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Die Welt · 1897-06-11 · 2 (11.6.1897) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
2 (11.6.1897)
Article
Ein Tempelstreit
Date
1897-06-11
Page
4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. JDfeJ&WiC Nr. 2. nicht losreißen können, wenn wir sie ohne unsere Schuld verloren haben. Diejenigen unter uns, die spanischer Abkunft sind, denken noch heute mit Zärtlichkeit an Spanien, obschon die schauerlichsten Mißhandlungen und Greuel zwischen uns und der Erinnerung an das ehemalige Vaterland stehen. Ebenso bewahrten die französischen Juden nach ihrer Vertreibung durch Philipp den Schönen, die englischen nach der durch Richard Löwenherz, dem verlorenen Vaterlande eine Liebe und Treue, die keine Grausamkeit aus ihrem Herzen reißen konnte. Die Anhänglichkeit an unser Land übertragen wir auf unsere christlichen Volksgenossen. Daß wir die Antisemiten nicht lieben, ist natürlich. Wir geben dies offen zu. Aber das macht uns so wenig vaterlandslos, wie es etwa die ostelbischen Feudalen vaterlandslos macht, daß sie bestimmte Gruppen ihrer Landsleute, z. B. Socialisten oder Freihändler, nicht lieben. Wir erfüllen alle unsere gesetzlichen Pflichten, wie unsere christlichen Mitbürger. Das ist nicht einmal ein besonderes Verdienst, denn wenn wir es nicht thäten, so müßte die Staatsgewalt uns dazu zwingen. Man messe uns, mit welchem Maßstabe man will, man wird nicht finden, daß wir schlechtere Söhne des Vaterlandes find, als alle anderen Volksglieder. Dafür fordern wir dieselbe Behandlung wie diese. Verweigert man sie uns, drückt man uns im Vaterlande, das wir treu lieben und dem wir ehrlich dienen, zu Bürgern zweiter Classe oder gar zu rechtlosen Seloten hinab, so wird man uns billig nicht vaterlandsloser esinnung zeihen dürfen, wenn wir ein Land suchen, wo wir Liebe um Liebe und Treue um Treue finden. Die Hugenotten waren mit die besten Söhne ihres französischen Vaterlandes. Sie schüttelten dennoch dessen Staub von den Füßen, als es sie mit Dragonaden bedrohte. Wir sind keine schlechteren Patrioten, als es die Hugenotten waren. Bessere brauchen wir nicht zu sein. Unser Herzensverhältniß zum Vaterlande ist so echt, daß seine Lösung der bitter schmerzlichste und tödtlich schwierigste Theil der Arbeit zur Verwirklichung des zionistischen Gedankens sein wird. Aber wenn unsere Liebe zur Heimat auch tief und stark ist, so bleibt sie doch die Liebe von Männern, die das Gefühl ihrer Würde haben und sich schämen würden, den Ritter Toggenburg zum Vorbilde zu nehmen." So sprechen wir mit der Offenheit, die Männern ansteht. Die Antisemiten wird unsere Darlegung natürlich nicht verhindern, uns auch weiter wie bisher vaterlandslos zu nennen. Allein diese Gesellschaft zu überzeugen, kann weder unsere Absicht noch unsere Hoffnung sein. Die wohlwollenden oder selbst nur gleichgiltigen Christen dagegen werden unser Gefühl verstehen und billigen und uns darum höher achten, daß wir uns dazu bekennen. Jedenfalls wird ein Patriotismus, den der einzige Vorbehalt der Gegenliebe einschränkt, ihnen unvergleichlich sympathischer sein als der Kosmopolitismus, den Herr Güdemann mit einer unheimlichen Blindheit als die „Mission des Judenthums" hinstellt. Die Leisetreter, die jämmerliche Menschenfurcht bis in's Knochenmark durchfröstelt, blinzeln uns flehentlich zu, doch um des Himmels willen nicht zu sagen, daß wir ein Volk sind, damit unsere Feinde sich nicht auf uns selbst berufen können, wenn sie uns der Vaterlandslosigkeit zeihen und uns als Fremde in unserm Geburtslande behandeln, wenn sie in der Broschüre des Herrn Dr. Güdemann (S. 33) lesen werden, daß Vaterlandslosigkeit „der Kerngedanke oder Gedankenkern der jüdischen Religion" und deren Ziel ein Reich ist, „in welchem es keine Nationalitäten mehr, sondern nur noch Menschen gibt"! Daß der Verwirklichung des Zionismus ungeheure Schwierigkeiten entgegenstehen, wissen wir Alle; daß diese Schwierigkeiten sich als unüberwindlich erweisen werden, ist möglich, obschon wir es erst glauben werden, wenn uns die Thatsachen dazu zwingen. An der Erörterung über die Mittel und Wege zur Verwirklichung des Gedankens theilzunehmen. ist das Recht eines jeden Juden, da die Sache jeden Juden angehen kann, wenn er selbst es will, und es ist vielleicht die Pflicht der Juden in leitender Stellung, von denen die Stammgenossen die Richtung zu nehmen gewohnt sind. Dagegen glaubte ich wirklich nicht, daß ein Jude, er sei Großrabbiner einer Hauptgemeinde oder Hausirer im kleinsten Dorfe, berufen ist, mit verworrenen, doch heftigen Redensarten eine Bewegung grundsätzlich zu bekämpfen, die keinen Juden berührt, der ihr nicht aus eigenem Drange in freier Entschließung folgen will, und deren allernächstes Ziel, die Ansiedelung armer Juden in Palästina, doch der Angreifer selbst als wünschenswerth und löblich bezeichnet. Der Zionismus wird mit der Sicherheit und Kraft eines mechanisch wirkenden Naturgesetzes eine Gruppirung der Juden in Classen herbeiführen. Wer des Druckes überdrüssig ist und unüberwindliche Sehnsucht nach dem staatsbürgerlichen Dasein eines Vollfreien, ohne feige Flucht aus dem Judenthum, empfindet, der wird sich ohne Vorbehalt für den Judenstaat erklären und an seinem Aufbau persönlich Mitarbeiten; wer es ertragen kann, in seinem Vaterlande von den staatlichen Gewalten als Bürger zweiter Classe, von vielen Volksgenossen als Fremder, von einigen als Ungeziefer behandelt zu werden, wer das Leben in dieser Lage immer noch als lebenswerth empfindet, jedoch sich das Zusammengehörigkeitsgefühl mit seinen jüdischen Stammesgenossen bewahrt hat, der wird zwar selbst an der Stelle bleiben, an der er steht, aber er wird von seiner Stelle aus den Pionieren, die mit ihrer ganzen Persönlichkeit für den zionistischen Gedanken eintreten, zu helfen suchen, wenn auch vielleicht zaghaft, heimlich, unter Vermeidung jedes lauten Wortes; wer auch nicht mehr so viel jüdisches Zusammengehörigkeitsgefühl hat, daß der Gedanke einer staatlichen Einigung des Judenvolks in ihm eine Regung des Beifalls, der Antheilnahme oder selbst nur der bloßen Neugierde erweckt, jedoch das Durchschnittsmaß von menschlicher Nächstenliebe, Mitleid und Mildthätigkeit besitzt, der wird den Zionismus wenigstens nach seiner Nebenwirkung als Siedelungsunternehmen würdigen, welches den Aermsten und Elendsten unter den Juden, jenen, die schlechterdings nichts zu verlieren und durch jeden Wechsel ihrer Verhältnisse immer nur zu gewinnen haben, neue Heimstätten bereiten will, und er wird den Zionismus unterstützen, nicht weil dieser einen Judenstaat zu gründen, sondern weil er an armen, elenden Menschen durchgreifende Wohlthätigkeit zu üben sucht; wer nicht nur jedes jüdischen Gefühls, sondern selbst der durchschnittlichen Menschenliebe entbehrt, wer weder als Jude an einer Erlösung der Juden von staatlicher und gesellschaftlicher Aechtung noch als Mensch an der Befreiung von Nebenmenschen aus bitterster Noth Antheil nimmt, den geht die ganze Sache nichts an, der Zionismus ist für ihn nicht vorhanden, er wird ihn sicherlich nicht unterstützen, aber seine Kaltherzigkeit, seine Gleichgiltigkeit, wird ihn nur davon bewahren, ihn anzugreifen; feindlich wird dem Zionismus nur eine Kategorie von Juden entgegentreten: die der Selbstlinge, die für sich irgend eine entfernte üble Folge der zionistischen Bewegung fürchten, die sich als Verachtete und Beschimpfte wohlfühlen und den Unzufriedenen, Ungeduldigen nicht verzeihen, daß sie eine Anstrengung wagen wollen, ohne auf das ruhige Behagen der Satten und Vergnügten Rücksicht zu nehmen, kurz die Insassen des Bootes, die mit der Axt nach der Hand der den Bootsrand erfassenden Schiffbrüchigen hauen, weil sie besorgen, das Fahrzeug könne durch Ueberfüllung für sie selbst unsicher werden. Ich betrachte es nicht als meine Aufgabe, Herrn Oberrabbiner Dr. M. Güdemann in eine dieser Classen einzuordnen. Paris, Ende Mai. Die Woche. Wien, 10. Juni. Der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" hat seine Generalversammlung abgehalten, und sie war betrübend. Die Herren beginnen einzusehen, daß sie auf dem Holzweg sind. Sie glaubten, der judenfeindlichcn Bewegung mit Vernunftgründen und mit den Eingebungen ihrer warmen Herzen entgegenwirken zu können. Wir wollen ihnen für den Versuch ebenso aufrichtig, wie er von ihnen gemeint war, danken. In

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