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Die Welt · 1908-01-17 · 3 (17.1.1908) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
3 (17.1.1908)
Date
1908-01-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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zeigen, daß sie in. straffer Zucht und Ordnung die Beschlüsse der von ihr gewählten Führer, die Bestimmungen, die die Reflexe ihres Gesamtwillen darstellen mit mächtigem Ansporn und untrüglicher Betätigung einer nationalen Energie zu einer musterhaften und segensreichen Ausführung bringen wird. Wir hoffen es! N. S. Rück- und Ausblicke Von Dr. H. Kadisch, Wien Das Jahr 1907 war für Österreich im allgemeinen und für die österreichischen Juden insbesondere ein bedeutsames. Altösterreich und mit ihm die alte assimilatorische jüdische Politik wurde für immer zu Grabe getragen. Die Reichsratswahlen, die in Cisleithanien zum ersten Male auf Grund des allgemeinen, gleichen, direkten Wahlrechts stattfanden, zerschmetterten einen großen Teil der alten Parteien, und — wohlgemerkt — gerade jenen brachten sie große Verluste, denen die österreichischen Juden bisher unbedingt Heeresfolge geleistet: den Deutschfreisinnigen, den Jungtschechen, dem Polenklub und den italienischen „Liberalen". Die Sieger waren bei allen Volksstämmen teilweise die christlich-sozialen Jungklerikalen, teilweise die Sozialdemokraten. Auch bei den Juden vollzog sich ein politischer Umschwung; auch sie verließen die alten Parteien und wandten sich in ihrer überwiegenden Mehrheit den Sozialdemokraten, den Demokraten und — den jungjüdischen demokratischen Nationalen zu. Das erste österreichische Abgeordnetenhaus, welches aus allgemeinen direkten Wahlen hervorging, sah bereits — als Produkt der jüdisch-nationalen Strömung in Galizien und der Bukowina — in seiner Mitte einen „Jüdischen Klub". Freilich hat das neue österreichische Parlament sich noch nicht zu einer neu österreichischen Reichspolitik durchgerungen, d. h. zur Erkenntnis der unbedingten Notwendigkeit der Verwirklichung der nationalen Autonomie aller Völker des Reichs als Voraussetzung seiner politischen Konsolidierung und wirtschaftlichen Regenerierung. Aber immerhin muß konstatiert werden, daß im neuen Parlamente die chauvinistische Strömung kleiner als im alten Privilegienparlamente ist, und daß das Gerechtigkeitsgefühl in nationalen Fragen sich zu regen beginnt, den Juden gegenüber allerdings nur im minimalen Maße. Immerhin sind die antisemitischen Exzesse im gegenwärtigen Parlamente seiteuer geworden, und haben speziell die Abgeordneten des Jüdischen Klubs manche Vorurteile, die speziell bei den unterdrückten Nationalitäten gegen die Juden als Konsequenz der verkehrten assimilatorischen Politik vorherrschten, zerstört. Man gewöhnt sich im österreichischen Abgeordnetenhaus allmählich, die Gravamina der wirklichen Mandatare des jüdischen Volkes in Österreich ruhig anzuhören, und auch das ist bereits ein Fortschritt, da nach 40jährigem Bestände der dualistischen Dezemberverfassung es zum ersten Male geschieht, daß im österreichischen Abgeordnetenhause die Stellung der Juden zum österreichischen Staate und zu seinen einzelnen Völkern vom jüdischen Standpunkte aus erörtert werden. Allerdings dürfen aus diesen Tatsachen keine falschen Schlüsse gezogen werden, die auf eine Abschwächung der antisemitischen Strömung in Österreich schließen lassen. Der Antisemitismus in Österreich ist heute mehr als je ein Machtfaktor, er ist salon- und regierungsfähig, er verfügt über einen gewaltigen Anhang unter allen Nationalitäten und Klassen dies- und jenseits der Leitha. Außer den fast 100 Mann starken deutschen Christlichsozialen und den im Punkte des Antisemitismus mit ihnen vollständig einigen Deutschnationalen sitzen noch im Abgeordnetenhause tschechische, polnische, südslawische und italienische Christlichsoziale, welche unbeschadet der nationalen Differenzen mit den deutschen Gesinnungsgenossen in der Judenfrage fraternisieren. Ähnlich sind die Verhältnisse in Ungarn geartet. Parallel mit den magyarischen Chauvinismus gegen die ungarischen Deutschen, Slawen und Rumänen ist auch der Antisemitismus gewachsen, und er breitet sich unter dem jetzigen ultra-reaktionären Koalitionsregime sowohl in Ungarn als auch in Kroatien täglich mehr aus. Immer deutlicher zeigt es sich jetzt nach der Perfektionierung des österreichisch-ungarischen Ausgleichs, daß die Kossutisten in Ungarn und die Fiumaner Resolutionisten in Kroatien unter Führung der Antisemitenhäuptlinge Tüschau und Supilo nur die Bahnbrecher der Christlichsozialen sind, ebenso wie in Cisleithanien ihnen die Deutschnationalen, Tschechischradikalen, Allpolen und italienischen Irridentisten die Wege gebaut haben. Umsonst haben die assimilatorischen Juden in Ungarn mehr als anderswo den Machthabern Schergendienste geleistet, umsonst haben sie durch 40 lange Jahre die brutale Vergewaltigungspolitik der magyarischen Oligarchie gegen die nicht magyarische Bevölkerungsmehrheit gefördert, der Antisemitismus blüht und gedeiht in Magyarien mehr als je. Nicht nur die klerikalen Volksparteiler und ihr linker Flügel, die Christlichsozialen, sondern auch die angeblich „demokratischen" Kossutisten sind vom Antisemitismus durchseucht, was sich in der ganzen Tätigkeit der heutigen Budapester Machthaber immer deutlicher offenbart. Je mehr und je länger aber die ungarischen Juden sich in den Dienst des magyarisch-oligarchischen Regimes stellen, um so größer wird die Erbitterung gegen die judäomagyarische Gewaltherrschaft in den deutschen, slawischen sowie rumänischen Gebieten der Osthälfte des Donaureiches. Daß diese Erbitterung aber auch nach Wesiösterreich übergegriffen hat, beweist der Umstand, daß das österreichische Abgeordnetenhaus mit überwiegender Majorität die Resolution Sillinger angenommen hat, welche dem Ministerium Beck den Auftrag erteilt, dem Ministerium Weckerle die strikte Durchführung des mit Füßen getretenen ungarischen Nationlitätengesetzes nahe zu legen. — Die Zeit ist nämlich vorbei, wo die österreichischen Völker und das österreichische Abgeordnetenhaus gesonnen waren, ihre Stammesgenossen in Ungarn-Kroatien der magyarischen Gewaltherrschaft des „lieben Friedens halber" für alle Zeiten auszuliefern. Doch es geht ja ohnedies mit dieser langsam bergab, Kroatien steht bereits in hellen Flammen, und die bevorstehenden Landtagswahlen werden unter der Parole „Los von Ungarn" vor sich gehen. In Ungarn selbst aber rüsten sich jetzt bereits alle nichtmagyarischen Völker für die Reichstagswahlen, die in diesem Jahre zum ersten Male auf Grund des allgemeinen, gleichen, direkten Wahlrechtes stattfinden sollen und dem Budapester Parlamente sein bisheriges magyarisches Gepräge nehmen werden. Die Juden aber stehen dem bevorstehenden Umstürze rat- und tatenlos gegenüber, nicht gewillt, sich vom magyarischen Chauvinismus zu emanzipieren und in die Fußtapfen der jungjüdischen Bewegung in Cisleithanien zu treten. Und doch werden schließlich auch die ungarischen Juden durch die wachsende antisemitische Bewegung gezwungen sein, sich auf eigene Füße zu stellen und unter jüdisch-demokratischer Fahne, — unter dem Banner der nationalen Autonomie und der radikalen Sozialreform sich zu einigen. Jede andere Politik schädigt das Donaureich und die Juden dieswie jenseits der Leitha.

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