Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 3 (17.1.1908)
- Date
- 1908-01-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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■■ DIE^ELT sehr groß, und unermeßlich war das Zutrauen, das ihm die jüdischen Massen entgegenbrachten. Das läßt sich durch die unantastbare Ehrlichkeit der Prinzipien von Swientochowski erklären. Die Ver. teidigung der Juden als Menschen und Bürger ist die logische Konsequenz seiner Auffassung der sozialen Gerechtigkeit und der Grundprinzipien des Fortschrittes. Während Orzeschkowa, Konopnika und andere polnische Schriftsteller ihr Verhältnis zu den Juden auf das Gefühl der Barmherzigkeit und des Mitleids stützten und durch Beschreibung des Lebens der armen unglücklichen unwissenden jüdischen Masse die Leser rühren wollten, hat Swientochowski ganze Generationen der polnischen Intelligenz im Lichte der Ideale der bürgerlichen Freiheit erzogen, ihre religiösen Vorurteile und Kastengeist ausgerottet, die schädliche Macht des Klerus bekämpft, mit einem Worte — er hat in das geistige Leben der polnischen Gesellschaft unerschütterliche Postulate der Gleichheit und Brüderi lichkeit aller hereingebracht — und die Ernte dieser Tätigkeit brachte den Juden viel mehr Früchte als die Sentimentalität verschiedener gutmütigen Schriftsteller und Schriftstellerinnen. Die Anerkennung der Rechte der Juden auf volle Gleichberechtigung war selbstverständlich, weil ein jeder Zweifel das von Swientochowski mit so großer Mühe aufgerichtete Gebäude zum Sturz gebracht hätte. — Im Jahre 1881 während des Judenpogroms in Warschau hat - Swientochowski durch die Tat bewiesen, daß seine Überzeugungen nicht tote Buchstaben, sondern lebendige Wegweiser des Lebens sind. Während der gefährlichsten Momente erschien Swientochowski auf den Straßen Warschaus und hat durch seinen persönlichen Einfluß viel dazu beigetragen, die aufgebrachten Volksmassen zu beruhigen. Kolossal großer Popularität erfreute sich die Novelle von Swientochowski „Chana Rubin", in der er mit dem ihm eigenen Talente das tragische Schicksal einer jüdischen Verkäuferin, die im Schweiße des Angesichts für ihre Kinder arbeitet, dargestellt hat Chana wird am Ende von einem betrunkenen Bauern beraubt und ermordet. Die Erzählung endet mit einer Apostrophe, die sich durch ihre Ironie dem Gedächtnisse eines jeden Lesers tief einprägt: daß du, Chana, in meinem Lande lebtest und von dem Brote seines Bodens deine Kinder ernähren wolltest, das verzeih' ich dir!" Als die "national-jüdische Bewegung entstand und der Zionismus nach i Polen kam, hat sich Swientochowski über dieses Problem nicht ausgesprochen, obgleich er in der von ihm redigierten Zeitung „Prawda" Artikel brachte, die ernst und mit einer gewissen Sympathie die neue jüdische Bewegung behandelten (Artikel von K. Kraus). Und das zur Zeit, als die ganze polnische Presse den Zionismus beschimpfte und auslachte und keine schmutzigen Insinuationen scheute. Als endlich einer der Zionisten Swientochowski öffentlich über sein Verhältnis zum Zionismus interpellierte, erklärte sich Swientochowski als ideeller Gegner der jüdisch-nationalen Be- > wegung in der Diaspora und verteidigte die Losungen der alten; Assimilation. Und kein Wunder, der alte Kämpfer für die Ideale der Verbrüderung der Juden mit der autochthonen Bevölkerung konnte am Ausgange seiner Tätigkeit sich nicht den neuen spezifisch jüdischen Strömungen anpassen, deren historische Notwendigkeit er nicht verstand und die eine Verneinung dessen bildeten, wofür er eine so lange Reihe von Jahren unermüdlich gekämpft hat. Als im Jahre 1906 während der Dumawahlen die Kandidatur M von Swientochowski von der polnischen fortschrittlichen Partei aufgestellt wurde, haben die jüdische Bevölkerung und die zionistische Organisation dieseKandidaturunterstütztund dadurch ihren Sympathien r; für Swientochowski und der Anerkennung seiner Verdienste Ausdruck |l gegeben. Klein ist das Häuflein der polnischen Fortschrittler, — ich | meine hiermit die Vertreter der bourgeoisen Intelligenz. Ihre Reihen Ü lichten sich immer und immer mehr, weil die neue Generation sich ■ J} den extremen Bewegungen, sei es den national polnischen, sei es H den sozialistischen, angeschlossen hat fi' H «i No. 3 Aber die wenigen polnischen Fortschrittler, die den Leser- und Verehrerkreis von Swientochowski bildeten, sind wahre und. prinzipielle Freunde der jüdischen Gleichberechtigung und bilden das notwendige Gegengewicht zu den antisemitischen Gelüsten des Klerus und des polnischen Kleinbürgertums. Die Periode der geistigen Hegemonie von Swientochowski bildet in der Geschichte der polnisch-jüdischen Beziehungen eine Epoche, die vielleicht an konkreten Resultaten nicht reich, aber von edlen humanen Tendenzen ganz durchdrungen ist Im Buche dieser Geschichte ist sie eines der lichtesten Blätter. Und deswegen sind es die Juden, welche Swientochowski die vollste und wärmste Anerkennung entgegenbringen wollen. M ... a Deutschland und England in der asiatischen Türkei Wenn zwei Nachbarn nach einer Zeit der Mißstimmung sich wieder die Hand reichen, so pflegt eine gründliche Auseinandersetzung zu folgen: welche Rechte sind beiderseits verletzt worden? Wie können durch deren vernünftige Abgrenzung künftig ähnliche Zwistigkeiten vermieden werden? Anders bei der Versöhnungsfrage Deutschland-England. In den Tagen des Kaiserbesuchs in London wurde ein über das andere mal versichert, daß irgendwelche Abmachungen realpolitischer Art nicht in Frage ständen. Selbst bei dritten Mächten, die in der natürlichen Besorgnis, es möchte unter Umgehung und zum Schaden ihrer Interessen paktiert werden, in solchen Fällen der Lust, über geheime Abmachungen zu fabulieren, die. Zügel schießen zu lassen pflegen, versagte diesmal das Kombinationsvermögen. Einzig in der „Revue de Paris" wurde der Englandfahrt der Zweck untergeschoben, sie solle einen endlichen Austrag des Bagdadbahnstreits zwischen Deutschland und Großhritanien herbeiführen. Und zwar in der Weise, daß wir uns mit der Durchführung der Konzession bis zum oberen Mesopotamien, etwa Mosul oder Kerkuk, begnügten, das übrige Gebiet derTrassierung — der alten Forderung Albions entsprechend — als britische Interessensphäre anerkannten. Die Kombination hat deutscherseits in einem vielbemerkten Artikel der „Hilfe" Rohrbach sich zu eigen gemacht; nach ihm spitzt sich sogar die ganze, jetzt zu einem gewissen Abschluß gekommene Episode der englischen Politik, durch welche die von Bismarck für Berlin gewonnene diplomatische Präsidentschaft im Rat der Großmächte wieder nach London verlegt wurde, auf dieses eine Ziel zu. „Man darf mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, daß die Einkreisungspolitik gegenüber Deutschland gar nicht den Zweck verfolgt hat, einen Angriff auf Deutschland vorzubereiten, sondern vielmehr den, für den Moment des englischen Zugreifens im Bagdadgebiet eine solche Kombination der Großmächte zu schaffen, daß Deutschland nirgend einen Partner für das gegen England aufzunehmende Spiel fand und so die Partie von vornherein verloren geben mußte." Kein besseres Beweismittel hätte den Versöhnungspolitikern für die Richtigkeit ihrer Behauptung an die Hand gegeben werden können, daß keine vitalen Gegensätze zwischen Deutschland und England bestehen, die ein friedliches Vernehmen unmöglich machen. Denn auch bei der Bagdadbahnfrage ergibt sich, wenn man sich nur einmal gewöhnt, die langfristigen indossamentlosen Wechsel der politischen Teleologiker zurückzuweisen und lediglich das Gewicht der gegenwärtigen Zustände und Entwicklungsmöglichkeiten in die Wagschale zu werfen, leicht, daß, unbeschadet aller prinzipiellen Gegensätze, bei einigem guten Willen ein einstweiliges Vertragen sehr wohl möglich ist Gießt man den Inhalt des Reagenzglases, in dem die trüben Fluten deutsch- und englisch-nationalistischer Leidenschaften, Vorurteile und Überspanntheiten durcheinanderquirlen, durch den Filter, so bleibt als