Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 2 (11.6.1897)
- Article
- Ein Tempelstreit
- Date
- 1897-06-11
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Nr. 2. mann zu beweisen, daß die Juden kein Volk sind, ja kein Volk bilden dürfen. Der Geist ihres Glaubens, der Gang ihrer Geschichte seit der Zerstörung des zweiten Tempels verbietet ihnen geradezu, sich als Volk zu fühlen, sich zu einem geeinten Volke zusammenzuschließen. Ihre Mission ist gerade die Ueberwindung des nationalen Gedankens, die Hinausführung der Menschheit aus der Enge des selbstsüchtigen Nationalismus in die Weite und Freiheit des Menschenthums. Die Verbrüderung, nicht die Sonderung der Völker ist die Ausgabe des Judenthums. Das Zion, das den Juden verheißen ist, und nach dem ihre Sehnsucht seit zwei Jahrtausenden seufzt, ist sinnbildlich zu verstehen. Es ist ein geistiges Zion. Es ist ein anderes Wort für das Gottesreich auf Erden. Wenn man das Judenthum zu einem Volke sammelt, es zu einem eigenen Staatswesen gliedert, so verhindert man es an der Vollbringung seiner Mission und sündigt an den Satzungen seines Glaubens. Ich hoffe, Herr Dr. Güdemann wird finden, daß ich die führenden Linien seiner Broschüre ehrlich wiedergegeben habe und mit gutem Gewissen die vorstehende Zusammensetzung ihres wesentlichen Inhaltes zur Grundlage der Erörterung nehmen kann. Der Herr Oberrabbiner in Wien möchte den Kampf gegen den Zionismus auf theologischem Gelände führen. Es wäre kindlich, wenn wir einwilligten, ihm dorthin zu folgen. Der Zionismus hat nicht das Geringste mit der Theologie zu thun. Es ist keine religiöse Bewegung, sondern eine politische, wirthschaftliche, sittengeschichtliche und soziologische. Herr Dr. Güdemann macht sich kleinlicher Wortspielerei schuldig, wenn er den äußerlichen Umstand, daß der Name der Bewegung biblische Erinnerungen wachruft, dazu benützt — oder mißbraucht — um wegen der Bezeichnung „Zion" mit Thora und Mischna einzuhaken. Wenn die Juden vom Wunsche entflammt sind, ein neues Zionsreich aufzurichten, so schöpfen sie die Anregung dazu weder aus der Thora noch aus der Mschna, sondern aus der Noch der Zeit, aus ihren unmittelbaren, lebendigen Gefühlen, aus ihrem Entschluß, die ihnen inmitten der Völker bereitete Lage nicht länger zu ertragen. Der Name Zion hat sich nicht aus religiösen, sondern aus geschichtlichen Gründen aufgedrängt. Er erzeugt das zionistische Verlangen nicht, er rechtfertigt es nicht, er weist ihm nur eine bestimmte Richtung, er fügt ihm durch die Erinnerung, die er erweckt, eine mächtig dynamogene Emotion hinzu. Dies ist immer noch eine sehr große Rolle; eine religiöse Rolle ist es nicht. Ich kann ruhig annehmen — zuzugeben brauche ich es vorläufig nicht — daß Herrn Dr. Güdemanns theologische Ausführungen richtig sind. Gesetzt, der Zionismus lasse sich aus Bibel und Talmud nicht begründen; das würde an der Bewegung nicht das Geringste ändern, denn es ist für sie vollkommen unerheblich. Der Antisemitismus erschwert das nackte, körperliche Dasein der unbemittelten Juden, bedroht es mancherorten sogar mit Vernichtung; er kränkt die gutgestellten Juden in ihren Gefühlen und läßt sie ihres Lebens nicht froh werden; er nimmt den besten, vorbildlichsten Juden die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten bis zu deren natürlichen Grenzen zu entfalten, da allseitig freie Bethätigung und das Streben nach den höchsten Zielen organische Bedingungen der vollen Entwickelung aller Kräfte sind. Aus diesem unleidlichen Zustande streben die Juden mit leidenschaftlichem Drange heraus. Die energischen unter ihnen sehen das einzige Heil in der Gründung eines Judenstaates; die sentimentalen, die frommen, die diplomatischklugen wollen, daß der geographische Rahmen dieses Judenstaates Palästina sei; aber das wesentliche Postulat ist Palästina nicht; sollte die Erwerbung Palästinas für die Juden sich als durchaus unmöglich erweisen, sollte es viel leichter sein, ein anderes Land von genügender Ausdehnung und geeigneter Beschaffenheit des Bodens und Klimas zu finden, so würden wohl die meisten, vielleicht alle Zionisten ohne Zögern bereit sein, dieses andere Land zu besiedeln. Von Argentinien steht nichts in Thora und Midrasch. Trotzdem waren Hunderttausende von streng gesetzestreuen, fanatisch an der Ueberlieferung festhaltenden russischen- und rumänischen Juden gierig, nach Argentinien zu wandern, als vor ihren Augen der erste schwache Hoffnungsschimmer aufdämmerte, daß ihr Erdenlos in Argentinien freundlicher sein würde als in dem Lande ihrer Geburt. Was bedeutet also Herrn Dr. Güdemann's Argument, daß Thora und Midrasch die Rückkehr nach Zion weder vorschreiben noch rechtfertigen? Was die tiefen Massen des Judenthums jetzt in Bewegung setzt, das ist die vis a tergo, die ich grimmig mit „Fußtritt an's Rückenende" übersetze, das ist die Verfolgung im Lande ihrer Geburt; der Zionsgedanke wirkt als Vorspann, als Zugkraft von vorne; er färbt das Ziel mit dem schönen Blau des Ideals; er nimmt dem Unbekannten, das vor jedem großartigen politisch-ethnographischen Experimente dunkelt, einen Theil seiner Schrecken, indem er es mit Verheißungs-Bildern belebt; er hilft den gläubigen Juden über das Bangen vor einer unsicheren Zukunft hinweg. Aber auch ohne dieses Element von Ideal, das der Zionsgedanke der jüdisch-nationalistischen Bewegung hinzufügt, würde die bloße vis a tergo genügen, um diese hervorzurufen. Schriftgelehrte, die viel freie Zeit haben, mögen sich in den behaglichen Verdauungsstunden der Sonnabend- Nachmittage damit vergnügen, einander kluggewählte Bibel- und Talmudstellen für und gegen den Zionismus entgegenzuhalten. Liebhaber finden solchen Pilpul kurzweilig. Irgend einen sachlichen Werth kann ich ihm nicht beimefsen. Aber Herr Dr. Güdemann bekämpft nicht nur den Gedanken der Aufrichtung eines Zionsreiches, er leugnet auch, daß die Juden ein Volk sind. Nur aus „Entrüstung und Trotz" fühlen sie sich jetzt als besonderes Volk ihren antisemitischen Verfolgern gegenüber. Und wenn das wäre? Eine Erscheinung wird doch dadurch nicht aus der Wirklichkeit gestrichen, daß man ihre Ursachen aufdeckt l Die Feststellung ihrer Ursachen ist im Gegentheil eine Anerkennung der Erscheinung. Entrüstung und Trotz sind gute Gefühle. Ich beklage den Waschlappen, der ihrer nicht fähig ist. Sie sind eine gesunde Reaction gegen Herausforderung und Bosheit. Die Lebenskraft eines Organismus mißt sich nach der Stärke seiner Reactionen gegen feindliche Reize. Trotz und Entrüstung wurzeln in Selbstachtung, in Ehrgefühl, in Kraftbewußtsein. Das sind drei ausreichende Quellen nationaler Empfindung. Die Juden sollen kein Volk sein? Um diesen Punkt gründlich zu behandeln, müßte man' die ganze Anthropologie und Philosophie der Geschichte erschöpfen und die unabsehbaren Fragen des Ursprunges und Wesens der Rassen, der Kennzeichen und Grundlagen dem Nationalität aufrollen. Darauf verzichte ich hier, weil ich auf kurzem Wege zum Ziele kommen kann. Herr Dr. Güdemann versichert, daß die Juden kein Volk sind. Nun denn: er begebe sich in eine Berliner Antisemitenversammlung, er trete in Wien auf die Straße hinaus, wenn die weißen Nelken von ihr Besitz ergriffen haben; dann wird er ja sehen, ob die Antisemiten auch nur einen Augenblick lang zögern werden, in ihm den Vertreter eines sehr bestimmten, von dem ihrigen verschiedenen Volksstammes zu erkennen und ihn dieser Erkenntniß entsprechend zu behandeln. Doch, ich will Herrn Dr. Güdemann bis zum Aeußersten entgegenkommen; ich will sogar auf seine Annahme eingehen, daß die Juden aufgehört haben, ein Volk zu sein. Denn, daß sie es nie gewesen sind, wagt auch er nicht zu behaupten. Die Juden sind also kein Volk mehr; setzen wir dies sogar dem Zustande gleich, wie wenn sie nie ein Volk gewesen wären, obschon diese Gleichstellung von Nichtmehrsein und Nie-gewesen-sein, falsch wäre, da eine noch so weit zurückliegende, gemeinsame geschichtliche Erinnerung ein sehr starkes Gemüthsband zwischen Menschen ist und die Erneuerung ihrer Beziehungen zu einander sehr erleichtert. Auch dann wäre nicht das Geringste dagegen