Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-01-03 · 1 (3.1.1908) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
1 (3.1.1908)
Date
1908-01-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316298--50144-3377128
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

. „Ach ja, ach ja! das ist ein Feuer gewesen, ein Feuer"..., sagen sie und nicken ihr lachend zu. „Und was ist sie jetzt?" fragt eine Trägerin. „Basche Leachen!" antwortete eine, und jeder fühlt, daß Basche Lea eigentlich dieselbe geblieben ist. Basche Lea hat eine ganze Kollektion von Waren. Gerade als hätte sie's darauf angelegt, recht viel zum „Ausrufen" zu haben. Immer kommt sie mit einem Korb Eier in der linken, einem Korb Äpfel und Birnen in der rechten Hand zu Markte. Ihre älteste Tochter, ein Mädchen von zehn Jahren, trägt hinter ihr einen Korb Pflaumen und einen zweiten, angefüllt mit Petersilien, Mohrrüben und Rettich. Und hinter ihnen die jüngere siebenjährige Tochter mit einem Korb Kraut und Gemüse, den sie mit beiden Händen vorne an den Henkeln trägt. Und zuletzt kommt noch einer, ihr fünfjähriges Söhnchen mit einem Kranz der „Marmelade- Zwiebel" um den Hals. Für Basche Lea ist alles Ware. Kaum erscheint irgendeine neue Spezialität auf dem Markte, kann man schon sicher sein, sie ein Weilchen später von Basche Lea „aussingen" zu hören. Und immer kommt bei ihr eine Melodie heraus. Immer tönt's ^wie vom Chasen" von ihren lächelnden Lippen. Ein ganz merkwürdiges Geschöpf ist sie. Nie sieht man sie ruhig sitzen. Immer ist sie in Bewegung, immer sucht sie etwas, wirft sie die Augen nach allen Seiten. „Ein Brand ist das," sagt von ihr der ganze Markt. Aber erst am Sabbat oder an einem Festtag muß man sie sehen! Bald nach Mittag räumt sie das Zimmer auf, wäscht die Kinder und putzt sie heraus. Dann macht sie sich selbst fein und erwartet die Gäste. Ihre Gäste, das sind ihre Marktkundinnen, Dienstmädchen aus nahen" und weiten Gassen. Es kommen auch einige „Kavaliere", — und es wird getanzt. In der kleinen, niedrigen Stube wird's zu eng, aber das tut nichts. Man setzt sich aufs Bett, auf den Tisch, aufs Fensterbrett und wo's sonst geht, damit in der Mitte mehr Platz wird. Basche Lea aber ist die Anführerin und der Kapellmeister beim Tanz. Sie ist immer „Herr" und führt ihre Dame „wie ein echter Kavalier". Ihre Wendungen, ihre Verbeugungen, ihr „Pas", — das ist alles unwiderstehlich^ „wie um sich auf den Kopf zu stellen". Ihr Mann, der Färber, der, wie er sagt, nichts vom Tanzen hält, streckt sich behaglich auf dem Ofenbrett lang hin, hält neben sich seinen kleinen Jungen, und den Kopf auf eine Hand aufstützend, läßt er keinen Blick von seiner „Alten". Er ist entzückt von ihr, helle Freude hat er an ihrem Tanz. Und Basche Lea wird immer fröhlicher, immer erhitzter. Sie kann's schon nicht mehr eine Minute lang auf einem Platze aushalten, sie springt herum, wirft die Arme auf und nieder, zwinkert und blinzelt mit den leuchtenden Augen, faßt jeden Gast und rauft sich lachend mit jedem, — das ist der Moment, wo alle in sie dringen, sie solle doch den „Zigeunerischen" tanzen. Und Basche Lea läßt sich nicht lange bitten. „Still! Macht einen Durchgang!" ruft sie. Die Gäste machen ihr Platz, und sie stellt sich in eine Ecke der Stube, hebt mit der Linken ein wenig ihr Kleid, hält mit der Rechten ein Tuch über den Kopf, gibt sich plötzlich einen Ruck, schwenkt das Tuch . . . und tanzt . . . und singt dazu. Wild ist ihre Zigeunerweise wie der Wind, der über die Steppen jagt, doch noch wilder ihr Zigeunertanz: als jagte und wirbelte ein Sturm, der Berge Sand vor sich hertreibt, der in der endlosen Steppe der Länge und Breite nach nichts findet, was ihn aufhalten könnte. Wunderbar tanzt Basche Lea. Die Gäste können den Blick nicht lassen von ihren Füßen. Sie können beinahe ihren blitzschnellen Bewegungen nicht folgen und schütteln den Kopf vor erstauntem Entzücken. ' „Ah; oh! Kobolde sitzen in ihren Füßen!" Alle sind damit einverstanden. „Ah! oh!" rufen sie enthusiastisch aus und schütteln immer von neuem die. Köpfe. Und nun hat sie geendigt. Sie wirft sich in einen Stuhl,, und alles klatscht begeistert in die Hände: „Bravo! Bravo!" „Was sagt ihr zu meiner Alten?" ruft Basche Leas Mann von der Ofenbank her, indem er sie mit einem glücklichen Lächeln anblickt. Bei Anbruch der Nacht hört dann das Tanzen auf. Die Gäste setzen sich auf dieverschiedenen improvisierten Sitzplätze, — alles bereitet sich auf etwas vor: Basche Lea wird ein „Konzert" geben. Aller Augen sind auf sie gerichtet. Von aller* Seiten wird sie bestürmt, sie soll dies oder jenes singen. Basche Leas Augen beginnen aufs neue zu leuchten, ihre Wangen glühen. Aber sie sieht jetzt ernst drein, wie verklärt und fast traurig. Sie steht in der Mitte des Zimmers, ein sanftes Lächeln auf den Lippen, und blickt auf die Gäste. Aber sie denkt jetzt nicht an sie und sieht sie wie durch einen Nebel. „Nun stille doch, ihr Klatschbasen!" sagt sie endlich weich und milde, während ihre Seele ganz anderswo ist. Und ihre Lippen öffnen sich zu einem tiefen, vollen Ton, — und das Konzert beginnt. Sie singt gewöhnlich traurige Stücke. Ein „fröhliches", sagt sie, will ihr nicht gelingen. Ihr Gesicht wird immer ernster, trauriger, versonnener. Das Lächeln verschwindet von ihren Lippen, nur die Wangen glühen, und die Augen leuchten seltsam mild und weich. . . . Sie vergißt alles und alle. Sie hält es nicht mehr auf einem Platze aus und fängt an, durchs Zimmer zu gehen wie verträumt. Und der Gesang wird immer voller und voller, und stärker hebt und senkt sich ihre Brust, und schneller klopit ihr Herz. Es ist ihr so seltsam schwer, und esverlangt sie, immer höher, immer stärker zu sirigen; es scheint ihr, als würde sie irgendetwas heraussingen aus sich, als würde ihr dennoch so leicht, so wohl werden. ... Alle sind wie bezaubert, wie im Bann. Keiner rührt sich, keiner spricht ein Wort. Das siebenjährige Töchterchen legt sein Köpfchen m den Schoß eines Mädchens, stützt es in beide Händchen und läßt keinen Blick von der Mutter. Das Gesichtchen flammt, die Augen leuchten, das kleine Herz klopft stärker...... , Im Sommer, wenn die Fenster offen sind, klingt Basche Leas Gesang weit hinaus über das arme Gäßchen. Bei den Türen und Toren der verfallenen Häuschen sitzen die armen Einwohner mit vorgeneigten Köpfen und singen leise mit zu Basche Leas Weisen, und es

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.