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Die Welt · 1908-01-03 · 1 (3.1.1908) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
1 (3.1.1908)
Date
1908-01-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. I besitzen, sowohl vom Standpunkte der Gewissensfreiheit wie auch vom Standpunkte des Oktobermanifestes. Die oft ausgesprochene Meinung, daß die Gleichberechtigung der Juden zu einer Verknechtung des. russischen Volkes führen würde, widerspricht dem gesunden Menschenverstände. Erstens ist das-russische Volk nicht so. schwach, als daß es sich so leicht knechten ließe, und was die Gemeingefährlichkeit des jüdischen Volkes anlangt, so unterliegt es keinem Zweifel, daß alle schlechten E:genschaften des jüdischen Volkes vor allem auf die Rechtsbeschränkungen und Existenzbedingungen, unter denen die Juden zu leiden haben, zurückgeführt werden müssen. Und sollte sich übrigens irgendein Jude als schädlich erweisen, so kann man ihn persönlich bestrafen, ohne das ganze jüdische Volk für die Schuld eines einzelnen verantwortlich zu machen. Vollständig berechtigt ist dagegen die Frage, ob alle für Juden existierenden Beschränkungen, die ja eine Tradition hinter sich haben, mit einem Schlage abgeschafft werden können. Das ist eine Frage, die nach reifer Überlegung beantwortet werden kann. Eins steht fest: „Die für Juden eingeführten Rechtsbeschränkungen müssen abgeschafft werden." Die Schließung des „Judisch-Nationalen Klubs«' in Warschau Die Liquidation der russischen Freiheitsbewegung ist im vollen Gange. Nach der Liquidation der zweiten Duma kam jetzt die erste an die Reihe. Demselben Schicksale unterliegt die Volksbewegung der Jahre 1905 und 1906. Es erscheinen Senatserklärungen, administrative Zirkulare und dlg., welche das Oktobermanifest, die Vollmachten und Garantien der Volksvertretung, die Autonomie der Hochschulen und sogar die Vorschriften über Vereine und Gesellschaften zunichte machen. Diese Sturmflut der Reaktion trifft am härtesten die Juden, die ja überhaupt am meisten der Willkür ausgesetzt sind. Alle Vereine und Institutionen, die in das so trostlose Dasein des russischen Juden etwas Bewegung bringen, werden geschlossen. So kam vor mehreren Tagen vom Ministerium des Innern ein Befehl, laut welchem der seit einem Jahre in Warschau existierende „Jüdisch-Nationale Klub" und alle seine Abteilungen in den Provinzstädten des Königsreichs Polen geschlossen werden sollen, und zwar auf Grund der neuen Vorschriften über Vereine und Gesellschaften. Mit der Schließung des Jüdisch-Nationalen Klubs verliert das nationale Judentum Warschaus sein wichtigstes kulturelles Zentrum. Seine rege Tätigkeit, die interessanten Diskussionsabende, die fesselnden Vorträge haben viele Elemente herangezogen, die sonst dem kulturellen und politischen Judentum ferngestanden haben. Der Einfluß und die Bedeutung des Klubs sind während der letzten Monaten und besonders in der Wahlperiode für die Warschauer jüdische Gemeinde besonders stark hervorgetreten. Wie die Wahlen ausfallen werden, ist schwer vorauszusehen, obgleich sie schon heute begonnen haben. Die energische Agitation des National- Klubs hat jedenfalls die schwerwiegende Folge gehabt, daß sie der jüdischen Gemeinde die bisherige Tätigkeit des Vorstandes vor den Augen der Warschauer Judenheit klargelegt und den seit 30 Jahren existierenden Wahlblock zwischen der Assimilation und den Chassidim zersprengt hat. Der Kiewer Pogrom vor Gericht Die Verhandlungen über den Kiewer Pogrom 1905 haben am 19. Dezember begonnen. Als Verteidiger "der Angeklagten, deren Zahl hundert übersteigt, fungieren die berüchtigten antisemitischen Advokaten mit dem Rechtsanwalt Schmakow an der Spitze. Die Verteidigung bemüht sich, den Nachweis zu erbringen, daß der Pogrom durch das provozierende Verhalten und die Gewalttaten der jüdischen Selbstwehr hervorgerufen werde. Die unverschämte Lügenhaftigkeit dieser Behauptung ist so evident, daß man darüber nurlächeln kann: Aber bei der Voreingenommenheit und anti- 9 semitischen Stimmung der Justizbeamten und Standesvertreter kann ja die sinnloseste Behauptung, wenn sie nur gegen die Juden gerichtet ist, Geltung finden. Die Aussagen des Zeugen Gorodowoi (Schutzmann) Kowaltschuk werfen helles Licht darauf, wie sich die Polizei und das Militär während des Pogroms verhielt Der Gorodowoi bezeugt, daß er sich beim Ausbruch der Plünderungen an das Militär wandte; es wurde ihm aber gesagt, daß das Militär beauftragt ist, die Plünderer zu schützen. Nachdem der Vorsitzende den Zeugen unterbricht, setzt er seine Aussage fort und erklärt folgendes: „Ich bin beeidigt worden und muß Wahrheit sagen. Die Soldaten haben es mir ganz deutlich gesagt, daß ihnen das Recht erteilt worden ist, den Pogrom zuzulassen ... Der Zeuge wird wieder von dem Vorsitzenden unterbrochen. Das Urteil wird in kurzer Zeit erwartet. Zur rechtlichen Stellung der Juden sind u. a. folgende Senatsentscheidungen ergangen: 1. Daß jüdische Kaufleute 1 Gilde nur dann jüdische Kommis mit sich nehmen dürfen, wenn sie ihren Wohnort verlegen. Denjenigen von ihnen, die bereits außerhalb des jüdischen Ansiedlungsrayons leben, ist es nach dem Gesetz nicht gestattet, jüdische Kommis anzustellen. * 2. Daß der Aufenthalt in den Landgemeinden nur einzelnen Juden, ohne ihre Familien, gestattet ist, da entgegengesetzten Falls ihr Aufenthalts daselbst einer Ansiedlung gleichkommen würde. 3.. Daß den jüdischen Handwerkern, die das Recht haben, außerhalb der Grenzen des jüdischen Ansiedlungsrayons zu wohnen, nicht das Recht verliehen werden kann, außerhalb der Ortschaften, die sie sich zum Wohnort gewählt haben, einen Hausierhandel mit von ihnen hergestellten Gegenständen zu betreiben. , Wiener Brief Die Ausgleichssession des österreichischen Reichsrats ist zu Ende. Die brillanten Reichsratsvertreter der Königreiche und Länder gingen mit dem stolzen Bewußtsein auf Ferien, allen Staatsnotwendigkeiten Genüge geleistet zu haben. Trotzdem sind, wir gezwungen, von Politik zu sprechen. Ein „Rückblick" auf die verflossene Session ist ja unausbleiblich. Nun, sie war zweifelsohne reichhaltig und ergiebig. Der im neuen österreichischen Volkshause geführte Kuhhandel, oder nationalökonomisch gesprochen, der lebhafte Austausch von Dienstbarkeiten zwischen Regierung und den Parteien scheint die Hauptbeteiligten zu befriedigen. Die kleine Vertretung der Juden Österreichs im Parlament, der Jüdische Klub, kam bei diesem eigenartigen politischen Güteraustausch selbstredend nicht in Betracht, er und die von ihm vertretenen Juden Österreichs können an die geschlossene Parlamentssession keineswegs mit Genugtuung denken. Daß zwei christlich-soziale Antisemiten nunmehr dem Kabinett angehören, damit haben sich die Wiener Juden, wie die ganz Österreichs, scheinbar abgefunden. Sind ja die „freiheitlichen" und „völkischen" Mitglieder der Regierung vom deutschnationalen Verband und den tschechischen Agrariern ihrem Programm nach ebenfalls antisemitisch. Es ist eine seltsame Situation. Die Majorität der Regierung ist aus ausgesprochen judenfeindlichen Parteien zusammengesetzt. Was Österreichs Judenheit vor Jahren ein böser Traum zu sein schien, ist Wirklichkeit geworden. Trotzdem klammert sich die Assimilation krampfhaft an die modernen Überreste längst verschollener Zeiten deutschliberaler Herrlichkeit Der Zusammenbruch der Schutzjudentum-Politik hat sie noch immer nichl belehrt. Das Rückgrat des Jüdischen Klubs ist vorläufig die östliche Judenschaft Österreichs. Wird es dem Judenklub gelingen, die West- D/E^ELT

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