Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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„mit Leib und Seele". Wie gebrochen schlich Karl davon, als hätte er kein Recht mehr, an diesem Grabe zu stehen, da er in Gedanken schon abtrünnig war. Abtrünnig? Hat es der Espenbaum, der zitternde, geflüstert? Warum ist der Großvater gerade jetzt gestorben? Schickte sich das Schicksal an, seinen Liebesplänen Hindernisse aus dem Wege zu räumen? . . . Karl erschauerte. . . Die Espenblätter raunen seltsame Dinge an Gräbern. — Die eilende Zeit brachte Karls Gemüt in das frühere Geleise. Da fragte ihn Hildegard eines Tages, wie weit er schon wäre. Er verstand den Wink. Verlegen küßte er ihre Fingerspitzen. Ungesäumt sollte seiner Sehnsucht die Erfüllung werden! Gleichwie im Taumel ging er zu seinen Eltern. Die waren nicht wenig erstaunt. . . Ja, meinte er, das Heimlichtun ginge ihm schon arg auf die Nerven. „Dann möge sie in Gottes Namen Jüdin werden," rief der Vater und sah sich im Zimmer um. Nein, das ginge nicht, begann Karl und begründete es weitläufig. Daß er fürchtete, Hildegard auf die Probe zu stellen, verschwieg er. Während dann der Vater, ein praktischer Rechner, die Verbindung mit dem Aristokratenhause auf ihren gesellschaftlichen und „realen" Wert einschätzte, brach die Mutter los. Großvater wäre ihr vorige Nacht im Traum erschienen... Eine W7eile herrschte Schweigen. Karl unterbrach es, schwer atmend: „Entweder ein Leben mit ihr oder — Die Mutter schnitt ihm das Wort ab. Obgleich es ihr sehr weh tat, währte es nicht lange, und Karl hatte die Erlaubnis zu tun, was er nicht lassen könne. Ihm war, als rauschte über ihm ein dunkles Gefieder, mahnend und drohend. Laut, fast schreiend, dankte er den Eltern, die ihn mit dem Wunsche entließen, er möge sein Glück nach Wegräumung des Hindernisses finden. Das war jedoch leichter gesagt als getan. Ach, diese Formalitäten! Diese Zeremonien! Wie oft lösten sich Schweißperlen von seinen Schläfen. Komödie spielen — und sich nicht verachten? Josef hätte er jetzt nicht unter die Augen treten mögen. Seine Schaffensfreude lag brach. Das Lachen war wie verflogen. Auf immer? Zuweilen fühlte er, er müßte ersticken. Aber die Liebe! /Fortsetzung folgt) fl^AUS DER BEWEGUNG^] Deutschland Berlin. Zu einer imposanten Kundgebung gestaltete sich eine Versammlung, die von der Berfiner Zionistischen Vereinigung anläßlich der Tagung des großen Aktions-Komitees der zionistischen Bewegung am Dienstag abend in den Sophiensälen stattfand. Etwa 2000 Personen füllten den Saal und die Galerien lange vor Beginn, und in der kurzen Pause, die zwischen den Ansprachen stattfand, herrschte im Foyer eine geradezu beängstigende Fülle. — Nach einigen einleitenden Worten des Vorsitzenden der Berliner Gruppe, Rechtsanwalt Dr. Hantke, nahm der Präsident des großen A.-C, Wolffsohn (Köln), von lebhaftem Beifall begrüßt, das Wort. Er führte aus, daß der Zionismus in den 10 Jahren seines Bestehens wenigstens das eine erreicht habe, daß er immer mehr verstanden werde, daß man allgemein einzusehen beginne, daß die zionistischen Bestrebungen „Allen wohl und niemandem wehe" wollten. Auch die politischen Machthaber, und besonders die türkische Regierung, verständen den Zionismus immer mehr und betrachteten ihn eben deshalb immer weniger als eine Utopie. Nach dem Präsidenten sprach Professor Dr. Warburg (Berlin) über das Land Palästina, rühmte dessen große wirtschaftliche Zukunft und sprach den Wunsch aus, daß in dieses Land bald das Volk kommen möge, auf welches es geradezu zu warten scheint. Sodann sprach Dr. Tschlenow (Moskau) über die Stellung der westeuropäischen Juden zum Zionismus, Adolf Böhm (Wien) über die Juden im österreichischen Nationalitätenkampf und den Sieg der Zionisten. der vier Abgeordnete ins Parlament brachten. Herr Sokolow betonte, daß die Juden erst wieder eine ihrer würdige Stellung im Kulturleben der Völker einnehmen könnten, wenn wieder ein jüdisches Zentrum in dem Lande existiere, in dem die jüdische Kultur erwachsen sei. Professor Dr. Weizmann (Manchester) erklärte es für das Unglück der Juden, daß es außerhalb Palästinas heute gar keine Juden gäbe, sondern deutsche, russische, französische, englische usw., d. h. halbe Juden, die ein ganz falsches Bild des Juden in die Welt gebracht hätten. Nur die Schaffung eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina werde wieder „hundertprozentige" Juden erstehen lassen, wie man sie jetzt schon in den jüdischen Kolonien Palästinas sähe. Und dieses Ziel des Zionismus könne erreicht werden, wenn das ganze Volk es wolle. In einem zündenden Schlußwort sprach Dr. Heinrich Löwe (Berlin) die Mahnung aus. von den falschen und unheilvollen Assimilationsversuchen abzulassen, die eine würdelose Selbstentäußerung verlangten, und goß die Schale seines Spottes aus über jene Juden, die sich aus Scheu vor dem Worte „Jude" „mosaisch" nennen, und die doch Mose, wenn er ihnen heute erschiene, verjagen würden, weil er ja ein Zionist sei. und die Juden ins heilige Land führen würde. Die Versammlung belohnte alle Redner durch stürmischen Beifall und bewies ihr Einverständnis durch reichliche Spenden für die verschiedenen zionistischen Zwecke. Die Berliner Ortsgruppe gewann an diesem Abend über 50 neue Mitglieder. Köln. In der ZionistischenVereinigung sprach Samstag den 4. d. M. Herr Adolf Hoffmann über „Zionismus und Orthodoxie". Das interessante Thema hatte ein außergewöhnlich zahlreiches Publikum herangezogen, das zum großen Teile aus nichtzionistischen, orthodoxen Kreisen der hiesigen Gemeinde bestand. An das sachliche Referat des Herrn Hoff man schloß sich eine sehr lebhafte und anregende Diskussion, an welcher sich die Herren Dr. Auerbach, Rabbiner Dr. Carlebach, Dr. Wolff, Münk von der gegnerischen und die Herren Dr. Rubensohn, Goldreich, Lissauer und Pollak von zionistischer Seite beteiligten. Etwa zwanzig neue Mitglieder traten der Ortsgruppe bei. Österreich Wien. Die akad. Verbindung „Kadimah4* feiert in der Woche vom 20. bis 27. Jänner 1908 ihr 50.semestriges Stiftungsfest. D.as Festprogramm zeigt anläßlich dieser seltenen Feier folgende Veranstaltungen. 20. Jänner: Begrüßungsabend, Riedhof. 21. „ Ball, Sophiensäle. 23. „ Festkonvent, Kongreßbureau. 24. .. Fahrt zum Grabe Herzls. 25. „ Vormittags, Auffahrt auf die Universität. 25. .. Abends, Jubiläumskommers, Sophiensäle. 27. „ Ausflug auf den Semmering. Der Ball beginnt um 9 Uhr abends und die Musik besorgt die Kapelle des k. und k. Infanterie-Regiments Maria Theresia Nr. 32. Das Tanzarrangement hat Professor Julius Singer übernommen. Die wenigen noch vorhandenen Karten zu diesem Eliteball (Familienkarte [3 Pers ] K. 20, Einzelkarte 8 K., Herrenkarte 4 K.) sind täglich zwischen 4—6 Uhr im Cafe Marienbrücke (im Kardinalzimmer) erhältlich. Das Programm des Festkommerses, der am 25. Januar im Sophiensaal stattfindet, wird demnächst bekannt gegeben. Das akademische Protektorat des Jubiläums haben folgende Professoren übernommen: Prof. Dr. Albert Bing, Prof. Dr. Salomon Ehrmann, Prof. Dr. Siegmund Freund, Prof. Dr. Benjamin Gomperz. Dozent Dr. Markus Hajek, Prof. Dr. Josef Herzig, Prof. Dr. Salomon Klein, Prof. Leopold Königstein, Hofrat Dr. Adolf Lieben, Reichsratsabgeordneter, Dozent Dr. Arthur Mahler, Prof. Dr. Ludwig Mandl, Dozent Dr. Gabor Nobl, Dr. Franz Oppenheimer (Berlin), Prof. Dr. Julius Schnitzler.