Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Studien über Gegenwartsprobleme Von N. SOKOLOW I. Das russische Ghetto Werden die Juden aus dem übervölkerten Polen, Litauen, Wolhynien und Podolien in das weite Innere Rußlands gehn, sollten einmal die Grenzen des Ansiedlungsrayons aufgehoben werden? Die Geschichte belehrt uns, daß diese «Frage bejahend zu beantworten ist. Während der Regierung Alexanders II. nahmen die jüdischen Gemeinden außerhalb des Rayons beständig zu. In Orel, Kursk, Tula, Saratow, Kasan, Samara, Nischni-Nowgorod, Archangelsk, Astrachan, Zarizin, Tambow, Yeletz entstanden neue Gemeinden. In Charkow, Poltawa, Tschernigow, Sewastopol, Nikolaiew, Smolensk wuchs die Zahl der jüdischen Einwohner beträchtlich.l) Es ist außerordentlich bezeichnend, daß die privilegierten Nachkommen der jüdischen Soldaten Nikolaus I. sich nicht nur weigerten, in den Ansiedlungsrayon zurückzugehen, sondern auch viele ihrer Verwandten von dort herüber brachten.9) Man muß dabei in Betracht liehen, daß die Erlangung des Rechts, außerhalb des Ansiedlungsrayons zu wohnen, mit großen Schwierigkeiten verknüpft war. Tatsächlich bestanden die Beschränkungen, indessen „es gab jemand, der den Bureaukraten in die Ohren flüsterte, in ihrer Genauigkeit etwas nachzulassen".3) Seit dieser Zeit wurden die Bestimmungen milder gehandhabt. Es würde Bände füllen, die Wandlungen in der Behandlung der Judenfrage unter der Regierung Alexanders II. zu beschreiben. „Die Beschränkungen wurden nicht aufgehoben, die Obelstände blieben bestehen, aber es herrschte eine gewisse Toleranz."*) Auf der andern Seite war damals eine Zeit sehr eifriger Gesetzesfabrikation in bezug auf den Unterricht, das Gemeinderecht, Justiz und Militärdienst. Hinsichtlich dieser Reformen beklagten sich die Juden, daß die niedere Bureaukratie „jede Maßregel und jede halbe Maßregel verstümmele".5) Die jüdischen Neuankömmlinge im Innern Rußlands „wanderten blind in der Dunkelheit".6) Sie waren nicht sicher, ob sie das Aufenthaltsrecht besaßen oder nicht. Sie profitierten von den Unterlassungsfehlern seitens der Bureaukratie. Das Leben der Juden im Innern Rußlands war weder gesichert noch beständig. Sie waren der Gefahr ausgesetzt, aus ihrer Tätigkeit vertrieben zu werden. Eine genaue Prüfung der Lebensbedingungen zeigt, daß die Gemeinden klein und mit Ausnahme der großen Handelszentren meistens arm waren. „Der Nikolajewski-Soldat" war, solange dieser Typus noch existierte, priviligiert, er war in manchen Beziehungen interessant, wohlhabend, typisch, aber als Ganzes war er mehr ein überlebtes Moment als ein aufstrebendes Element. Die Kinder dieser Soldaten-Märtyrer konnten nur eine sehr beschränkte Erziehung genießen. Manche waren Handwerker, aber sehr primitiver Natur, oder sie verbanden ihr Handwerk mit einem kleinen Handelsgeschäft. Die mikroskopischen Gemeinden in dem Mamutreiche waren nicht geeignet, irgendwelche gehässigen Triebe zu erwecken; mit Ausnahme der Blutanklage von Saratow, die um die Mitte des letzten Jahrhunderts sich ereignete, gab es keinerlei Konflikte. Das Auftreten des Juden erweckte keinerlei Abneigung, denn er war in erster Linie „Nikolajewski-Soldat" und eine Kopie des christlichen Originals und seines eigenen Prototyps, des Diadka, der ihm Unterricht zu geben pflegte; oder er war der Nachkomme eines dieser Exveteranen und in derselben Atmosphäre aufgewachsen. i) Osch: ZakonodateU Ivo, p. 73. 2I Rabinowitsch: Reformy (Odessa"! No. jo. Raswjc:. 3) Ibid. 4) Shapir: Jew. Pol. p. 19. 5) IMd. 6> Michtowim Mandelst. Ham. 1373. Im Jahre 1864 gab es im Gouvernement Moskau 3200 Juden, in Smolensk 1500, in Nischni-Nowgorod 1200, Archangelsk 200. Jaroslaw 80, im Gouvernement Kursk 630, in Kostroma 40, und in Orel.7) Aus dem Jahre 1868 finden wir einige knappe Statistiken in den hebräischen Zeitungen jener Zeit Der Hakarmel8) enthält Tabellen über die jüdische Bevölkerung des Moskauer Gouvernements, 10000. Im Gouvernement Smolensk überstieg ihre Anzahl 100. Viele waren „Neelomim" (nicht eingetragen). Der Zufluß in der Zeit von 1864 bis 1868 setzte sich aus Kaufleuten und Gewerbetreibenden zusammen. Handwerkern wurde in der Regel die Niederlassung gestattet, aber sie zeigten wenig Neigung, dies auszunutzen. Warum nun wandte sich die Auswanderung nicht nach dem Innern Rußlands, anstatt daß sie den ' Westen aufsuchte? Zwei Gesichtspunkte bieten sich von selbst der Überlegung dar. Erstens: der Erfolg oder der Mißerfolg der ersten Emigranten. Zweitens: die allgemeine jüdische Meinung über das Land und das Volk. Es ist eine Tatsache, daß schlechte Lage in dem Lande, aus dem einer auswandert, nicht eine so starke Triebfeder zur Emigration ist, wie die Wohlfahrt der ersten Einwanderet desjenigen Landes, in das sie gezogen sind. Die ersten jüdischen Einwanderer in fremden Ländern, oder wenigstens ein Teil von ihnen, hatte Erfolg. Das war der Anziehungspunkt Aus dem Innern Rußlands kannte man keinerlei Fälle von großem Erfolg. Wir finden keine Juden in Kursk, in Kostroma, in Orel, die dort zu großem Vermögen gelangt sind, wie viele unseres Volkes in New-York und Chicago. Und dieses war der Fall, nicht weil sie anders geartet waren, sondern weil das Land noch im Schlafen war und ist Nirgends gab es passende Arbeit, mit der sich die Einwanderer hätten befassen können. Sie taten ihr Bestes, um ihr Leben als kleine Händler zu fristen. Niemand dachte an Kolonisation. Und doch gab es noch ungeheure Strecken Landes, die hätten so kultiviert werden können, daß sie eine zahlreiche arbeitsame Bevölkerung hätten unterhalten können. Wenn solch ein Plan vorgelegen hätte, das Land wäre ganz unschätzbar wertvoller geworden durch die glückliche Ansiedlung tausender Familien. Sehr viel ist darüber schon geschrieben worden, und manch einer, der zur Einsicht gekommen ist, bereut es heute bitter. Nichtsdestoweniger muß festgestellt werden, daß das „alte Regime" sich überhaupt nicht um die ökonomischen Bedingungen kümmerte. Ein Appell an die Intelligenz war vergeblich, moralische Oberzeugung so gut wie hoffnungslos. „Ich bekümmere mich nicht um den materiellen Nutzen der Feinde Christus", dieser Ausspruch der russischen Kaiserin, Jelisaweta Pietrowna, blieb unerschüttert. Bei Erwägung all dieser Dinge muß doch konstatiert werden, daß unter der Regierung Alexanders II. viele Verbesserungen durchgeführt worden sind. Ober ein kolossales Gebiet zerstreut existierten einzelne kleine Gruppen von Juden, die sich eines gewissen Maßes von Toleranz erfreuten. Zwei Gemeinden insbesondere wuchsen an Anzahl der Bevölkerung und an Bedeutung. 1880 gab es in Petersburg ungefähr 35 000 und in Moskau ungefähr 65 000 Juden. Eine handels- und gewerbetreibende Klasse entwickelte sich zu einer großen Gemeinschaft auf den Grundlagen, die der „Nikolajewski-Soldat" und die kleinen Händler gelegt hatten. Der russische Jude begann über die Rückkehr aus dem Ansiedlungsrayon nachzudenken. Um diese Rückkehr zu erleichtern, bildeten sie eine Gesellschaft zur Unterstützung jüdischer Handwerker und Ackerbauer. Indessen verweigerte die Regierung die Bestätigung der Statuten der Gesellschaft, und diese konnte nur als ein temporärer Fonds eine sehr erschwerte Existenz weiter führen. Dies war der Vorbote einer furchtbaren Reaktion. Die Regierung machte dem bitteren Kampfe um die Beseitigung des Ansiedlungsrayons ein Ende. Eine Serie von aufeinanderfolgenden Maßregeln, Erlassen und Verfügungen wurde ausgegeben mit der gemeinsamen Idee, den Juden nicht nur die Rückkehr vom 7) Ibid-. 3) Vol. II, No. iB.