Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 1 (3.1.1908)
- Date
- 1908-01-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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und einheimischen Waren. Dem Europäer werden exorbitant hohe Preise abverlangt,-für ihn kostet alles doppelt so viel wie für" den Araber. Von dieser zwiefachen Einschätzung der Käufer ist der orientalische. Verkäufer absolut. nicht abzubringen. Er verzichtet lieber auf ein Geschäft, als daß er dem Europäer die gewöhnlichen Preise einräumt. Damaskus ist nicht nur Mittelpunkt des Binnenhandels von Syrien und Ausgangsort für den Karawanenverkehr nach Persien und Arabien, es hat auch eine bedeutende eigene Industrie. Freilich die im Mittelalter so berühmten Damaszener Waffen werden jetzt kaum noch in Damaskus angefertigt; die Industrie konzentriert sich jetzt auf die Herstellung von Möbeln mit Mosaik aus Holz- oder Perlmuttereinlage, von kupfernen Gefäßen mit Verzierungen in Silber und auf die Weberei von Seidenstoffen und Teppichen. Höchst merkwürdig ist, daß diese einzelnen Industriezweige gewissermaßen eine bestimmte Konfession haben; so ist z. B.'die Kupferarbeit ausschließlich in den Händen der Juden, während andere Zweige wieder nur von Katholiken oder Mohammedanern betrieben werden. Nur in der Tischlerei findet sich eine Mischung der Konfessionen, indem hier sowohl Juden wie Mohammedaner tätig sind. Ich besuchte eine große Anzahl Werkstätten, darunter das bekannte schöne Haus Schemaja. Es gibt Werkstätten mit vielen Hundert Arbeitern bis herab zu kleinen, in denen nur 2 oder 3 Arbeiter beschäftigt sind. Da sitzen bei den Kupferarbeiten in langer Reihe die jüdischen Arbeiter, welche den Kupfergefäßen Form und Gravierung geben, und die jüdischen Arbeiterinnen, meist junge Mädchen von 12—20 Jahren, welche mit kleinen Hämmern dünnen Silberdraht in die Gravierung hineinschlagen. Über ' 500 jüdische Mädchen sollen in dieser Weise in Damaskus tätig sein und etwa einen Franc täglich verdienen, was für. Damaskus ein ^verhältnismäßig guter Verdienst ist. Auffallend ist die große Zahl von Kindern in den Werkstätten. In den kleinern Werkstätten sind es zum Teil die 1—3 Jahre alten Kinder der Arbeiter, die hier bei ihrem Vater mitten im ohrenbetäubenden Lärm spielen. ..Zum weitaus größeren Teil aber arbeiten die Kinder, Knaben sowohl wie Mädchen, bereits als wirkliche Arbeiter, um einen kärglichen Lohn zu verdienen. Da sitzt in der Ecke ein kleines, elend aussehendes Mädchen. „Wie alt ist -sie?", frage ich. „6 Jahre," antwortet mir der Werkmeister und erzählt mir mit einem gewissen Stolz, daß es noch jüngere Arbeiter gäbe. „Wie lange arbeitet das Kind?" „Wie alle andern Arbeiter, zehn Stunden." „Was verdient sie?" „4 Piaster (etwa 60 Pfennig) pro Woche." Also für 10 Pfennig muß dieses arme Kind 10 Stunden täglich hockend sitzen und Silberdraht in das Kupfer hineinhämmern! Im allgemeinen erinnert die Kupferindustrie in Damaskus sehr an die Diamantindustrie in Amsterdam. Hier wie dort erfordert die von den männlichen jüdischen Arbeitern geleistete Arbeit einehohe Intelligenz und eine gewisse künstlerische Begabung. Freilich unterscheidet sich dann Amsterdam von Damaskus dadurch, daß dort die Arbeiter eine festgefügte Organisation bilden, die den Unternehmern ebenbürtig ist, während in Damaskus noch jede Arbeiterorganisation fehlt und die Ausbeutung der Kinder alles darin in Europa im 19-Jahrhundert-Vorgekommene in den Schatten stellt. Ich besuchte, im Judenviertel mehrere Häuser reicher . Juden. Zutritt wird überall bereitwillig gewährt. Von außen sind die Häuser unansehnlich, und der Eingang ist eng, armselig und meist schmutzig. Um so mehr ist man überrascht, wenn man nach wenig Schritten vor einem großen, mit schönen Fliesen gepflasterten Hofe und einem hübschen hohen Hause steht. In der Mitte des Hofes plätschert ein Springbrunnen; schöne Bäume und Blumen stehen an der Seite. Alles atmet Sauberkeit und Wohlhabenheit und macht einen äußerst erfreulichen Eindruck. Die Zimmer sind hoch, luftig und in Damaszener Art mit Holztäfelungen und Mosaiken, zum Teil auch mit Wandmalereien reich geschmückt. Einzelne Wohnungen waren geradezu kostbar und mit künstlerischem Geschmacke eingerichtet. Freilich sind es durchweg Häuser, die bereits von den Vätern und Großvätern der jetzigen Generation gebaut sind. Damals scheinen die reicheren Juden ihr Geld in schönen Häusern angelegt zu haben. Die jetzige Generation baut nicht mehr in dieser Art und läßt sogar die alten schönen Täfelungen in den Wohnungen verfallen, wie ich in einigen Fällen bemerken konnte. Ob der Grund darin liegt, daß der Sinn für ein schönes Heim oder der Wohlstand geringer geworden ist, konnte ich allerdings nicht erfahren. Abends nach Arbeitsschluß herrschte in den engen "Straßen des Judenviertels ein lebhaftes Treiben. Junge Männer und Mädchen promenierten in den Straßen, Verkäufer von Obst und Fischen riefen ihre Ware aus, ältere Frauen liefen, .um einzukaufen, geschäftig von Krämer zu Krämer oder schwatzten mit einer Bekannten, — kurz dasselbe Leben, das man in jedem Judenviertel Osteuropas sehen kann. In Palästina und Syrien sagt, man den Damaszener Juden und Jüdinnen in bezug auf geschlechtliche Moral wenig Gutes nach. Wenn es wahr ist, so ist es leicht daraus zu erklären, daß Damaskus der einzige Ort ist, wo Juden und Jüdinnen zahlreich als Arbeiter in Fabrik und Werkstatt be^ schäftigt sind und das jüdische Mädchen aus dem Hause der Eltern herausgetreten ist. In memoriam Dr. A. A. de Pinto 1828—1907 „Alle Toten lassen eine Leere hinter sich. Die Stelle aber, wo de Pinto gelebt und geschaffen hat, ist jetzt so leer, wie seit langer Zeit keine Stelle in der Juristenwelt. Es gibt niemanden, der diese Stelle ganz ausfüllen könnte." So schreibt der auch im Auslande rühmlichst bekannte Kriminalist Prof. Dr. G. A. van Hamel in einem Nachrufe über unseren großen Verblichenen. „Er war der Ruhm der älteren Generation, die Veneration der jüngeren." De Pinto stammte aus einer sehr angesehenen sephardischen Familie. Obgleich er die höchste magistratische Würde trug — der Verstorbene war Vizepräsident des Hoogen Raad der Nederlanden (cour de Cassation) — hatte er sein Judentum nie vergessen, im Gegenteil, er betonte jederzeit stolz, ein Jude zu sein. Für uns junge Juden klingt das ganz natürlich, allein für die holländischen Juden hat diese Tatsache einebesondere Bedeutung. Die Generatien, zu der de Pinto gehörte, war eine Generation, die sich zur offenen Assimilation bekannte. Daß de Pinto von dieser Regel eine Ausnahme machte und daß er trotzdem zu der von von ihm bekleideten Ehrenstelle berufen wurde, gereicht ihm und Holland zur Ehre. Wenn er auch der jüdisch-nationalen Bewegung ferne stand — er hatte zur Zeit ihres Entstehens bereits das Greisenalter erreicht — die edle Sitte seiner Familie, die Aristokratie des Geistes