Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 2 (11.6.1897)
- Article
- Ein Tempelstreit
- Date
- 1897-06-11
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2. Seite 3. bewiesen, daß die Juden ein Volk sein, sagen wir: ein Volk werden können. Es sei zugegeben, daß die Juden heute kein Volk, sondern ausgezeichnete, echte Deutsche, Engländer, Russen u. s. w. und in nichts von allen anderen Deutschen, Engländern, Russen u. s. w. unterschieden sind. Echtere Engländer sind aber doch wohl auch nach Herrn Dr. Güdemann's Annahme die englischen Juden nicht, als es die englischen „Pilgerväter" waren, die auf der „Mayflower" nach Amerika segelten, um dem Gewissensdruck zu entgehen, den sie in der englischen Heimat erlitten. Diese unanzweifelbaren Engländer haben ein neues Volk aus sich heraus entwickelt, das sich zu den Engländern viel gegensätzlicher fühlt, als ich wünschen möchte, daß das palästinische Judenvolk sich jemals zu irgend einem europäischen Christenvolke sichle. So haben echte Spanier in Argentinien, Mexico, Chile u. s. w. neue Völker mit stark ausgesprochenem unspanischem, ja spanierfeindlichem Volksbewußtsein, so echte Portugiesen das den Portugiesen sehr wenig holde brasilianische Volksthum gebildet. Das macht: Völker entstehen nicht allein aus unbekannten, in der Urzeit wirksam gewesenen biologischen, sondern auch aus geschichtlichen Gründen, die manchmal auf frischer That ertappt werden können. Wenn eine ungeheure Volksmehrheit einer genau desinirten Bolksminderheit erklärt: „Ihr gehört nicht zu uns, Ihr seid Fremde unter uns," so bleibt dieser Minderheit nichts übrig, als sich auf diese Kündigung der Gemeinschaft einzurichten; und wenn die ausgestoßene Minderheit diese Aechtung im Gemüthe unleidlich schmerzhaft empfindet, so rechtfertigt ihr Selbsterhaltungstrieb das Bestreben, sich schmerzfreiere Daseinsbedingungen zu schaffen. Also: selbst wenn es wahr wäre, daß die Juden heute kein Volk sind, so würde der Antisemitismus ein ausreichender Grund für sie sein, ein Volk zu werden. Die Wiederbelebung des jüdischen Volksthums „widerspricht dem Geiste der jüdischen Religion, fälscht diese, ist Quacksalberei", „Ueber der Absicht, dem Judenthum zu helfen, kann das Judenthum zu Grunde gehen". Herr Dr. Güdemann weist also den Zionismus zurück, damit das Judenthum nicht zu Schaden komme. Als das Mittel, es zu erhalten, empfiehlt er die Assimilation. Er deckt diese Empfehlung mit einigen Namen von Autorität; neben Philo und Maimonides, die sehr gute Juden waren, und deren Wesen, Leben, Schriften gegen die Verwendung ihres Namens zur- Stützung der These des Herrn Dr. Güdemann den schärfsten Einspruch erheben, nennt er auch Mendelssohn. Mit dieser Anführung hat er Glück! Mendelssohn war ein so erfolgreicher Assimilator, daß alle seine Nachkommen heute gute Christen und Stützen der evangelischen Landeskirche in Preußen sind. Das ist wenigstens folgerichtig. Will Herr Dr. Güdemann diese Assimilirung? Dann hat er den geeigneten Standpunkt gewählt. Er steht auf diesem Standpunkte nicht allein. Der Pole Frank hat ihn im vorigen Jahrhundert eingenommen. Seine Anhänger sind in erfrischender Logik bis zum Schlüsse gegangen. Die Frankisten haben sich thatsächlich assimilirt, von ihren Nachkommen haben die meisten heute, nach vier bis fünf Geschlechtern, ihren jüdischen Ursprung vergessen und sind katholische Nationalpolen mit nur manchmal etwas verrätherisch gebogener Nase. Dieses Ergebniß ließe sich vermuthlich auch in Deutschland und den anderen Ländern erreichen. Es ist nur seltsam, daß gerade ein Großrabbiner es als wünschenswerth bezeichnet. Und noch seltsamer, daß er, während er den Weg empfiehlt, der unfehlbar zum Untergang des Judenthums führt und geschichtlich in allen Fällen zu diesem Ziele geführt hat, gleichzeitig vorgibt, für die Erhaltung des Judenthums einzutreten. Ein anderer jener unbegreiflichen Widersprüche im innersten Wesen des Gedankens, die es so schwer machen, die Streitschrift des Herrn Dr. Güdemann als die ernste Arbeit eines ernsten Mannes anzusehen, ist der, daß Herr Dr. Güdemann zuerst leugnet, daß die Juden ein Volk seien, dann aber wohlgemuth von der Mission des jüdischen Volkes spricht. Etwas gar nicht Vorhandenes kann doch wohl keine Mission haben! Doch nehmen wir an, daß Herr Dr. Güdemann diese Mission nicht dem jüdischen Volke, sondern dem jüdischen Glauben zuschreibt und daß der jüdische Glaube die von Herrn Dr. Güdemann empfohlene Assimilation nach Mendelssohn'schem Beispiel überleben würde. Was soll das für Mission sein? „Die sittliche Vollendung Aller, die Verbrüderung der ganzen Menschheit". Wie kann Herr Dr. Güdemann diese Verbrüderung uns zeigen? Wir haben es an Bruderliebe für alle Nebenmenschen niemals fehlen lassen. Er predige sie doch den Antisemiten! „Qu8 messieurs les antisemites eommencent!“ Wir wollen abwarten, welche Aufnahme man seiner Predigt bereiten wird. Eine kleine Minderheit, die gerade darunter leidet, daß eine große Mehrheit sie nicht als Brüder anerkennen will, kann doch unmöglich dieser Mehrheit zurufen: „Seien wir Freunde, Cinna!" Diese Bewegung ist edel und großherzig, wenn der Stärkere sie vollzieht. Spricht der Schwache, der Verfolgte dem Feinde von Verbrüderung, so hat diese Haltung einen anderen Namen. Eine solche Mission ist zugleich unwürdig und undurchführbar und zu verlangen, daß die Juden um ihretwillen darauf verzichten sollen, das Land ihrer Väter wiederzugewinnen, heißt geradezu sie verhöhnen. Aber was soll überhaupt dieses Gerede von einer Mission des jüdischen Volkes? Die nebelige Phrase von der Mission der Völker ist die mystische Form, in der die durch nachträgliche Betrachtung der Geschichte gewonnene Erkenntniß oder Ahnung ausgedrückt wird, daß ein gegebenes Volk in einer gegebenen Weise auf den Entwickelungsgang der menschlichen Gesittung eingewirkt hat. Diese Ausdrucksweise verwechselt Causalität und Finalität. Sie unterstellt, daß einem Volke bestimmte Aufgaben von vornherein zugewiesen sind und daß es im Hinblick auf die Lösung dieser Aufgaben lebt und wirkt. Die Wahrheit ist, daß es bestimmte culturgeschichtliche Erscheinungen schafft, indem es lebt und wirkt, wie es kraft seiner natürlichen Anlage und des Einflusses aller äußeren Verhältnisse kann und muß. Ein Volk hat keine andere Mission, als zu leben nnd alle seine in ihm keimenden Fähigkeiten voll zu entwickeln. Ohne Absicht und Bewußtsein erfüllt es dann ganz von selbst menschheitliche Geschichtsaufgaben. Ein gedrücktes, verfolgtes, verachtetes Judenthum inmitten antisemitischer Völker ist ohne Werth für die Menschheit; ein freies, starkes, lebensfreudiges Judenthum wird zu einem nützlichen Mitarbeiter an dem Werke des Fortschrittes der Gesammtmenschheit. Die Mitarbeit an diesem Werke mag man meinetwegen eine Mission nennen. Jedenfalls wird diese Mission vom antisemitisch gehetzten Judenthum sicher nicht, dagegen von einem national selbstständigen Judenthum vielleicht, ja wahrscheinlich erfüllt werden können. Wie viele schwachmüthige und ängstliche Juden, so fürchtet auch Herr Dr. Güdemann sichtlich, der Zionismus, der zur Voraussetzung hat, daß die Juden sich als besonderes Volk bekennen, werde den Antisemiten gestatten, uns triumphirend der Vaterlandslosigkeit zu beschuldigen. Schwachmuth und Angst sind schlechte Berather. Die Antisemiten haben nicht auf den Zionismus gewartet, um uns als vaterlandslos zu brandmarken. Die christlichen Volksgenossen aber, bei denen wir Gerechtigkeitsgefühl voraussetzen dürfen, werden uns glauben, wenn wir so zu ihnen sprechen: „Wir Juden sind treue Bürger des Staates, dem wir angehören. Alle Interessen des Vaterlandes sind auch die unserigen. Wir haben kein einziges Interesse, das irgend einem Interesse unseres Vaterlandes entgegengesetzt ist. Wir sind stark und tief fühlende Menschen und hängen darum mit mehr als durchschnittlicher Liebe an der Stätte, wo unsere Wiege stand und wo die Leichen unserer Väter modern; denn diese Stätte bedeutet auch für uns, wie für jeden Menschen, die Erinnerung an unsere Kinderzeit, sie ist auch für uns mit unseren theuersten Emotionen verknüpft, und diese Erinnerung ist bei uns lebhafter, alle Emotionen sind bei uns heftiger, als bei Menschen von minder sentimentaler und leidenschaftlicher Gemüthsart. So innig schließen wir uns an die Heimat an, daß wir unsere Seele von ihr auch dann