Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 52 (25.12.1913)
- Date
- 1913-12-25
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 52 DIE^ELT 1768 sagte dir schon: Gottes Wille ist unerforschlich und wir können niemals wissen, wie er es mit uns meint. Darum, Kerl, raffe dich auf, vertraue auf Gott und bete fleißig. Im rechten Augenblick wird er dir den rechten Gedanken eingeben." Nun waren aber Aufraffen und Vertrauen leichter gepredigt als betätigt. In der folgenden Zeit betete Kerl mit einer geradezu krankhaften Inbrunst, aber sobald er an das Tagwerk ging, konnte er es nicht verhindern, daß seine Gedanken den alten Weg wanderten und ihn jeden neuen Tag in eine neue Verzweiflung warfen. Er erfuhr auch nach und nach den Grund von Benjamins Gebert ritt. Es war die alte, jämmerliche und abgedroschene Litanei: Karriere; außerdem wirkte aus dem Hintergründe — gewissermaßen als wohlverdienter Preis — die reichbegüterte Braut aus vornehmer christlicher Familie. Wie? — dachte Berl — man nimmt diesen jungen Menschen, dessen Eltern man gar nicht kennt, so ohne weiteres in die christliche Gemeinde auf und verspricht ihm So hohen Lohn? Welche Eigenschaften mußten dann in ihm schlummern, und was wäre er für ein Jude geworden? Indem er dies bedachte, gesellte sich seiner Verzweiflung eine Wut, in die er sich mehr und mehr hineinfraß, und die ihm alle Besinnung raubte. Eines Nachmittags, da er gerade heimgekehrt war. erfuhr er, daß sein Sohn heute zum Doktor promoviert worden sei, und daß am Abend seine Verlobung mit dem christlichen Mädchen stattfinde. In dem gleichen Augenblick, als er die Nachricht vernahm, durchfuhr ihn grell und schnell wie der Blitz, ein rettender Gedanke. Zuerst stand er lauschend da, als horche er auf Worte, die nur seinem Ohr vernehmbar waren, dann erhob er die Hände zum Himmel und rief: „Gelobt sei Gott, nun weiß ich, wie ich ihn retten soll!" Schnell, mit vor Erregung zitternden Händen, spannte er die Pferde, die er schon in den Stall hatte führen wollen, wieder vor, bestieg den Wagen und fuhr davon. Als er in Czernowitz ankam, war es schon lange dunkel geworden; er konnte zuerst das Haus nicht finden, in dem die Verlobung seines Sohnes stattfinden sollte, und mußte längere Zeit umherfahren, bis er endlich am Ziele war. Wie er nun vor dem Hause stand und die festlichen Lichter ihm aus den Fenstern entgegenstrahlten und der Lärm vieler froher Menschen gedämpft an sein Ohr drang — da verschlug es ihm den Atem und er saß sekundenlang starr, wie gelähmt da. Erst allmählich ermannte er sich, stieg aus dem Wagen und trat in eine hallende Toreinfahrt. Durch eine zur Linken liegende Tür gelangte er in einen hellbeleuchteten, teppichbelegten Korridor; im Hintergründe befand sich wieder eine Tür, durch welche Mädchen und Diener mit Schüsseln, Flaschen und Gläsern verschwanden. So oft die Tür aufging, vernahm Berl lautes Lachen, Singen und Sprechen; dazwischen die Töne eines Klaviers. Einen Augenblick zögerte er noch und suchte, die tiefe Erregung niederzuringen, die ihm das Herz zu sprengen drohte. Dann schritt er auf die Tür zu . . . und er stand in einem geräumigen Saal, der in Lichterglanz und Blumenschmuck prangte. Durch die ganze Länge des Raumes ging ein festlich gedeckter Tisch, um den herum Frauen und Männer lachend, schwatzend und gläserschwingend saßen. Und rechts, an der Spitze der Tafel .... wie dem alten Manne das Herz heftig schlug .... war das sein Benjomenl? .... und das Mädchen neben ihm die Braut? .... Wie? .... eine Braut? .... ‘diese blonde, etwas steife Figur, nicht mehr ganz jung .... der alles Weiche, aller Glückstaumel, alle jauchzende Hoffnungsfreudigkeit gänzlich fehlte .... war das eine Braut, der soeben die seligste Stunde ihres Lebens beschieden war?. In dem allgemeinen Lärm wurde man des Eindringlings erst gewahr, als er am Tische, dicht neben dem Brautpaare stand. Wie ein Gespenst starrte man ihn an. In der plötzlichen Stille hörte man eine Uhr aus irgend einem Winkel mit hastigen klingenden Schlägen die zehnte Stunde verkünden. Niemand rührte sich in der ganzen Tafelrunde. Alle saßen still und starr, in unbehaglicher Erwartung des Kommenden. Es war wie ein Bann, der auf allen lastete. Vater und Sohn standen einander gegenüber, der eine mit strafenden und zugleich flehenden Blicken, der andere mit einem zynischen Ausdruck, hinter dem sich seine tiefe Erregung barg. „Benjomin, mein Sohn!“ klang die Stimme des Vaters, „warum hast du dein Volk und deinen Gott verlassen?" „Verschone mich hier mit diesen Fragen!" raunte ihm der Sohn leise zu. „Was wir zu verhandeln haben, muß anderswo geschehen. Ich bitte dich .... verlasse uns jetzt!" „Wie —" erwiderte Berl mit schonungslosem Nachdruck „du hast dich nicht geschämt, diese Untat zu begehen und nun schämst du dich, darüber zu verhandeln?" Im Kreise ringsum entstand Bewegung; man erhob sich bestürzt von den Sitzen, Stühle wurden gerückt, unverständliche Worte schwirrten umher .... einige geboten Ruhe .... und in aller Augen die neugierige und schadenfrohe Frage: wie wird die Komödie „Ich bitte dich nochmals," rief Benjamin dem Alten zu, „schweig und verlasse uns .... du weist nicht, was du hier zerstörst, weißt nicht, was man mir hier alles bietet . . . ." Berl lachte bitter auf. „Was man dir bietet? .... Hier? .... Wofür denn? .... Hast du nur einen Augenblick bedacht, was du aufgibst?" Mit heißen, werbenden Blicken stand er vor dem Sohn, aber was er in diesen Zügen ringen sah, konnte ihm keine Hoffnung geben. Da wandte er sich an die Gesellschaft: „Meine Herren, erlauben Sie einem armen, einfachen Juden einige Worte.... es ist eine kurze und spaßhafte Geschichte!" Seine Gestalt straffte sich wie unter dem Einfluß einer fremden Macht. Die Linke stützte er auf den Tisch, die Rechte auf den derben Peitschenstiel, den er mit sich hatte. Und die Augen wanderten von Gesicht zu Gesicht, kühn, kalt, höhnisch. Es stritten einst — so erzählte Berl — ein Pope und ein Rabbi darüber, ob der jüdische oder der christliche Glaube der stärkere sei. Indes sie nun so hin und her sprachen, fuhr ein armer jüdischer Wasserträger mit seinem Wasserfaß vorüber; da schlug der Pope vor, man möchte diesen Mann befragen; er meinte, daß unter den Armen und Niedrigen oft richtige Ansichten zu finden seien. Der Rabbi war damit einverstanden und der Wasserträger wurde herbeigerufen. „Welchen Glauben hältst du für den richtigen?" fragte ihn der Pope, „den jüdischen oder den christlichen?" Der Jude antwortete: „Gott ist Gott — heilig und groß über alles, und es ist einerlei, auf welche Weise man zu ihm betet!" Diese Antwort gefiel den beiden Streitenden gar wohl und der Pope sprach weiter: „Ich sehe, du bist ein armer Mann. Ich gebe dir tausend Taler, damit du ein besseres Leben führst, und da es, wie du behauptest, einerlei sei, auf welche Weise man zu Gott betet, so sollst du vom Glauben deiner Väter lassen und ein Christ werden!" Da zog der Jude ein schiefes Gesicht und antwortete: „Mein Vater pflegte mir immer zu sagen: mein Sohn, wenn du auf den Pferdemarkt gehst, um dein Pferd gegen ein anderes umzutauschen, und wenn sich ein Mann findet, der dir für dein Pferd ein anderes bietet und noch Geld dazu, dann flieh vor diesem Handel!"