Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-01-10 · 2 (10.1.1908) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
2 (10.1.1908)
Date
1908-01-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316299--50168-3377153
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

10 DIE^ELT No. 2 Schon jetzt sind fast 1000 £ gezeichnet; wir hoffen bis Ende März die vom Nationalfonds als Bedingung für seine Beteiligung verlangten 3000 £ aufzubringen. Ist das erreicht, so kann, da der Nationalfonds sich bereit erklärt hat, dann die zu bauenden Häuser, das zu kaufende Inventar und die anzulegende Baumpflanzung gleichfalls bis zur Höhe von 3000 £ zu beleihen, schon in diesem Frühjahr mit der Bewirtschaftung begonnen werden. Um dem Nationalfonds eine Kontrolle zu geben und auchsonsteine gewisse Stabilität in die Leitung der Gesellschaft zu bringen, sollen ca. 200 Foundershares ä 50 £ ausgegeben werden, von denen der Nationalfonds SO für das Pachtrecht erhält, während der Rest mit Zustimmung der Inhaber der ersten 80 Foundershares (d. h. des Nationalfonds) an Gesellschaften und Private abgegeben werden soll. Diese 200 Shares sollen kollektiv ebensoviele Stimmen haben, wie die Gesamtheit der übrigen auf jeder Generalversammlung vertretenen Aktionäre. Wir vermuten, daß diese Gesellschaft schon populär werden wird, so daß es nicht allzu lange dauern wird, bis das gesamte Aktienkapital gezeichnet sein wird. Es ist hierbei anzunehmen, daß auch viele Nichtbewußten sich an dieser Gesellschaft beteiligen werden. Wir schlagen vor und bitten um die Genehmigung des Aktionskomitees, daß auch kleinere Summen als 1 £ unter dem Namen „Agrarfonds* gesammelt werden dürfen, die dann in Form von Shares der P. L. D. C. zusammengelegt dem Nationalfonds überwiesen werden. Alle diese Projekte würden aber in der Luft schweben, wenn wir nicht eine geschäftliche Vertretung in Palästina selbst erhalten würden; und daher begrüßen wir die Schaffung des Palästinaamtes so außerordentlich freudig. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß das Palästinaamt schon bald eine reiche Tätigkeit entfalten wird, da es eine Vertrauensstelle und der Mittelpunkt der Organisation vieler schon bestehender und neuer Institutionen sein wird. Dies Amt darf naturgemäß einzig und allein von der zionistischen Zentrale abhängen und nur soweit Arbeiten verrichten, die außerhalb der zionistischen Bewegung liegen, als sie von der zionistischen Zentrale genehmigt werden. Als Hauptbeisteuernder kommt neben dem Aktionskomitee der Nationalfonds in Betracht, ferner werden wohl jedenfalls die Ölbaumspende und die Palestine Land Development Co. der Kontrolle des Palästinaamtes unterstellt werden; auch andere mit Hülfe der Zionisten entstandene Institutionen, wie das Gymnasium, der Bezalel, der Palästina-Pflanzungsverein, die Palästina-Handelsgesellschaft und das Palästina-Industrie-Syndikat, werden gut tun, sich der Hülfe des Palästinaamtes zu versichern, kommen aber für die finanzielle Förderung des Palästinaamtes wenig in Betracht. Wir hoffen, daß diese im Werden begriffene Einrichtung, — der Sekretär des Palästinaamtes, Herr Dr. Thon, ist gerade in Jaffa eingetroffen, — sich kräftig weiter ausbilden möge und ein Zentralpunkt aller organisierten Arbeit in Palästina werden möge. Jedenfalls steht der Palästinaarbeit für das nächste Jahr ein weites Feld offen, und bedürfen wir dabei der Mitarbeit jedes einzelnen; wird uns das, so wird auch der Erfolg nicht ausbleiben. Dr. Franz Oppenheimer: Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie mich noch einmal hören wollen. Es wird vielleicht das letzte Mal sein. Wenn Sie sich heute von meinen Ausführungen nicht überzeugen lassen werden, werde ich nicht mehr zu Ih'nen sprechen. Den Streit zwischen politischen und praktischen Zionisten habe ich niemals verstanden. Wenn man sieht, daß durch politische Arbeit Erfolge erzielt werden können, kann doch niemand ein Wort dagegen sagen. Und wenn praktische Arbeit uns eher zum Ziel ^führt, wird doch kein Zionist so verblendet sein, die praktische "Arbeit zu perhorreszieren. Jedenfalls bin ich der festen Oberzeugung, daß irgendwelche Kleinkolonisation, irgendwelche kolonisatorische Arbeit, die nicht eine Massenbesiedlung zum Zwecke hat, die sich darauf beschränkt, einige oder einige Hundert Familien nach Palästina zu bringen, für die zionistische Idee belanglos und wertlos ist. Damit können wir uns nicht abgeben, darüber kann ich kein Wort verlieren. Die Aufgabe, die schwere Aufgabe ist es, in verhältnismäßig, kurzer Zeit eine Massenansiedlung vorzunehmen, und diese Aufgabe kann, so scheint mir, am besten oder ausschließlich auf Grund meines Planes der Siedlungsgenossenschaft gelöst werden. Das war auch die Meinung Herzls, und darum ist Herzl für diesen Plan mit seiner ganzen Energie eingetreten. Ich glaube nicht daran, daß ein politischer Glücksfall eintreten wird, wie er in der ganzen Weltgeschichte noch nicht dagewesen ist. Noch niemals hat jemand Konzessionen bekommen, der nicht einen Gegenwert dafür zu bieten hat. Ich glaube nicht, daß man große Konzessionen geben wird, wenn wir nicht eine Macht bedeuten. Daher muß man fragen: Gibt es Arbeit für uns, die, wenn sie begonnen wird, sich zu einer großen Sache auswachsen kann? Darum bin ich für den Bezalel eingetreten, weil ich gesehen habe, daß aus der Kunstgewerbeschule von Professor Schatz in Bulgarien Hunderte und Tausende hervorgegangen sind, die auf diese Weise eine Existenzmöglichkeit bekamen. Mag der Bezalel heute noch nicht allen Anforderungen entsprechen, in ihm ist der Keim zu einem Unternehmen gelegt, das einmal für das Land von der größten Bedeutung werden kann. Drei Gründe sprechen für mein Projekt der Siedlungsgenossenschaft: 1. Weil sie die Arbeiter, die sie aufnimmt, in den ersten Jahren vor jeder Verlegenheit schützt die aus ihrer Selbständigkeit sich ergeben könnten. Die ersten Jahre übernimmt der Nationalfonds oder eine andere Korporation die Verantworlichkeit 2. Gibt sie durch die starke Gewinnbeteiligung der Arbeiter diesen das Gefühl des gemeinsamen Interesses, das zum guten Gedeihen des landwirtschaftlichen genossenschaftlichen Betriebes unbedingt erforderlich ist. 3. Enthält sie die Möglichkeit, durch Übergang von der extensiven zur intensiven Kultur auf einem Landkomplex, der an und für sich nur zur Aufnahme einer kleineren Menge Menschen geeignet ist, das Hundertfache unterzubringen, zu ernähren und prosperieren zu lassen. Das sind Vorteile, die kein anderer Plan irgendwelcher Art enthalten kann. Die Idee der Development Company ist ja von der meinigen nur wenig verschieden. Nur scheint mir, daß die Gewinnbeteiligung nach einem andern System geordnet werden muß, sonst sehe ich darin eine Gefahr für das Unternehmen. Entschieden bin ich dagegen, Nationalfondsgelder für Häuserbau-Gesellschaften zu verwenden. Machen Sie sich doch klar, daß Sie dem Gespenst des Sozialismus in Palästina nicht ausweichen können. Wir dürfen nicht eine Kolonisation betreiben, die auf eine Stärkung des Kapitalismus hinausläuft. Die Unterschicht in Palästina muß jüdisch sein, sonst wird das Land niemals jüdisch werden. Das ist tausendfach in der Geschichte bewiesen. Wir können auch nicht städtische Arbeiter zu Landarbeitern erziehen, das bedeutet eine Degradierung. Unser Ziel muß sein: aus den städtischen Proletariern Bauern zu machen; sonst ist unsere_ Arbeit vergebens. Und diesem Ziele kommen wir, das ist meine Oberzeugung, nahe auf dem Wege meiner Genossenschaft. Dr. Ruppin ist über die Ausführungen von Dr. Oppenheimer sehr erfreut, sie bilden ihrem Inhalte nach eine glänzende Rede für die Development Company. Alles, was Dr. Oppenheimer als Vor- . züge seiner Siedlungsgenossenschaft anführte, ist für die Development Co. vorgesehen, sowohl daß die Arbeiter in den ersten Jahren bei gesicherter Existenz die Landwirtschaft erlernen können, wie daß sie am Gewinne beteiligt sein sollen und daß auf dem Lande der Development Co. durch Ubergang von extensiver zu intensiver Wirtschaft eine steigende Zahl von Personen wird existenzfähig gemacht werden können. Meinungsverschiedenheiten scheinen höchstens in dem Modus der Gewinnbeteiligung zu bestehen, aber ich glaube, daß der Plan der Development Co. den Arbeiter noch besser stellt als Dr. Oppenheimers Vorschläge. Dr.. Oppenheimer will Beteiligung am Gesamtgewinne des Gutes, die Development Co. will den Arbeitern bestimmte Erträge aus Ackerbau und Viehzucht zuweisen, damit nicht durch die vielen möglichen Zufälligkeiten innerhalb eines großen Betriebes ihre Gewinnbeteiligung gleich Null wird. Das sind aber keine prinzipiellen Verschiedenheiten, und eine Verständigung darüber ist leicht möglich. Im übrigen bin ich mit Dr. Oppenheimer Wort für Wort einverstanden, insbesondere damit, daß es notwendig ist, in Palästina durch Umbildung jüdischer Proletarier zu selbständigen bäuerlichen Existenzen eine starke judische Unterschicht zu schaffen. Dr. Oppen heim er: Ich bin nicht gegen die Development Company, im Gegenteil, sie ist ein auf dem Boden meines Planes entstandenes Projekt, und über Einzelheiten wird sich ja noch reden lassen. Aber auf eines möchte ich noch hinweisen: Immer und immer begegne ich dem Mißverständnis, daß ich eine fertige Siedlungsgenossenschaft nach Palästina hineinsetzen will, das ist grundfalsch. Ich will nur, daß man beginne, daß man einen Versuch mache, der sich allmählich zur Siedlungsgenossenschaft, auswachse. Als solcher Versuch kann die Development Company bei starker Gewinnbeteiligung, der Arbeiter angesehen werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.