Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 52 (25.12.1913)
- Date
- 1913-12-25
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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1767 Nr. 52 ME^ELT schreckhaft aus seiner Erstarrung und sah verwirrt um sich, als verstünde er nicht, was um ihn her vorging. All die freundlichen Zukunftsbilder, die er sich noch vor kurzem vorgemalt, die ganze strahlende Welt, die er in einer hoffnungsstarken Aufwallung um sich aufgebaut hatte, der freudenvolle Himmel voll jüdischen, häuslichen Glückes — alles war nun wie ein Traum verschwunden. Droben in der Stadt hatte er erfahren, daß sein Sohn, auf den eben all dieses hochgemute Hoffen gestützt war, sich hatte taufen 'lassen. Wie war das nur möglich? Soviel er sein Gehirn zermarterte — er konnte eine Lösung nicht finden, konnte die Sache nicht verstehen. Inmitten all seiner Armut und der schweren Arbeit hatte er seit jeher die „Jüdischkeit" als etwas empfunden, das seinem Leben Inhalt und Reichtum verlieh. Die Jahrtausende alte jüdische Geschichte, die Bibel, die Psalmen, die Propheten — das bedeutete ihm eine so prangende, wunderherrliche Welt, daß er seiner Armut vergaß über dem Gefühl, mit zu den Besitzern dieser Welt zu zählen. Nicht, als ob er selber schriftgelehrt und in den heiligen Büchern bewandert gewesen wäre, denn, als er noch halb ein Knabe war, mußte er sich schon nach einem Erwerb umsehen und es blieb ihm nicht viel Zeit übrig, sich der Thora zu widmen. Aber die Sehnsucht nach diesem verschlossenen Reich der Schönheit begleitete ihn unablässig durch sein ganzes, graues, arbeitsschweres Leben. Und darum legte er an Feiertagen, gleichzeitig mit dem Werktagskleid, auch die etwas leichtfertige äußere Hülle seines Wesens ab und war ganz Hingebung, ganz Ehrfurcht, denn nun durfte er ungestört in dem Reiche weilen, nach dem es ihn so übermächtig hinzog. An den Nachmittagen solcher Tage, in der dämmerigen, lauschigen Synagoge erlebte er Stunden voll mystischen und zugleich feurigen Glückes. Greise Männer und lernbegierige Jünglinge saßen ringsumher; große Folianten lagen überall aufgeschlagen, große Worte wurden laut, große Gedanken wurden geboren. Die Geschehnisse aus alter Zeit wurden eifrig besprochen und kommentiert; wie Jakob mit seinen Söhnen nach Mizrajim zog, wie Jerusalem fiel, oder wie die Juden in Spanien ihrem Gotte und ihrer Tradition das schönste und blutigste Opfer brachten. Ehrfurchtgebietend und heilig war die alte, armselige Schuß, und die Schechina schwebte beseligend durch den Raum. Mit dem Abfall des Sohnes vom alten Glauben erschien Berl nun diese ganze paradiesische Welt, die ihm soviel hehres Glück gespendet, entweiht*und für immer verloren. Wie er so dahinfuhr und schwere und schmerzvolle Gedanken in seinem Hirn herumwälzte, fiel ihm der Rabbi ein. Es war, als glitte ein schwacher Sonnenstrahl über wetterschwarze Wolken. Hier mußte er Rat und Hilfe finden! In Sadagora angekommen, hielt er vor dem Hause des Rabbi, stieg aus und trat, wie ein Betrunkener taumelnd, in's Haus. Das geräumige Wartezimmer war halbvoll von Menschen, die an den wenigen Tischen saßen, oder aus den Fenstern starrten, oder erregt, in kaum zu bändigender Erwartung auf und ab gingen; in den Ecken kauerten einige Frauen, von denen eine ihr weinendes Kind verzweifelt zu beschwichtigen suchte. Aus Rumänien und Ungarn, aus Galizien und den entlegensten Winkeln Rußlands waren sie hergekommen. Obschon sie als Menschen, die unter den allerverschiedensten Zonen und Verhältnissen aufgewachsen, sich auch grundverschieden von einander entwickelt hatten, so hatten sie doch etwas Gemeinsames: sie waren alle gleich leidbeladen, verzweifelt, am Ende ihrer Kraft. Und in allen Augen glühte das gleiche heimliche Feuer, das letzte lebensdurstige Aufflackern: der Rabbi muß mir helfen! Wie ein Nachtwandler schritt Berl an den Leuten vorbei und näherte sich der Türe, die in das Gemach des Rabbi führte. Vergebens fragte ihn der Mann, der neben der Türe saß und kleine beschriebene Zettel an die Leute verteilte, die zum Rabbi wollten, nach seinem Begehr. Stumpf und dumpf starrte er vor sich hin, und als die Türe auf ging, schlüpfte er durch, bevor er daran gehindert werden konnte. In dem halbdunklen Raum, vor einem Tische, auf dem mehrere in Leder gebundene Folianten teils aufgeschlagen, teils geschlossen umherlagen, saß ein schon halb ergrauter Mann, eine ehrwürdige Gestalt in glänzend-schwarzem Kittel, und sah dem Eintretenden ruhevoll, mit weißem, wie verklärtem Antlitz entgegen. Was mochte in diesem Gesichte liegen, daß Tausende sich davor in Verehrung beugten? Welche Macht lag in diesen dunklen, forschenden Augen, daß ihr Blick all die Bedrückten und Gestürzten wieder aufrichtete? Welche geheimnisvollen Kräfte barg das ganze Wesen dieses Mannes, daß auf ein bloßes Wort hin alle diejenigen, die am Ende ihrer Kraft angelangt waren, die Bürde ihres Lebens in freudigem Hoffen weitertrugen? Oder lag die suggestive, rätselhafte Macht in der Menge selbst, in all diesen Verzweifelten und Ratlosen, die in tiefem Glauben an ein Wunder hergekommen waren, und in denen, ihnen selbst unbewußt, der heiße und übermenschliche Wille, dieses Wunder zu erleben, loderte. Als Berl nun dastand, noch wortlos in dem ersten Ansturm des stärksten Jammers, der ihn getroffen, sah ihn der Rabbi freundlich an und fragte ihn, indem er mit der weißen, fast frauenhaft .gerundeten und feinen Hand leise gegen den Tisch schlug: „Berl, was ist geschehen? Ich glaube, man nennt dich iden Fröhlichen — warum hast du den Mut verloren?" „Rabbi!" rief Berl mit schwankender Stimme „wie soll ich den Mut nicht verlieren, wenn Gott mich so schwer, so bitter schwer gestraft hat?" „Unser Gott ist ein gerechter Gott, Berl, der keinen Unverdient straft. Aber wer weiß, was er in seiner Allmacht mit uns vor hat? Was wir als Strafe ansehen, ist oft nur eine Prüfung, die uns eines uns beschiedenen Glückes würdig machen soll." „Rabbi, ich bin ein einfacher, ungelehrter Mann und kann mir, da die Schickung mich so schwer traf, keinen Trost aus der tiefen Weisheit unserer heiligen Schriften holen. Wenn man mir in's Fleisch schneidet, muß ich schreien; wie erst, Rabbi, wenn man mir das Herz aus dem Leibe reißt? Seht, Rabbi, ich habe einen Sohn gehabt — einen einzigen, einen klaren und klugen Kopf, einen Jungen, dem das Lernen leichter fiel als das Spiel. Er war mein ganzes Leben, Rabbi, meine Freude, die Hoffnung meiner alten Jahre. In einer Woche soll er Doktor werden. Da haben ihn mir die Gojim geraubt; sie hgben ihm goldene Berge versprochen und aus ihm einen Abtrünnigen gemacht. Rabbis wie soll ich das Leben weiter tragen mit dieser blutigen Schande?" Der Rabbi saß sehr ernst da, die weiße, klare Stirn in Falten gezogen, und strich sich mit der schönen, lebensvollen Hand gedankenversunken den Bart. „Berl," sprach er nach einer Weile, „die Sache ist gewiß traurig und läßt sich nicht im Handumdrehen ändern. In solchen Fällen müssen wir uns sagen: hat der Treulose jemals ein jüdisches Herz gehabt, so werden früher oder später Gewissen und Reue die besten und gerechtester Richter sein, die ihn wieder auf den rechten Weg führen. Hat er aber dieses Herz nicht, nun so hat weder das jüdische Volk noch sein eigener Vater etwas an ihm verloren und man soll ihn vergessen, wie eine faule Frucht, die man mit Ekel fortwirft .... Aber ich