Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 1 (3.1.1908)
- Date
- 1908-01-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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juden zu bewegen, ihre Finanzpolitik in den Dienst der Volkssache zu stellen, der die Ostjuden ihre Massenkraft liefern? Es ist das Problem der jüdischen Politik in Österreich. Es wäre aber verfehlt, dem herrschenden Kräfteverhältnis im Reichsrat die vorläufige Ergebnislosigkeit der Bemühungen des Jüdischen Klubs zuzuschreiben. Es bestätigt sich bloß der Grundgedanke des Zionismus, daß die Judenfrage nicht auf dem Parkettboden des Parlaments gelöst werden kann. Eine .Oberschätzung des Parlamentarismus wäre geradezu verhängnisvoll. Der Jüdische Klub ist eben nur eine Vertretung, er kann nur so viel Kraft aufbringen, als ihm die organisierten Massen zuführen. Trotz der antisemitischen Majorität der Regierung und des Hauses ist die Stellung des Judenklubs eine achtunggebietende. Die Antisemiten haben selbstbewußten Juden gegenüber, die den Mut haben, zu verkünden, was ist, und sich nicht nur „wehren", sondern auch verlangen, den Ton noch nicht getroffen. Abg. Stand hat in seiner letzten .Budgetrede die nächsten Wünsche der jüdischen Bevölkerung zusammengefaßt. Es sind dies die Anerkennung der jüdischen Nationalität, Abschaffung der obligaten Sonntagsruhe für Juden, die am Samstag feiern, Milderung der Härten des Hausiergesetzes, Zulassung von jüdischen Bewerbern zu Staatsstellen — auch das muß man nämlich in Österreich nach vierzig Jjhren Verfassung und gewährleisteter Gleichberechtigung fordern. Die erste Budgetrede eines jüdischen Volksvertreters, der im Namen des produktiven und nicht des vegetativen Judentums gesprochen, um, ein Wort des Abg. Stand zu gebrauchen, war an vielen Stellen markant und wird ihre Wirkung nicht verfehlen. Eines wird jedenfalls dank der Existenz des Jüdischen Klubs den Völkern und Politikern Österreichs klar werden. Der Jüdische Klub ist eine feierliche Neutralitätserklärung des jüdischen Volkes von Österreich in allen nationalen Zwistigkeiten dieses Staates. Die Schaffung einer Sondervertretung für das jüdische Volk haf mit einem Schlage der kläglichen Rolle eines Prügelknaben bei allen Zusammenstößen streitender Nationen ein Ende gemacht Nun heißt es für den Jüdischen Klub die zweite wichtigste Aufgabe zu erfüllen, — die Judenfrage mit all .ihren Konsequenzen aufzurollen, sie auf die Tagesordnung der österreichischen Politik zu bringen, damit bei - dem bevorstehenden nationalen Ausgleich in Österreich die Juden nicht „übersehen" werden und das erreichbare Maximum von nationalen Rechten erlangen. Es ist uns freilich nicht vergönnt siegesfroh in den Kampf zu ziehen. Es ist nicht die jüdische Skepsis, die Macht der Tatsachen ist es, die dem Kampfe des Judenvolkes um mehr Freiheit und Wohlfahrt im Golus Schranken setzt Es kann in Österreich nicht nur ohne die Juden, es kann auch gegen sie regiert werden. Jetzt wenigstens erleben wir es. Aus'triacus. Eine Arierin über Nationaljudentum. Eine Wiener Dame, Frl. Camilla Theimer hat eine Broschüre veröffentlicht, die lebhaftes Interesse verdient Sie ist betitelt: „Antisemitismus und Nationaljudentum. Ein arischer Beitrag zur Lösung der Judenfrage". Wir behalten uns vor, auf die interessanten Ausführungen der Verfasserin zurückzukommen. Zu Lemberg fand ein Kreistag der Poale-Zion-Organisationen Ostgalaziens statt. - „Der jüdische Arbeiter", das Organ der jüd.-soz. Arb.- Partei Poale-Zion Österr., tritt in seinen fünften Jahrgang. Es ist .somit das älteste jüdische Arbeiterblatt Österreichs. Die österreichisch-ungarischen Konsularberichtefür Jaffa und Jerusalem sind erschienen. Sie enthalten nicht uninteressantes, wichtiges, aber auch anfechtbares Tatsachenmaterial zur Judeneinwanderung in Palästina. Wir kommen darauf ausführlicher zurück. FEUILLETON BASCHE LEA Obersetzt aus dem Jüdischen des David Pinski Welche von den Händlerinnen kann die Waren, die auf ihrem Stand liegen, so aufrufen wie Basche Lea? Wenn Basche Lea mit ihrem hellen gesunden Sopran ihr Lager anzupreis n beginnt: „Frische Eier! Zwubel wie Marmelade! Äpfel, eitel Zucker! Birnen, honigsüße Birnen hab' ich!" — dann hört man sie zehn Straßen im Umkreis. Das bestätigen alle Marktweiber ohne Ausnahme. Aber sie schreit nicht etwa wild in die Welt hinein, ohne System, ohne Melodie, nur um zu schreien. Bewahre! Sie tut es nach Sängerart, wahrhaftig, mit allerhand Verzierungen und Variationen, — und die Dienstmädchen erinnern sich dabei an die schöne Quadrille, die sie Sabbat-Abend in Basche Leas Stube getanzt haben. „Eine nette Ware!* reden ihr die übrigen Marktweiber nach, wenn sie mitihrem Register zu Ende ist, „ein Exemplar, der Mund soll ihr verschlossen werden!" Aber der Fluch ist nicht ernst gemeint. Im Gegenteil: Alle Händlerinnen haben sie lieb und sind stolz auf ihre Stimme und ihre Kunst, „zu singen, wie ein Chasen singt". Gar, seitdem der alte hochgeborene Herr Grinkewitsch, der schon ein paar Jahre mit gelähmten Füßen im Bette liegt, an einem Sommertag, da er sich das Bett ans offene Fenster rücken ließ, laut gerufen hatte: „Was doch diese Jüdin für eine Stimme hat!" und sich dabei bemüht hatte, sich aufzurichten, um Basche Lea zu sehen. Und dabei hatte er gelächelt, wie -einst in-den guten Jahren, da seine Füße noch heil waren. Basche Lea ist ein junges Weib von mittlerem Wuchs, nicht mehr als zweiunddreißig Jahre alt. Sie trägt eine Perücke, aber die sitzt so kunstvoll auf ihrem Kopfe, daß es nicht zu erkennen ist. Rock und Bluse, die sie trägt, sind geflickt, aber makellos sauber, und die Farben stehen ihr vortrefflich zu Gesicht. Einst war sie eine wirkliche Schönheit, Jetzt ist die Haut ihres Gesichtes -zu derb, und aus den Schelmengrübchen in den Wangen sind Falten geworden. Nur ihre Augen blitzen noch, und um ihre Lippen spielt das fröhliche Lächeln wie einst. Blinzelt und zwinkert sie mal mit den Augen, so bekommt ihr Gesicht einen so fröhlichen Ausdruck, daß ihre „Kolleginnen" sich gleich an die Mädchenjahre und an Basche Leas heitere Künste von einst erinnern.