Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 3 (17.1.1908)
- Date
- 1908-01-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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traditionellen Pelzmantel schlüpft und den spitzen Judenh'ut aufsetzt. Auch innerlich ist er in diesem Moment der alte Ghettojude von ehemals. So wandert er in mitternächtlicher Stille in das Konstanzer Ghetto, um seine Brüder vor der nahen Gefahr zu warnen, und sie zur eiligen Flucht zu veranlassen. Wie ein Schatten huscht er durch die enge Gasse, klopft an Türen und Läden: -Flieht, flieht, so schnell ihr könnt!" Sein Ruf: „Der euren einer bin ich,, der euch warnt!" ist echt. Man kann's ihm glauben . . . Allein Nassons Warnung kommt zu spät. In derselben Stunde, in der er die Gasse durchwandert, werden die Juden überfallen. Wild tobt der Kampf im Ghetto. In diesem nächtlichen Kampfe wird Bellet, — die heute nach langem Zögern sich entschloß, die Taufe anzunehmen und Nasson zu heiraten, — von dem schwerverwundeten, schwertumgürteten Samlai mit dem Ruf: „Ich rette dich, Bellet, du stirbst als Jüdin!" — erstochen. Die letzte Säule des Nassonschen Truggebäudes ist geborsten. Er verblutet an dem Zwiespalt seines Innern. Nun sieht er ein: Seine Heimat war nur Schatten, wie sein Christentum Schein. An seiner unbefriedigten Heimatssehnsucht geht er zugrunde. Er ist zu dem Stadium angelangt, wo die Wünsche sterben und die Willenskraft schwindet, und nur ein Nirwana suchender Pessimismus über das Jammertal und das in ihm weilende Schicksal erhebt: Die Erde hat die Kraft verloren, Heimat zu sein. Die Welt verliert sie auch, — und nur Vernichtung bietet Trost und Frieden. Der Jude von Konstanz ist das Drama des jüdischen Volkes, wie es sich im Einzelfall wiederspielt. Die leidenden Volksgruppen bilden hier nur den äußeren Rahmen. Die gesamte dramatische Handlung ist auf Nasson, den Juden von Konstanz, konzentriert; er ist die Verkörperung der jüdischen Tragödie. Diese Konzentration des tragischen Schicksals eines Volkes auf einen Einzelfall bedingt, daß wir zum Helden des Stückes in ein persönliches Gemütsverhältnis treten können. Das Drama eines Volkes kann sonst den Aufgaben einer Tragödie nur in beschränktem Maße gerecht werden. Furcht und Mitleid, die unzertrennlichen Affekte, die das Tragische nach der Forderung der Alten auslösen soll, werden hier eins vom anderen gesondert. Das Drama eines Volkes kann uns nur das Furchtbare, aber nicht auch das Mitleiderregende vorführen, — weil wir zu den Leiden der Masse keine inneren Beziehungen herstellen können. Eine Elementarkatastrophe, der Hunderte von Menschenleben zum Opfer fielen, erschüttert uns, aber Mitleid empfinden wir nur beim tragischen Schicksal des Einzelnen . . . Scholz hat den dramatischen Faden um den im Mittelpunkt stehenden Nasson geschlungen und somit seinem Werke die dramatische Wirkung gesichert. Scholz komponiert kunstgerecht die Steigerung der tragischen Momente bis zur Katastrophe. Er beginnt beim leuchtenden Sinai der Freiheit, — wenn auch leuchtend im falschen Schein, — und endet bei den ägyptischen Geißelhieben der Inquisition. Im vierten Akt findet die Tragödie ihren Abschluß. Das Nachspiel ist bloß -eine epische Weiterführung des dramatisch erreichten Zieles", — ein Epilog, worin sich die voraufgegangene Handlung in Gedanken umsetzt. Nicht immer hat bewußte Absicht bei der Schaffung eines Werkes Pate gestanden. Gar oft resultiert die Größe eines Werkes aus dem Stoff selbst, den der Dichter nur kunstgerecht zu formen verstand. Beweis: Viktor Hahn und Wilhelm von Scholz. Beide dachten offenbar nicht daran, das Drama eines Volkes zu schreiben, aber beide schrieben es. Es lag im Stoff, den sie behandelten. Hahn gelang es teilweise, Scholz in vollem Maße. . . Das Drama eines Volkes ist groß -und kann nicht in einen kleinen Rahmen gezwängt werden. Es wächst mitunter dem Dichter über den Kopf, so daß er sich hier statt in der Beschränkung, in der Erweiterung des Ausbaues als Meister zeigt. Hahn genügen seine fünf Akte nicht, Scholz nicht seine umfangreichen vier. Hahn sieht sich gezwungen, die dramatische Handlung in einem Vorspiel" zu verlängern: Scholz kann nicht umhin, über die Handlung des Dramas hinauszudenken und in einem -Nachspiel" das dramatisch erreichte Ziel episch weiterzuführen. Paranthese: Das Drama des jüdischen Volkes ist, künstlerisch erfaßt, groß, aber, historisch verstanden, lang. Künstlerisch vermag es uns zu packen, historisch erfüllt es ilns mit Grauen. Ein langes Drama - - das ist, vom rein ästhetischen Standpunkt, unerträglich! Zum 40jähr. Schriftstellerjubiläum von Alexander Swientochowski Das ganze geistige Polen feiert gegenwärtig das 40jährige Schriftstellerjubiläum der Leuchte des polnischen Fortschrittes, des berühmten Schriftstellers und Publizisten Alexander Swientochowski. Heute ist sein Ruhm schon etwas verblaßt, neue Strömungen und neue Leute beherrschen die öffentliche Meinung, und die edle Gestalt des alten Apostels wird immer und immer einsamer. Doch gab es Zeiten, wo Swientochowski der alleinige Herrscher der polnischen Intelligenz, das Ideal der Jugend war und wo die Person dieses hervorragendsten und kühnsten Verfechters des freien fortschrittlichen Gedankens ein fast mystischer Nimbus umgab. Und in der Tat, schwierig und gefährlich ist die Tätigkeit eines wahren Fortschrittkämpfers in der polnischen Gesellschaft, die noch so sehr von klerikalen und adligen Traditionen durchtränkt ist. Und der Kampf ist um so schwieriger, da die Vertreter'der Reaktion in Polen nicht mit den russischen „Schwarzen Hundert" zu vergleichen sind; es sind Persönlichkeiten von hoher Kultur, geistiger Bildung und jesuitischer Zähigkeit, wo es sich handelt, ihre Pläne durchzuführen. Man nannte Swientochowski einen Rabbiner, Antichristen, jüdischen Knecht, man bemühte sich, den Fortschritt mit den Juden zu identifizieren, und seine Verfechter wurden als erkaufte Kreaturen der jüdischen haute finance bezeichnet. Andere weniger ausdauernde Fortschrittler verließen schnell den Kampfplatz. Manche von ihnen übten Verrat an der Sache, andere verwarfen die kühnen Losungen, um unangenehmen Schikanen seitens "ihrer Landsleute zu entgehen. Swientochowski blieb aber immer sich selbst treu, und während seiner ganzen 40 jährigen publizistischen Tätigkeit verfolgte er unbeugsam seine Ziele. Was das Verhältnis von Swientochowski zu den Juden anlangt, so kann er nicht als ein besonderer Judenfreund bezeichnet werden. Er befaßte sich wenig mit der Judenfrage, und nur selten hat er sie schriftstellerisch behandelt. Er bemühte sich nicht, jüdische Massen kennen zu lernen und in seinem Verhältnisse zu den Juden ließ sich eine gewisse Nuance der „schlachzizischen" Grandezza verspüren. "Und doch war seine Popularität unter den Juden immer