Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 2 D!E3§KELT 13 Ansiedlungsrayon ins Innere unmöglich zu machen, sondern auch viele von ihnen zu zwingen; vom Innern in den Rayon zurückzukehren. Die Vertreibung so vieler arbeitsamer Menschen aus dem Felde ihrer Tätigkeit war ökonomisch verderblicher als irgendeine Krisis. in dem Märtyrertum der russischen Juden. Es war die Vernichtung und der Ruin ganzer Gemeinden. Die Absurditäten und Verwirrungen, in die die Bureaukratie verfiel, spotten jeder Beschreibung. Dieses System gipfelte in der Austreibung der Juden aus Moskau. Es wäre schwer eine Parallele zu dieser zynischen Tyrannei zu finden, deren Ausführung der Großfürst Sergius als einen ingeniösen Plan bezeichnete. Moskau wurde als Mittelpunkt der judenreinen Zone betrachtet. Juden in Moskau, — dieser Gedanke war zu fürchterlich für Pobjedonoszeff. Die Moskauer jüdische Gemeinde wurde auf ein Minimum reduziert, die kaiserliche Erlaubnis zum Synagogenbau annulliert, jüdische Handwerker wurden ihres Rechtes beraubt, im ganzen Distrikt wohnen zu dürfen. Jetzt haben sich die Zeiten geändert, und wir stehen angesichts der furchtbaren Kämpfe einer verwilderten Reaktion und trotzdem von der Möglichkeit der Abschaffung des Ansiedlungsrayons, für die sogar einige Oktobristen plädieren möchten. Und wir fragen uns selbst: Werden die Juden im Falle der Abschaffung des Ansiedlungsrayons nach dem Innern Rußlands ziehen? Wir werden nicht falsch vermuten, wenn wir, geleitet von historischen Beispielen, annehmen, daß eine gewisse Anzahl Juden dorthin sich wenden wird. Manche Kategorien Juden, die aus Moskau vertrieben worden sind, werden zurückkehren. Manche Gewerbetreibende, manche Kaufleute, vor allem aber manch unternehmungslustiges junges Volk wird dahin ziehen. Aber die Massen werden nicht ins Eldorado der Kazapen gehen, nicht weil sie nicht genügend Mut dazu besitzen — es liegt eine Art von odysseischem Abenteuertrieb in den jüdischen Massen, und sie würden auch zum Nordpol gehen —, sondern weil die Erinnerung ihrer Experimente noch zu frisch bei ihnen ist. Sie sind erfüllt mit Energie und Hoffnung auf ein freies Land, aber sie sind argwöhnisch in bezug auf das dunkle Rußland, bis das Volksgefühl eine entschiedene Wandlung erfahren hat. Und unnütz zu sagen, daß sie alle Vorsichtsmaßregeln ergreifen würden, und sie hätten Recht mit ihrem Skeptizismus. Und so lange noch Juden in Rußland sind, wird das Gegenwartsprogramm es notwendig machen, aus dem Rayon zu ziehen. Was bedeutet das Recht, im Innern Rußlands zu leben ohne Organisation, die es den Juden möglich machen würde, so zu tun? Das würde einer Maschine ohne Bewegungskraft gleich sein. Nach all dem wird der Berg von Russland nicht zu Mohamed, dem Juden, kommen, aber Mohamed wird zu dem Berge gehen müssen. Um diese Absicht zu erreichen, wird die Wiederbelebung des Vereins zur Erleichterung der jüdischen Ansiedlung außerhalb des Rayons notwendig sein. Es ist keine Lösung der Judenfrage. Es ist kein Zionismus, wenn es auch eine gewisse Besserung bedeuten würde. Es ist eine halbe Maßnahme, die man annehmen müßte, aber sie würde für den Augenblick unentbehrlich sein. Die Vereinigung wird ihre Ziele breiter stecken müssen, sie wird auf einer Zone mit den Organen der jüdischen öffentlichen Meinung des neuen Rußlands, wenn das neue Rußland beginnen wird, zu existieren, Hand in Hand gehen müssen und zur selben Zeit sich mit den verschiedenen kleinen, bereits bestehenden jüdischen Zentren in Berührung bringen müssen, und neue Ortsgruppen zu gründen haben, um die Rückwanderung auf breiter und praktischer Basis vornehmen zu können. Es wird nötig sein, diejenigen, die Arbeit suchen, auf die beiden Aussichten hinzuweisen, praktischer Schwierigkeiten beiseite zu räumen und die herrschende Nachfrage in den verschiedenen Industrien und Zentren ausfindig zu machen. Hier ist für lange ein nützliches und fruchtbares Arbeitsfeld und ein Gegenstand von großem Interesse für die Juden. Der furchtbare Kampf zwischen dem alten Regime und dem neuen, die Greuel der Massakres, die Lebensverdrossenheit, die Worte nicht beschreiben können, die alarmierenden, schreckenvollen und herzzerreißenden Leiden und Nöte, die uns auferlegt sind, sind zu gräßlich und zu wild. Die russischen Juden müssen in den Stand gesetzt werden, Hilfe auf verschiedenen Wegen zu finden, wenigstens zeitweilige Hilfe. Einer dieser Wege heißt: Abschaffung des Ansiedlungsrayons, dieser Schöpfung einer tollen und verrückten Bureaukratie. Aber die Gesetzgebung allein wird hilflos sein, wenn nicht eine Organisation besteht, die uns einen Nutzen davon gewährleistet. Generationenlang haben Juden unter der Existenz des Rayons zu leiden gehabt. Nun ist nach all den Leiden die Abschaffung des Rayons nicht ausgeschlossen, und die jüdische öffentliche Meinung hat Mittel und Wege diese Reform auszunutzen — vorausgesetzt, daß sie kommen wird. Bericht über das hebräische Gymnasium „Gymnasia Ibrith" in Jaffa Im laufenden Schuljahr befindet sich das Gymnasium in befriedigender Entwicklung. Neue Lehrkräfte wurden gewonnen, die Zahl der Schüler vergrößert sich, für die die Eltern gern und regulär das Schulgeld bezahlen. Ein Privatpensionat, das in enger Fühlung mit der Schulleitung steht, nimmt die von außen kommenden Schüler auf. Und last not least: die Bedingungen, die vom Palästinaressort des E. A. C. dem Odessaer Komitee gestellt und vom letztern angenommen wurden, bewirkten, daß die Jaffaer Freunde der Anstalt, der drückenden materiellen Sorge behoben, um so eifriger sich dem innern Ausbau derselben widmen können. Nicht minder günstig wirkte die großzügige Spende des Herrn Moser- Bradford für den Bau eines Hauses für das Gymnasium. Es ist deshalb kein Wunder, daß in der palästinischen Bevölkerung, in der das Gymnasium gleich bei seinem Entstehen Anklang gefunden hat die Sympathie für unsere nationale Bildungsstätte stets zunimmt. Was aber die neu Einwandernden betrifft, so ist zu konstatieren, daß in mehreren Fällen das Gymnasium es war, welches für die Wahl der Stadt Jaffa als Wohnort den Ausschlag gab, ja, einigen Familien von Besitz und Bildung ist es erst durch das Vorhandensein des Gymnasiums, das ihre Kinder nun besuchen, möglich geworden, sich" in_ Palästina niederzulassen. Im folgenden geben wir einen Überblick über die jetzige Lage des Gymnasiums. Organisation. Das hebräische Gymnasium gehört der Agudath hogymnasia haibrit b'Erez Israel, — dem Vereine des * hebräischen Gymnasiums in Palästina, dessen Mitglieder 250 Frcs. für den Fonds des Gymnasiums bezahlen. Der Verein zählt jetzt 101 Mitglieder. Zur wirtschaftlichen Verwaltung des Gymnasiums wählt der Verein einen Aufsichtsrat, der jetzt aus folgenden Herren besteht: Dr. Bogratschoff, Dr. Chissin, T. Feinberg, A. Itin,. Dr. Kohari, J. Mörmann, Dr. Metmann, M. Scheinkin und E. A. Weiß. Dem pädagogischen Rat gehören außer sämtlichen Lehrern des Gymnasiums noch folgende Mitglieder an: Frl. Dr. Beikind, Dr. N. Turoff, J. Kritschewsky und M. Scheinkin. Jeden Sonntag findet eine Sitzung des pädagogischen Rates statt, in der jeder Lehrer den Lehrstoff der nächsten Woche vorzulegen hat, der dann abwechselnd kritisch behandelt wird. Einmal im Monate ist die Sitzung prinzipiell-theoretischen Fragen gewidmet. An dieser Stelle müssen wir auch dankend der Subvention des „Hilfsvereins der Deutschen Juden" erwähnen, die uns die Anschaffung guter und für den Anschauungsunterricht besonders geeigneter Lehrmittel ermöglichte. Bei dem Mangel an verschiedenen hebräischen Lehrbüchern erweisen sich bereits die genannten Lehrmittel als besonders fördernd. Die Direktion bildet die Exekutive des Aufsichtswie auch des pädagogischen Rates. Im laufenden Schuljahr wurden gewählt : Dr. Bogratschoff, Dr. Metmann und M. Scheinkin. Budget. Die Festsetzung des Budgets steht dem Aufsichtsrat zu. Für das Jahr 566S wurde das Budget in einigen längeren Sitzungen genau beraten und folgendermaßen angenommen: Stunden wöchentlich Dr. Metmann Hebräisch, Naturkunde 26 2500 Frs. Dr. Bogratschoff Math. Geogr. Geschichte 26 2500 Dr. Müller Deutsch vorläufig 6 1200 „