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Die Welt · 1908-01-03 · 1 (3.1.1908) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
1 (3.1.1908)
Date
1908-01-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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wieder zurück zum Ausgangspunkt, zu diesem Buche, das ja. wirklich nur ein Buch ist, und zu seinen 99-fachen Prokrustes-Versuchen, die ja nur eine literarische Manipulation sind. Denn, wahrhaftig, über ein bloßes literarisch es'Gefallen und Mißfallen, über einige nicht ganz uninteressante psychologische Be obachtungen hinaus muß unsere Teilnahme an dem Buche nicht gehen. Der praktische jüdische oder antijüdische Politiker wird aus ihm nicht viele Konsequenzen zu ziehen haben. Ernstlichen, dauernden Wert könnte eine solche Sammlung von Antworten über das jüdische Problem höchstens dann haben, wenn diese Antworten von den bedeutendsten Geistern oder den einflußreichsten, politisch entscheidenden Persönlichkeiten aller Länder herrührten. Beides ist bei dem vorliegenden Buche nicht einmal ausnahmsweise der Fall. Kein christlicher, kein jüdischer Staatsmann, kein erster Denker, — alles Sterne zweiten, dritten oder noch entfernteren Grades, größtenteils achtungswerte Menschen, manche darunter, deren Name in Deutschland auf diesem oder jenem Gebiete keinen schlechten, manchmal sogar einen vollen Klang hat, — gute Zeitgenossen, im aufrichtigen Sinne des Wortes *), aber nicht mehr, und fast alle auch nicht entfernt das, was man Kenner der Judenfrage nennen könnte. Nehmen wir also das Buch, so wie es ist, und danken wir dem Herausgeber — so wenig wir dem Unternehmen, 99 Leute im Umfange von 2 Zeilen bis zu höchstens 6 bis 7 Seiten die Judenfrage lösen zu lassen, Ge- -schmack abgewinnen können — für seine gute Absicht. Denn seine Absicht war gut (wenngleich der Erfolg von vornherein fragwürdig sein mußte) —, das beweist am besten die schöngeschriebene Vorrede. Mindestens zwei der eingelaufenen Antworten hätten ihm zeigen müssen, wo sein Irrtum und wo die Wahrheit steckt. Die eine, die sympathischste des ganzen Buches (das übrigens gar nicht so arm an Sympathiebezeugungen ist), die von dem schlichten Kir.derpoeten Johannes Trojan herrührt und — kürzer, kann man's nicht—lautet: „Was diese Frage zu lösen verspricht, Gern sagt' ich es, aber ich weiß es nicht!" Aufrichtig und ein gutes Beispiel für manchen großspurigen Vielredner und Nichtssager in diesem Buche, — und die zweite, ausführlichere Antwort von Professor Dr. Arthur Seidl, die auszugsweise wiedergegeben zu werden verdient: „Ob für verschiedene Länder sich eine verschiedene Lösung der Judenfrage ergeben muß," — so schreibt er — „das entzieht sich meiner Kenntnis und persönlichen Beurteilung, und — entgegen den Gepflogenheiten unseres p. t. Journalismus — pflege ich nicht von Dingen zu reden, die ich nicht verstehe. Wohl aber habe ich die deutsche Judenfrage.....studiert mit heißem Bemühen. Gleichwohl will ich davon hier keinen Gebrauch machen, sondern vielmehr nur einfach folgendes Gegenbild aufstellen: Man denke sich in den Zeiten der schlimmsten deutschen Wirren des vorigen Jahrhunderts, da das Reich deutscher Nation noch nicht durch Blut und Eisen geschmiedet war; eine „Rundfrage", gerichtet an 3000 der bedeutendsten Männer aus allen Gebieten, aber den verschiedensten fremden Nationalitäten: „Worin besteht nach Ihrer Anschauung das Wesen und die Lösung der deutschen Frage? — „Ei, zum Henker!" hätte es da wohl geechot, „vor *) Gorki und Hall Caine, die. nur mit Nachdrucken vertreten sind, können da nicht gut mitzählen. allem darin, daß einmal ein genialer Reichsschmied ersteht, der euch das selbstgeschmiedete Schwert in die Hand drückt. . ., statt daß sich jeder im Auslande Ansässige eures Stammes, seiner natürlichen Herkunft schämen muß und sein „Nationale" peinlichst verbirgt. Wir können euch dazu doch nicht verhelfen, — das müßt ihr, beim Wotan, schon allein besorgen! Bringt ihr das aberzustande, . . . dann ist die ganze Frage ja gelöst; keiner braucht dann über seine Unselbständigkeit tragische Empfindungen in sich zu tragen... - der nötige Stolz stellt sich alsbald von selbst ein, und man kann auch im Auslande wieder einmal Respekt vor euch, statt nur Mitgefühl für oder Haß gegen euch haben!" Dies meine deutsche Antwort auf Ihre werte Frage. Ganz unmöglich können wir den Zionismus, meines Bedünkens die einzige Rettung des Judentums, . . bis zu dem Punkte beleben und heraustreiben, daß wir ihm den Judenstaat — schenkungsweise etwa — gründen helfen; so wenig als uns Deutschen anno 1866/71 Franzosen, Italiener, Engländer, Russen .. das Deutsche Reich begründen und unseren Nationalstaat schenken konnten." Diese Antwort ist absichtlich fast in extenso hierhergesetzt- Sie ist so kernhaft und trifft so das Wesen der Sache, daß sie einen aller eigenen prinzipiellen Kommentare -zu dieser Enquete überhebt. Und nun kehren wir wieder zurück zu der schöngeschriebenen Vorrede des Herausgebers, die ja den besondern Zweck der Rundfrage erklären soll. Sie ist einem Publikum angepaßt, das von der Judenfrage nichts oder sehr wenig weiß, und sagt das allgemeinste in guten Worten — aber sie bleibt beim Wesentlichsten durchaus an der Oberfläche haften, ja, sie ist da direkt fehlerhaft-oberflächlich. Während das soziale und ökonomische Moment in der Judenfrage in der uns Zionisten geläufigen Art in scharfen Strichen trefflich skizziert ist, stoßen wir u. a. plötzlich auf eine Stelle, wo es heißt: „Selbst derjenige Jude, der durch die Taufe den letzten Trennungsschritt tun will, wird von starken Gewissensqualen gefoltert, ein Beweis, daß hier ein letztes Restchen unerklärlichen Zusammenhanges besteht. Dieses innere, unbewußte, nur dam Psychologen deutlich sichtbare Moment nennen wir Judentum. Und die Frage des Judentums bedeutet also ins rein Menschliche übersetzt: Sollten die Juden dieses Restchen innerlich selbstbewußten Stolzes, ihre jüdische Persönlichkeit, bewahren (oder den Abfall vom Judentum weiterhin als das Ziel der Emanzipation dekretieren)." Man muß nicht unbescheiden sein, um eine tiefere und reichere Definition vom „Judentum" zu verlangen. Wenn Judentum tatsächlich nichts anderes wäre als dieses — man verzeihe — schäbige Restchen, dann wäre nicht nur diese Enquete, dann wäre die Lösung der Judenfrage selbst übenlüssig. Aber Herr Dr. Moses ist hier offenbar nur ausgeglitten, — allein das ist arg genug, da er ja eigentlich für die Befragten das Feld absteckt. Und in diesem Punkte sind ihm auch tatsächlich die anderen 98 gefolgt, — nicht einer,, der vom Judentum als einer geistig-sittlichen Potenz nicht gewöhnlicher Art — wenn wir sogar von der großen Vergangenheit absehen — etwas zu sagen weiß.*) *) Ganz t.ngenau nnd irreführend ist u. a. auch folgende Bemerkung des Herausgebers, die offenbar aus der Betrachtung der westeuropäischen Mis-ionsjuden geschöpft ist: »Vom Standpunkte des religiösen Judrn mub die Zerstreuung als wünscheswertes Mittel der Lösung unseres Problems erscheinen, weil sie der Realisierung der Messiasidee dient, d. h. allen Völkern den wahren, einzigen Gott zu predigen.«

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