Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 3 (17.1.1908)
- Date
- 1908-01-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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DIE^ELT No. 3 NACH DER A. C. SITZUNG Der vorwöchentliche Bericht der letzten Aktionskomiteesitzung in Berlin ist weit entfernt davon, den Heißhunger nach Sensation zu befriedigen. Keine gespreizte Wichtigtuerei, kein geheimnißvölles Pathos mit feinen Abstufungen,- kein Kraftmeiertum überschwänglicher Gefühlsaufwallungen, und keine selbstquälerische Grübeleien in den Abgründen der Theorie, — ein prosaischer Geschäftston durchklang die Debatten, praktische Dinge wurden praktisch erörtert und dabei wurden die plattesten Gemeinplätze ungekünstelt wiederholt, aber darin gelangt eben der Ernst zionistischen Wollens zum Ausdruck. Das spöttische Achselzucken und das überlegene Lächeln der' Phantasten können über diese Notwendigkeit, in ihrer Unbekümmertheit um die Verwirklichung, zur Tagesordnung übergehen, aber wenn man an die Dinge näher herantritt, muß man sie nehmen, Wie sie eben sind. Man darf nicht an diesen Oberflächen haften bleiben, aber man darf sie auch nicht mit souveräner Miene ignorieren. Um einer großen Idee zum Siege zu verhelfen, muß man viel, sehr viel Kleinarbeit leisten. Wenn man diese Kleinarbeitssplitter zerstreut und vereinzelt beobachtet, scheinen sie hohl und langweilig, und wenn man den Verhandlungen über diese Bestandteile einer Organisation lauscht, tönt aus ihnen kaum ein heller Klang entgegen, der große Impulse, und Antriebe wachrufen könnte, aber die Einzelheiten müssen in höhere, umfassendere Umschließungen aufgenommen werden, um die richtige Wertschätzung zu finden. Aus den Kongressen klingt der Zionismus volltönig in die Welt hinaus; die Aktionskomiteesitzungen zeigen die Werkstätte, wo der Zionismus sich selbst bewirkend, bildend und gestaltend um kleine Erfolge ringt, die zu einem großen Ziele führen müssen. Hier wird die Phantasie auf ihrem kühnem Fluge durch die kleinen Dinge gehemmt, mit denen man rechnen muß. •Daraus folgt notwendig, daß eine Aktionskomiteesitzung kein Turnier rednerischer Effekte sein kann. i^.Daß wir auch kühl und prosaisch arbeiten können, ist ein Zeichen der Reife. Hart stoßen wir an die Enge und die Dürftigkeit der Verhältnisse, strenge rügen wir die eigenen Versäumnisse und Unterlassungen, als einsichtige Menschen entnehmen wir dem Mißlingen dieser oder jener Versuche die ernstesten Lehren, um uns zu neuer, einheitlicher, zielbewußter, tatkräftiger Arbeit zu rüsten und um rückständige Verirrungen zu vermeiden. Ein tiefer, unverwüstlicher Idealismus begleitet diese langsame, vorwärtsstrebende Arbeit — unvordringlich in den Geschäftsdiskussionen, aber nichtsdestoweniger leitend und bestimmend. Das ist der feststehende Charakterzug des Zionismus, der sich nicht immer dem ungeübten Auge zu erkennen gibt, der aber immer vorhanden ist. Um das zu beobachten, muß man in sich die Gradheit des Denkens mit der Stärke des Gefühls vereinigen. Es ist ein altes Wort Taines, daß „um etwas zu erkennen, was erkennen heißen darf, man es zuerst lieben und mit ihm sympathisieren muß." Die Berichterstattung über eine A. K.-Sitzung ist, weil resümierend, eine schwierige Arbeit. Man kann es beim besten Willen nicht vermeiden, daß manches Wichtige wegfällt und manches durch die Abkürzungen hart klingen mag. Aber all diejenigen, die den Debatten mit Aufmerksamkeit folgten, werden es bestätigen, daß ungeachtet der kleinen Meinungsverschiedenheiten, die Verhandlungen von einem großen, ruhigen Geiste getragen waren. Man überschüttete sich nicht gegenseitig mit Blumen, man schwelgte nicht in törichter Selbstüberschätzung; scharf, wurde manchmal über Mittel und Methoden diskutiert, kühles Rechnen, ruhige~Tatsachenlogik, juristische Schärfe, kritische Skepsis, edles, unbefriedigtes Verlangen, das auch eine verschwommene Stimmungsphantastik zu einem Gefühlswert erhöht, — all die Verschiedenheiten der Auffassungen und der Temperamente berührten sich in den tiefsten Grundlagen und in den höchsten Spitzen. Daß sich fast alles in einstimmig gefaßten Resolutionen krystallisierte, beweist, daß der Zionismus innerlich stark und fest gekittet ist- Mit besonderer Hartnäckigkeit wurde seit langem die Anschauung verbreitet, als ob gewisse Kreise einerseits gegen eine politische Tätigkeit, andere gegen praktische, vorbereitende Arbeit wären und es ist vielfach gelungen, durch abgebrauchte, umlaufende Wort- und Begriffsmünzen Gegensätze, die nicht von tieferen, spontanen Motiven, sondern von äußerlichen, zeitgeschichtlichen Anregungen und politischen Schlagwörtern geleitet werden, zu verschärfen und die Parteien, — wenn überhaupt von Parteien die Rede sein kann, — zu verwirren und zu beunruhigen. Gegen diese Aufbauschungen ist jede gemeinsame Konferenz ein wirksames Mittel und so war es auch die letzte Sitzung. Es wird immer klarer, daß nicht nur, weil gerade jetzt zu einer hoffnungslosen Stimmung bezüglich der zionistischen Politik kein" Anlaß vorliegt, sondern im Gegenteil die Situation besser als je ist, aber auch wegen des ursprünglichen Programms und der logischen Notwendigkeit die Pflicht von allen anerkannt wird, eine hervorragende Tätigkeit auf diesem Gebiete zu entfalten. So hat auch die praktische Arbeit aufgehört eine Scheidewand zwischen den Parteien zu sein. Man begreift es immer mehr und mehr, daß man der großen Frage, was sofort und was erst ä la longueur geschehen soll, ohne jede theoretische Voreingenommenheit gegenüberstehen muß. Daß man die Frage, ob man dies oder jenes unternehmen soll, je nach den tatsächlichen Verhältnissen und nach der Maßgabe der Mittel und den örtlichen Bedingungen im Zusammenhange mit dem großen Ziele, mit der größtmöglichen Loyalität, ohne Rückfall in kleine philantropische Methoden, verschieden lösen muß, — geben alle zu. Man sprach von verschobenen Perspektiven, von vertauschten Rollen, von neuen Parteigruppierungen, — aber die ganze Vorstellung von Parteien ist eitel Hirngespinst. Wir haben ein gemeinsames Ziel, ein feststehendes, unverrückbares Ziel, aber die Mittel sind verschieden und die Politik ist die Kunst des Möglichen. Auf zweierlei müssen wir immer unser Augenmerk lenken: auf das große Ideal, dem alles zersplitterte, lokale, dezentralisierende untergeordnet werden muß, auf den inneren, geheiligten, seelischen Kern, der in aller Reinheit, scharf umgrenzt, von Kompromißgelüsten ungetrübt erhalten werden muß und nicht der feigen Stunde sklavisch dienen darf, — und auf eine umsichtige, praktische, nach Erfahrungen sich richtende Politik. Die Konferenz hat eine Reihe von Resolutionen gefaßt. Und nun wird die zionistische Gesamtheit