Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 1 (3.1.1908)
- Date
- 1908-01-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sonst aber folgen die freundlichen 98 den Spuren des Vei anstalters der Enquete nicht so willig. Er hat — und das i<-t ein Vorwurf gegen seine Objektivität als Enqueteleiter und ein Lob für ihn als jüdische Persönlichkeit — seiner Sympathie für die nationale Bewegung und seinem Widerwillen gegen die Assimilation unzweideutigen Ausdruck gegeben. Seine Herde teilt sich daraufhin: Die Juden geben ihm in ihrer Mehrheit Unrecht (im ganzen sind nur zwei Zionisten unter den Antwortenden vertreten, — die zionistischen Führer wie überhaupt die bedeutendsten Nationaljuden fehlen im Buch). Die Christen neigen ihm zu einem beträchtlichen Bruchteil zu. Kann man doch — um ein bißchen Statistik zu machen — nicht weniger als 27 Nichtjuden zählen, die sich bedingt oder unbedingt für die zionistische Lösung aussprechen! Im allgemeinen aber wirbelt's durcheinander: Philosemiten von der Toleranz-Spezies, Skeptiker, ehrliche Antisemiten, ehrliche Philo-Zionisten, Geistreiche und Danebenredner, gute Freunde, die den Juden den Rat geben, so schnell als möglich unterzutauchen, übertrieben gute Deutsche, die sich als Juden entpuppen, denen die anderen Juden durch Ungezogenheit die Assimilation erschweren, einige aufrichtige Verstandeschrist .'n. einige Schwätzer, einige Einerseits-Andererseits-Juden, die von einer Sackgasse in die andere laufen — und einige interessante und originelle Menschen aus beiden Lagern. Den bemerkenswertesten Typen wird es sich verohnen. etwas näherzutreten. Criticus (Schluß folgt.) Russischer Brief (Von unserem Spezialkorrespondenten) Die Politik der Kommissionen Um ihre Lebensfähigkeit zu beweisen, erzeugt die dritte Duma eine endlose Reihe von Kommissionen, und zwar in einem solchen Umfange, daß Fürst Wolkonski, der letztens den Vorsitz führte, bei einem Antrage, eine neue Kommission zu bilden, die Geduld verlor und ausrief: Erbarmen! Wenn es so weiter gehen wird, wird das Präsidium genötigt sein, einen Führer durch die Kommissionen zu verfassen, da Menschenkräfte nicht ausreichen, um sich ohne jede Hilfe in diesem Labyrinthe von Kommissionen und Ünterkommissionen zurechtzufinden. Wie läßt sich dieses Kommissionenfieber erklären? Zu den eifrigsten und treuesten Anhängern dieser Kommissionspolitik gehören die Gruppen, aus denen die Dumamajorität besteht. Da die Kommissionen der Duma den Charakter einer arbeitenden und arbeitsfähigen Institution verleihen, so hebt sich dadurch in den Augen der maßgebenden Schichten der russischen Gesellschaft das Prestige der Majorität. Was aber von noch größerer Bedeutung ist, ist der Umstand, daß diese Unzahl von Kommissionen der Majorität die Möglichkeit gibt, deren Politik unter ihrem Deckmantel viel sicherer durchzuführen. Ober diese Politik wurde viel geschrieben und gesprochen. Was aber die Apostel des Zentrums auch sagen mögen, eins steht fest: die Politik der Dumamajorität deckt sich vollständig mit der Regierungspolitik. Da man aber gewisse Bedenken gegen ihre öffentliche Durchführung in der Duma hegt, so zieht man es vor, das Ganze in den Kommissionen sich abspielen zu lassen, deren Tätigkeit vor der Öffentlichkeit geschützt ist und von der Presse nicht kontrolliert und besprochen werden kann. Was die Zusammenstellung der Kommissionen anlangt, so besitzen die oppositionellen Elemente darin nur wenige Vertreter, und es gibt auch solche Kommissionen, wo die Opposition "überhaupt nicht zugelassen wird. Auf diese Weise schuf die Majorität sich die Möglichkeit, die Fragen aus einer Kommission in eine andere überzutragen. Und es zeigt sich die Tendenz, alle wichtigen Fragen in denjenigen Kommissionen zu konzentrieren, wo die Opposition gar keine oder nur wenige Vertreter besitzt Wie es angesichts dieser Politik mit der Behandlung der Judenfrage in der Duma aussehen wird, ist leicht zu erraten. Die Oktobristen, welche bekanntlich die Rolle des Zentrums spielen, bemühen sich, alle Fragen fernzuhalten, welche einen Konflikt zwischen der Rechten und der Opposition hervorrufen und das Gleichgewicht s'ören könnten. Zu diesen Fragen gehört in erster Reihe die Judenfrage. Wie bekannt, hat die oktobristische Partei die „vollkommene Gleichberechtigung aller Nationalitäten, welche Rußland bewohnen" in ihr Programm aufgenommen. Diese Stellung der Oktobristen zur Judenfrage hat aber seit jener Zeit einige Phasen durchgemacht Als die reaktionäre Strömung die Oberhand gewann, erklärten die Führer der Partei, daß die Gleichberechtigung der Juden nicht auf einmal geschehen könne, weil das einen Protest seitens des russischen Volkes hervorrufen und für die Juden selbst von großem Schaden sein könnte. Auf^der letzten oktobristischen Konferenz ist die Stellung noch deutlicher geworden, indem man eine Resolution angenommen hat daß vorläufig nur solche Beschränkungen abgeschafft werden-können, „die schon gar keine wirkliche Bedeutung mehr besitzen". Eines der „-linken'* Bureaumitglieder der oktobristischen Fraktion, Herr Kapustin, wurde vom Mitarbeiter des „Russ" über die Stellung der dritten Duma zur Judenfrage befragt und gab folgende. Erklärungen: Während der zweiten Duma wurde das Gesetzesprojekt über die Gleichberechtigung -der Juden einer speziellen Kommission übergeben, von der Duma selbst aber nicht behandelt Es wurde der Wunsch ausgesprochen, daß die von dieser Kommission ausgearbeiteten und geordneten Materialien der dritten Duma vorgelegt werden sollen, doch hier gehen die Meinungen weit auseinander. Die Mehrheit des Bureaus und einige hervorragende Fraktionsmitglieder sind der Meinung, daß die Judenfrage geteilt und gemeinsam mit anderen Fragen behandelt werden muß, und zwar ein Teil — mit der Frage über die Gewissensfreiheit; die Erweiterung der Bürgerrechte gehört zur Frage über die fremden Nationalitäten und der größte Teil der Judenfrage, der die Fragen der jüdischen Kultur betrifft gehört zur Frage über die Volksbildung. Auf diese Weise soll nach der Meinung der Oktobristen die Judenfrage in ihren einzelnen Bestandteilen von verschiedenen Kommissionen behandelt werden. Und so unterliegt auch die Judenfrage, wie so viele andere wichtige Fragen des Staats- und Volkslebens, der Kommissionspolitik! Die Judenfrage und die Dumaparteien Das Zeitungsorgan des oktobristischen Zentralkomitees „Golos Moskwy" veröffentlicht folgende Mitteilung über die Stellung der Rechten zur Judenfrage: „Die Rechte der Reichsduma befaßt sich gegenwärtig unter der Leitung der hervorragendsten Parteimitglieder mit der Ausarbeitung eines Gesetzesprojektes zur Lösung der Judenfrage, das in der allernächsten Zeit der Duma vorgelegt werden solL In dem Gesetzprojekte wird der Gedanke klargelegt, daß die Juden ztfAusländern erklärt werden sollen und folglich allen Begrenzungen unterliegen, die anf Ausländer angewandt werden." Angesichts dieser Erklärung der Rechten ist die Stellung des Präsidenten der Duma, N. A. Chomiakow, zur Judenfrage recht interessant. Er erklärt folgendes: „Ich zweifle keineswegs daran, daß die Beschränkungen für Juden gar keine Existenzberechtigung