schichten der jüdischen Bevölkerung eindringt, um die zionistische Saat auszustreuen. Dagegen konstatiert der Bericht mit Bedauern, daß gerade einige große jüdische Zentren wie Kiew, Ekaterinoslaw und namentlich Odessa mit ihren Sammlungen für zionistische Zwecke im Rückstände sind. . Ebenso gelingt es dem Z. K. noch immer nicht, das beim Odessaer Palästina-Komitee fortwährend einlaufende Material aus Palästina für die Zwecke der Agitation und Information von ihm zu erhalten. Das Z. K. "hat jetzt in Petersburg zwei Kommissionen eingesetzt, eine allgemeine politische und eine juristische, die die rechtlichen Unterlagen der zionistischen Organisation schaffen, und auch sonst seine Interessen in Streitfällen vertreten soll. Außerdem hat sich an dem Sitze des Z. K. in Wilna unter dem Vorsitz von B. Goldberg eine Palästina- Kommission gebildet, die für den Ausbau des Nachrichtendienstes aus Palästina, die Verbreitung von Kenntnissen über das Land usw. .Sorge tragen soll. Was den Nationalfonds anbelangt, so ist man zur Oberzeugung gekommen, daß eine ersprießliche Tätigkeit zu- ') Es sind kleine Monographien über zionistische Fragen u„,l 1,,-titmioncn, die im Jargon verfaßt und für nur eine Kopeke verkauft werden. ■»