Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 3 (17.1.1908)
- Date
- 1908-01-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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6 DIE^ELT No. 3 Das Drama eines Volkes Von SAMUEL MEISELS i Charlottenburg) II Wilhelm von Scholz* „Jude von Konstanz"*) ist das Trauerlied der jüdischen Heimatssehnsucht. Ein kulturhistorisches Gemälde aus dem düsteren Mittelalter. Die Handlung spielt im XIV. Jahrhundert. Das wirkliche und das räumlich unsichtbare Ghetto geben den Hintergrund. Im Mittelpunkt steht der Arzt Nasson. ein Abtrünniger, der dennoch mit allen seinen Fasern an seine angestammte Glaubensgemeinschaft gebunden ist. Ein Heimatloser, dessen Sehnen und Trachten nach einen festen Boden geht. Eine Heimatssehnsucht, wie sie nur in der Brust eines herumirrenden Ahasver wohnen kann, durchklingt das ganze Drama. Nasson hat dem Glauben seiner Väter entsagt und ist zum Christentum übergetreten. Er ist kein Acher, der der hellenischen Ästhetik die jüdische Ethik opfert, auch kein Uriel Akosta, der das Licht der Religion durch das der Wissenschaft auslöschen will. Nasson ist ein Idealist mit praktischem Sinn, ein Mann, der ein Haus braucht, einen Kreis, in dem er wirken kann, eine Stadt, die ihn mit Ordnung umgibt. Da man dies alles nur dem Christen bietet, wird er ein Christ. Er will der menschlichen Gesellschaft nützlich sein, als Mensch, als Arzt. Das läßt man ihn als Juden nicht. („Von Leid umgeben sein und nicht helfen dürfen!") Da opfert er sich, sein ureigenstes, den Juden in ihm, um helfen zu können — anderen, und nicht in letzter Reihe auch seinen früheren Glaubensgenossen. . . . Hinzu kommt noch die Liebe zur. schönen Jüdin Bellet. Wie sollte er Bellet sein nennen, ohne ein Haus, ohne einen Herd? Er hofft, Bellet werde ihn nicht verlassen, Bellet werde gleichfalls den Glauben ihrer Väter abschwören, um in Gemeinschaft mit ihm ein Heim zu gründen. — Ein Heim, ein Heim, das ist das Alpha und Omega von Nassons Träumen. Nasson ist der Aufgabe, ein „blumenbekränztes Martyrium" auf sich zu laden, nicht gewachsen. Nur wer die Sehnsucht nach einer Heimat kennt, weiß, was er leidet. ... Er ist des ewigen Pendeins zwischen Himmel und Erde müde. Einen Grund will er haben, auf dem er steht, einen Raum, der ihn „umgrenzt vor all dem Endlosen". Sein Widerpart ist Rabbi Asarjah. Kein Fanatiker von der schlechtesten Sorte, nur glaubensstark, überspannt treu, in der Vergangenheit wurzelnd. Er steht außerhalb der Zeitverhältnisse,' daher macht er ihnen auch keine Konzessionen. Er hat seine eigene Anschauung über die Mission des Judentums. Die heißt: Ewig wandern! . . . Das liegt im Plane der Schöpfung, das ist Gottes Wille. Was schiert ihn Heimat? Was schiert ihn Haus? Wer wollte sich in der Welt des Scheins einwurzeln? Er lebt in Gott, im Unvergänglichen. Und findet er ein paar Gefährten, die mit ihm den Weg mitwandern, so ist er zufrieden. Denn: „Auch sie sind Heimat". — Daß ein Mann von der Glaubensfestigkeit eines Rabbi Asarjah bei der Mitteilung, Nasson habe den Glauben seiner Väter abgeschworen, in wilde Wut gerät, ist nur natürlich. Und wofür gab er seinen Glauben hin? Für den „Schatten eines Heims!" Durch ein helleuchtendes Feuer will er diesen Schatten zer- *) Wilhelm von Scholz: Der Jude von Konstanz. Tragödie in vier Aufzügen mit einem Nachspiel. München und Leipzig, bei Georg Müller. stören. Er greift nach einem brennenden Scheit, um Nassons Haus in Brand zu stecken. Und da er von Nasson daran gehindert wird, verläßt er mit einem Bannfluch das Haus des Abtrünnigen. Für den Schatten eines Heims gab Nasson unzerstörbare Güter hin. — Das ist Rabbi Asarjahs Meinung. Und er sollte Recht behalten. Schon jetzt fühlt sich Nasson einsamer und heimatloser denn je zuvor. Seine Brüder hat er verlassen: das fremde Lager, das er aufgesucht hatte in der Hoffnung, hier die langersehnte Heimat zu finden, bleibt ihm fremd. Bald soll er auch die Wahrheit von dem „Schatten eines Heims" durch Tatsachen bestätigt sehen. Der Bischof Heinrich von Konstanz liegt zu Gottlieben schwerkrank danieder. Alle Kunst der Ärzte, ihn dem Leben zurückzugewinnen, scheint vergebens. Der letzte Rettungsanker blieb noch: Nasson. Er wird zum Bischof berufen. Seine Bemühungen haben Erfolg: der auf der Schwelle des Todes Stehende erwacht zu neuem Leben. Also einem Juden, wenn auch einem getauften, hat der Bischof seine Rettung zu verdanken. Das will er der gesamten Judenheit in Konstanz lohnen. Er erläßt ein Machtgebot, wonach niemand es wagen dürfe, der Juden Leib und Leben anzutasten noch sich an ihrem Gut zu vergreifen. Des Bischofs Befehl trifft gerade zur Zeit ein, als vor dem Hause Nassons der „Freßköriig" mit seiner Truppe ein Spiel zum besten gibt, ein Spiel, das eine Hostienschändung durch Juden darstellt. Das aufgeregte und aufgehetzte Volk hält Nasson für den Absender des Gebots, und es versucht, das Haus dieses „Scheinchristen, defs heimlich mit den Juden hält", zu demolieren. Inzwischen hat sich auch etwas Furchtbares zugetragen: Der Patriziersohn Blarer, der die schöne Jüdin Bellet verfolgte, wurde von dem Juden Samlai erstochen. (Samlai ist ein Jung-Makkabäer, der einzige Jude im Ghetto, der ein Schwert besitzt und für eine Selbstwehr-Organisation schwärmt.) Die christliche Bevölkerung zu Konstanz gerät in Aufruhr. Der Judenhaß erhält neuen Zündstoff. Ein Überfall auf die Juden im Ghetto wird geplant. Vom Bischof zurückgekehrt, erfährt Nasson von dem Anlauf vor seinem Hause sowie von dem geplanten Überfall. Nasson gehört zu den Juden, die sich aus dem Judentum nicht entwurzeln können. Wenn seine geächteten und bedrückten Brüder von ihren christlichen Nachbären bedroht sind, da bricht das Gefühl der Zugehörigkeit zum Judentum wie ein Schrei nach der alten Heimat aus seinem Innern hervor. -Auch sie sind Heimat", hatte Rabbi Asarjah gesagt. Damals hatte Nasson wahrscheinlich über diesen Ausspruch im stillen gelächelt. Jetzt fühlte er es: auch dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, dieses geheimnisvolle, schwer zu lösende Band, das ihn mit Tausenden zusammenkettet, auch das ist eine Art von Heimat, für die man einsteht und gerne Opfer bringt. Hier hat Scholz neben der Meisterschaft, die Einheitlichkeit des Charakters in allen Situationen festzuhalten, auch ein feines, in die Tiefe dringendes Verständnis für die Psyche der Götterdämmerung an den Tag gelegt. Es kennzeichnet das ganze Wesen Nassons, daß er, der Wohltäter, der nur den Menschen gelten läßt, den Juden im Ghetto nicht als Mensch, sondern als „einer der ihrigen" helfen will. Er zieht den neuen Nasson aus und den alten wieder an. Wer tieferblicken kann, merkts, daß er nicht allein äußerlichin den