Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 1 (3.1.1908)
- Date
- 1908-01-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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6 ■ r- ■ D1E^ verbunden mit wahrer Humanität und Liebe zum lüdischen Volke, .hat er nie vergessen. Rufen wir uns nur seine .vornehme Erscheinung beim achten Zionistenkongreß nochmals ins Gedächtnis, da sehen wir ihn, den höflichen, ehrwürdigen Greis, mit knappen, schlichten Worten den Kongreß im Namen der Haager Einwohnerschaft willkommen heißen. Er fühlte sich als Holländer und Jude. Auch hier einfache Wahrheit, keine Diplomatie. Höflich, aristokratisch, doch aufrecht, kurz: ein ganzer Mann. Seine Biographie weist nur auf Erfolge hin. Erfolge, die er seinem umfassenden Wissen und seiner edlen Gesinnung zu danken hat. Dem „Handelsblad" entnehmen wir die folgenden Daten: De Pinto wurde am 27. Oktober 1828 in Haag geboren, promovierte 1852 als Doktor juris an der Leidenschen Hochschule nach öffentlicher Verteidigung einer Dissertation aus dem Gebiete des niederländischen bürgerlichen Rechts. Nach seiner Inauguration etablierte er sich in Haag als Ajdvokat, wo er sehr bald eine bedeutende Klientel erwarb. Verschiedene juridische Zeitschriften und Sammelwerke zählten ihn zu ihrem ständigen Mitarbeiter u. a. „Themis" und das „Weekblad von het Recht" deren Redaktion er später leitete. Als Schriftführer der Kommission für den Entwurf eines indischen Strafgesetzbuches zeichnete er sich bald derart aus, daß er im Jahre 1862 als Referendar ins Justizministerium berufen wurde. Ungefähr 18 Jahre hat er die gesetzgeberischen Arbeiten des Justiz-Departements fast ganz allein vorbereitet, namentlich aber hatte er großen Anteil an dem Zustandekommen des Gesetzes zur Abolition der Todesstrafe von 1870 und dem neuen Strafgesetzbuche, welches 1886 in Holland eingeführt wurde. Am 19. Juni 1876 wurde Dr. de Pinto zum „Ratsherrn" im „Hohen Rat der Niederlande" und 1877 zum Mitgliede der „Königlichen Akademie der Wissenschaften" ernannt. Am 31. Dezember 1903 ernannte ihn die Königin zum Vize-Präsidenten des „Hoogen-Raad". Dies in Kurzen sein Lebenslauf. Wie er als Jurist und als Mensch hochgeschätzt wurde, geht aus dem Nekrologe von Prof. van Hamel bervon Mehrere Institutionen wurden von ihm gegründet so z. B. das „Gebouow voor Künsten en Wetenschappen", wo der achte Kongreß tagte, der Tonkünstlerverein „Polyhymnia" usw. Wiederholt wurde ihm die Stelle eines Justizministers im liberalen Kabinet angeboten. Sei es aber, daß ihm seine Arbeit im Hohen Rat zu lieb geworden war oder daß seine Bescheidenheit ihn von dem Glatteis der innern Polittk ferne hielt, er hat diese Ehre immer wieder abgelehnt Am 23. Dezember des verflossenen Jahres verblich dieser edel denkende Mensch, humane Richter und große Jude. Bei seinem Begräbnisse, auf dem Kewer owous der sephardischen Gemeinde waren viele bedeutende Männer anwesend u. a. der Justizminister van Raalte, der Gouverneur von Nord-Holland van Thienhooven, Prof. Jitta, Staatsrat Oppenheim, die Ratsherren vom Hohen Rat Gulje und Felders, der Staatsprokurator Dr. Noyon, der Präsident des Gerichtshofes Dr. Limburg, Mitglied des Abgeordnetenhauses. Ferner eine Abteilung des Haager niederländischen Zionistenbundes. Einfach, wie er gelebt, ist er gestorben. Ein Mensch von hoher Gesittung, ein mildherziger Aristokrat, der sein Judentum als Ehrenzeichen durch die Welt trug. H. Die Lösung der Judenfrage Ich bin daran unschuldig, wenn der geschätzte Leser nach dem großen Titel eine g:oße Offenbarung erwartet: zumindest ist meine Schuld nicht größer als i" ^^^T^^y^'^^si^^ gELT No. 1 ' die des Herrn Dr. Julius Moses, der einem ganzen schön gebundenen Buch diesen Titel-in goldenen Versalien vorgesetzt hat. und darunter eine Menorah (die „echte", d. h. die vom Titusbogen) ihr Licht nach rechts und links ausströmen läßt, — ein Symbol für die Er^ leuchtung, die uns aus diesem Buche werden soll. Ich kaufe prinzipiell Bücher, die eine Menorah als Wappen tragen (so oft ich auch in letzter Zeit durch die schöne Schutzmarke enttäuscht wurde), und. die „Lösung der Judenfrage" interessiert mich, wie ich guten Gewissens sagen kann, aus mehr denn nur bibliophilen Gründen. Freilich, wer die angekündigte Lösung der Judenfrage so ohne weiteres serviert zu erhalten hoffte, der wird etwas ernüchtert durch den Untertitel, den erst das innere Deckblatt bringt: „Eine Rundfrage, veranstaltet von Dr. Julius Moses." Eine Rundfrage, — das schmeckt ein' wenig alt- , modisch. Vor zehn, zwanzig Jahren ungefähr liebte man diese Sammelpost der „öffentlichen Meinung". Jetzt ist es mehr ein Sensationsstück oder ein Notbehelf der Großjoumalistik. Ein Erdbeben in Kalabrien, — flugs werden fünf Reporter und einige der Hauptherichterstatter in den Zentren des Kontinents angewiesen, die „Autoritäten auf dem Gebiete der Geologie" zu interviewen. Es geht, für den Augenblicksbedarf des Zeitungspublikums Augenblicksansichten in der gierigen Hast des Stenographen hinzuwerfen, — aber einer Buch- Enquete widersetzen sich allmählich die Großen im Reiche des Geistes, es sei denn, sie hätten Bedeutsames aus einem Gebiete, das ihr Wissen wirklich umfängt, zu bieten. Erst jüngst las ich die treffliche Antwort, die ein Berliner Gelehrter, ein Philosoph, gab, als iran ihn um seine Ansi :ht über die Vorzüge der Leichenverbrennung gegenüber der Bestattung befragte. „Ich bin gewohnt," schrieb er, „allen Dingen empirisch näherzutreten; wiederholen Sie, bitte, Ihre Frage ein Jahr nach meinem Tode!" Wie immer, — das Buch interessierte mich auch als eine Sammlung von Antworten. Und ich las es — wer erproben will, wie schwer das ist, versuche es mir nachzutun — ohne Unterbrechung einen Nachmittag, lang von Anfang bis zu Ende. 99 (Herren und Damen) — neunundneunzig kommen auf den etwa 300 Seiten des Buches zum Wort; neunundneunzigmal habe ich mir willig die Judenfrage lösen lassen in Prosa und in Versen, — und fast hätte ich geschlossen: „Und steh nun da, ich armer Tor" . . . Doch nein, nicht das war der erste Eindruck nach vollzogener Lektüre. Ich habe das Buch beinahe vergessen. Ich war unversehens in eine ganz andere und recht traurige Stimmung gekommen. Ich fühlte, etwas hatte mich schmerzlich berührt und tat mir wehe. Und dann fühlte ich, daß es nicht mein Schmerz war, ich sah das jüdische Volk wie ein lebendiges Wesen, und viele Hände drehten und schlugen seinen Körper und wühlten in seinen Wunden, und andere wieder streichelten seine Stirn und träufelten Balsam in seine Wunden und wollten es aufheben. Und beides war gleich schmerzlich, diese Vivisektion und diesesSamäritertum am Leibe des Volkes der Propheten. „Ihr werdet vor den fremden Pforten entblößen eures Leibes Wunden, vor Fremden eure Schmach aufdecken ..." . Übertrieben, sentimental vielleicht diese Anwandlung ---bei dieser Gelegenheit wenigstens. Es gibt bösere jüdische Schmerzeh, — und ich finde mich auch schnell