Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-01-10 · 2 (10.1.1908) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
2 (10.1.1908)
Date
1908-01-10
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316299--50174-3377159
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

16 DiE^E LT No. 2' kürlich erinnert man sich an die mißglückten Versuche, die in den jüdischen Kolonien mit der Baumwolle gemacht worden sind.---- Dem Juristen und Agrarbankschwärmer wird folgende Bemerkung im Jerusalemer Konsularbericht zu denken geben: „Von einheimischen Bankinstituten wäre die Agrarbank in Hebron zu erwähnen, welche vor mehreren Jahren behufs Hebung des bäuerlichen Kredits gegründet wurde. Die Bank gewährt Darlehen an mohammedanische Grundbesitzer gegen Verpfändung der Besitzurkunden (Koschan); ihre Einkünfte bestehen in einem 2prozentigen Zuschlage zur Zehentsteuer, den die Regierung einhebt." Beachtet man schließlich in den Konsularberichten die beredten Ziffern über steigende Ein- und Ausfuhr, die wachsenden Einnahmen in und um Palästina, den großartigen Fortschritt des Schiffsverkehrs, den erbitterten Wetteifer aller Handelsmächte um den palästinensischen Absatzmarkt und zuletzt die anschwellende Menge von Pilgern und Touristen, deren Zahl im Berichtsjahre auf 30—40 000 geschätzt wird. — dann begreift man das Resume der Konsularberichte. Das Land ist im unaufhaltsamen Aufschwung begriffen. Den österreichisch-ungarischen Fabrikanten und Kauf leuten wird von den Konsuln empfohlen, ihr Augenmerk auf Palästina zu richten. Als Reklamemittel werden unter anderen hebräische Plakate als notwendig hervorgehoben. „Für Palästina wird insbesondere die Benutzung national-jüdischer Zeitungen von großem Nutzen sein, da diese viel gelesen werden," heißt es am Schluß des Konsularberichtes. Wahrlich, unergründlich sind die Wege, die einen jüdischen Großindustriellen in Österreich dazu bringen können, die jüdische Presse als Realmacht zn betrachten..... Es verlautet, daß die Wiener Kultusgemeindegewaltigen die Absicht haben, die Wahlordnung dahin abzuändern, daß die Neuwahlen eines Drittels der Kultusräte nur einmal in drei Jahren, nicht alle zwei Jahre, wie bisher, vorzunehmen wären. Die „Reform" bezweckt eine Hinausschiebung des nächsten Wahlkampfes mit den Zionisten. _ Samstag den 28. Dezember und 4. Januar fanden in Wien Versammlungen der Poale-Zion statt, mit der Tagesordnung: „Stellungnahme zur Sitzung des Großen A. C." Es wurden Resolutionen angenommen, die die Durchführung des Kongreßbeschlusses bezüglich der Oppenheimerschen Siedlungsgenossenschaft urgieren und gegen die Maßnahmen des Nationalfondsdirektoriums Einspruch erheben. _ Die „Bar-Kochba", Prag, feiert ihren 30semestrigen Bestand. FEUILLETON DER RENEGAT Skizze von M. Scherlag Wenn Karl Thal lachte und seine blinkenden Zähne zeigte, wähnte man sich auf eine blühende Heide versetzt, über die ein Sonnenlichtstreifen huscht. Und er lachte oft. War er doch mit allen irdischen Gütern gesegnet, jung, frisch und frei, hatte sich durch Bildhauerarbeiten einen Namen gemacht und genoß das Leben in vollen Zügen. Den Juden sah man ihm nicht an. Er war aber Jude, wenn auch nur so zwei-, dreimal im Jahre. Einmal, wenn der Großvater zu Passah auf Besuch kam und mit biblischen Sprüchen umherstreute wie ein Glasschleifer mit "demantnen Funken. Ein andermal, wenn die Mutter am Jomkippurabend, Tränen in den Augen, im düstern Schein der Wachskerzen ihn küßte. Dann konnte er lange gerührt in den gelblichen Lichtflimmer starren. Denn auf dem Grunde seiner Seele Jag eine Schwermut wie Blei: ein jüdisches Erbstück. Hier wäre noch zu erwähnen, daß er, so oft die Kunde von einer Judenverfolgung herüberdrang, seinem Jugendfreunde Josef eine größere Spende für „die armen Glaubensgenossen" in die Hand drückte.. Josef war „ein Schwärmer und Träumer von Zion, aber ein guter, anregender Junge," darum schloß sich Karl an ihn an und teilte mit ihm Freud* und —, Leid hatte er ja so wenig. Oder doch? Er hatte sich nämlich einmal ernsthaft verliebt, wobei er von Gegenliebe kaum zu träumen wagte. Hildegard, die rötlichblonde, reizende Tochter eines strengkatholischen, arg verschuldeten Aristokraten, sah von der Höhe ihres Adelsstolzes auf den reichen, geschmeidigen Juden herab, der desto demütiger und zäher sich bemühte, den Bann, der zwischen ihrien stand, zu brechen. Endlich hatte sie sich an ihn gewöhnt, wie sich so eine junge Dame an ein schlankes Reitpferd oder an ein weiches Schoßhündchen gewöhnt. So wurde er denn zuversichtlicher, mutiger, und eines Abends kniete er vor ihr nieder, gestand seine Liebe, die ihr kein Geheimnis war, und flehte um einen Hoffnungsstrahl. Dabei war er gar nicht komisch, nur zitterte er heftiger als der schmucke Leutnant von Ritsch, der ihr vor einigen Tagen, — es war eben Frühling, und der Flieder ging ins Blühen, — ebenfalls eine Liebeserklärung zu Füßen gelegt hatte, dem aber, die Heiratskaution fehlte... Und da ihr noch einfiel, daß ihr Vater öfters bedeutungsvoll wiederholt hatte, der Reichtum der Thals' sei nicht zu verschmähen, lächelte sie verheißungsvoll. Nun stammelte Karl, glühend, von seinem Herzenswunsch, „aus der zagen Liebe die goldne Brücke zu einem blühenden Lebensbunde zu schlagen". Das war einmal ein ernstes Wort! Und lächelnd ließ sie sich vernehmen: ,Und wie ist's mit iiem Religionsunterschied?" Sie war nicht umsonst in einem Kloster erzogen worden. Karls Wangen liefen rot an. „Sie wissen, mein Onkel ist Vikar," fügte sie mit einem Blick hinzu, der ihn vollends verwirrte. Das war der Anfang. Vorderhand wollte er ausschließlich der Seligkeit leben, die sich ihm in ihrer hold winkenden Gegenliebe aufgetan zu. haben schien, doch fielen ihm dann und wann beunruhigende Gedanken und Fragen ein, die er abzuschütteln suchte wie herbstlich gelbe Blätter. . . . Ein Opfer bringen mußte er „unbedingt", um ihre ganze Liebe „restlos" zu gewinnen. Übrigens: Religion — Als ob er je religiös gewesen wäre. . . . Aber die Mutter! Und der Großvater! Da starb dieser. Am offenen Grabe sprach der Rabbiner von dem braven Mann, der Jude gewesen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.