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Die Welt · 1913-12-25 · 52 (25.12.1913) · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
52 (25.12.1913)
Date
1913-12-25
Page
– (sequence 20)
Language
German
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1766 DIE^ELT—. . .- - Nr. 52 überhaupt, du weißt ja, Itzig: „Ein blindes Pferd trifft immer in den Oraben!" Nach einer Weile stillen Nachdenkens fuhr Berl fort, indem sein Gesicht einen frohpfiffigen Ausdruck annahm: „Du, Itzig, wo meinst du wohl, will ich heute hingehen, wenn wir in Czernovvitz ankommen?“ „Was weiß ich!“ erwiderte Itzig, „wahrscheinlich in die Menagerie am Fischplatz, um dort deine Pferde zu versilbern. Sie sind schon lange zu nichts mehr gut!“ „Du denkst, wie du arbeitest, Itzig: alles verkehrt! Denn im Gegenteil: ich will nicht in die Menagerie, sondern zu meinem Sohn. Du weißt ja!“ Berls Stimme sank zu einem ehrfurchtsvollen Geflüster herab, „er studiert!“ „Püh!“ machte Itzig, der heute ganz besonders zu Widerspruch aufgelegt zu sein schien, „der studiert! Schönes Studieren das! So ein Knirps — erst vor fünf Jahren hab’ ich ihn gesehen — was versteht der von der hohen Wissenschaft!“ Berl gurgelte vor Entzücken und begann sich leise hin und her zu wiegen, als höre er eine schöne Melodie: „Itzig, du bist und bleibst ein Schotte! Wie heißt es doch im Perek? . . . . Al tistakel bekankan! . . . . Man soll nicht auf den Krug sehen, sondern auf den Inhalt. Es gibt junge Krüge voll alten Weines, und alte Krüge, die nicht einmal jungen Wein enthalten!“ Bei diesen Worten berührte er wie von ungefähr mit dem Peitschenstiel den Kopf seines Gegners. Dieser verstand den Hieb und wappnete sich zu frischem Angriff. „Ach was!“ rief er, „Krug hin, Krug her — und wenn dein Sohn auch studiert, was kann er da Großes werden? .... Höchstens ein Buchhalter, oder so 'was!" Berl schüttelte sich, und knallte verachtungsvoll mit der Peitsche, „Itzigl, was redest du heute für einen Stuß! Mein Sohn Buchhalter, mein Benjomenl ein Roschchodesch-M ensch, der bis zum Ersten im Finsteren sitzen muß, wenn ihm am Fünfundzwanzigsten das Lampenglas kaput geht? .... Itzig, du wirst dich gewiß an Jankel Bick erinnern, den Ziegelstreifer. Der pflegte immer zu sagen: „Allen möglichen Leuten habe ich schon Ziegel für ihre eigenen Häuser gebracht: Schustern, Schneidern, Schlossern — sogar einem Melamed! Aber einem Buchhalter niemals!‘ Nu, Itzigl, ist’s nicht so, wie er's gesagt hat, der selige Jankl? Aber du sprichst heute, als ob du wirklich was zu arbeiten hättest und dir keine Zeit bleibt, an etwas anderes zu denken. Wenn du meinen Sohn „erst vor fünf Jahren“ gesehen hast, so muß er heute noch ein Knirps sein, und wenn er studiert, so muß er ausgerechnet ein Buchhalten werden!“ Hier unterbrach Berl seine Rede, denn er mußte laut lachen. „Itzig,“ fuhr er dann fort, „damit du's weißt: Mein Benjomenl ist schon bald Doktor — und dann wird er Advokat — verstehst du? ... . Advokat!“ „Bäh!“ versetzte Itzig wegwerfend. „Schöner Advokat wird er sein! Ich würde ihm meine Prozesse nicht anvertrauen!“ „Warum nicht?“ replizierte Berl mit unschuldsvoller Miene, „der Dumme hat's Glück!“ Itzig hütete sich wohlweislich, nach der näheren Erläuterung des etwas orakelhaften Spruches zu fragen und begnügte sich damit, zu bemerken, daß der Junge wohl noch manches Jahr zu studieren hätte, da er noch nicht Doktor sei. „Eine blinde Henne findet zuweilen auch einen fetten Wurm!“ gab Berl zu. „Diesmal magst du schon recht haben, Itzig, aber . . . .“ hier wurde seine Stimme voll und freudig, wie am Freitagabend beim Lechu neran’no, .... „was ich dir von meinem Sohn erzählen wollte! .... Ich weiß ja, daß du ein Freund von frohen Dingen bist! .... Nun, so tue ich dir zu wissen, daß ich für meinen Sohn eine Braut gefunden habe .... eine edle Perle, fromm und schön, reich an Tugend und Geld .... eine seidene, koschere jüdische Tochter .... so ein Jahr auf uns beide, Itzigl! Deswegen eben fahr ich zu Benjomenl! Nu, was meinst du, Itzig?“ „Was soll ich da meinen, Berl? Es soll sein zu guter Stunde! Sie sollen glücklich sein und sich vermehren wie die Sterne am Himmel und der Sand am Meer!“ „Amen!“ fiel Berl fröhlich ein. „Und auf der Hochzeit, da tanzst du mit mir das Mizwah-Tänzel .... Und dann die Wiege .... die Wiege mußt du ihnen machen, Itzig .... und fest soll sie sein und gut gezimmert, .... für alle Kinder!“ Der Wagen hatte sich indessen der Prutbrücke genähert. Jenseits des Flusses, auf der Anhöhe mit den bewaldeten Hängen lag Czernowitz, mit seinen Türmen und Kuppeln und weißen Häusern wie eine Stadt des Südens anzusehen. Einem Märchenschloß vergleichbar, erhob sich die bischöfliche Residenz inmitten zackigen Tannengrüns, und über allem wölbte sich blaugolden der Himmel. Im Angesicht dieses im Näherkommen allgemach auftauchenden Bildes fühlte Berl, wie sein Herz vor Hoffnung und Frohsinn hoch zu schlagen begann. In wunderbarer Ideenverbindung wurden seine angeregten Sinne von dem heiteren Bilde in eine heitere Zukunft geleitet. Blitzschnell wie im Traum, der uns eine ganze Welt von Schrecknissen und Freuden vorspiegelt und doch nur kurze Augenblicke dauert, sah Berl die Tage seines ferneren Lebens vorübergleiten, da sein Sohn verheiratet und er selbst aller Sorgen enthoben war. Voll Sonne und Jauchzen und Gesang schwebten die Bilder vorbei: er sah in festlich geschmückte Sabbatstuben, erlebte gegenwartsfrohe Sederabende, hörte gelehrte Dispute in der Synagoge, und lautes Kindergeschrei .... Die Menschen, an die sich die Hoffnung seines Lebens klammerte, kamen mit verheißungsvollem Lächeln auf ihn zu ... . sein Sohn, glänzend wie ein Herrscher .... seine Schwiegertochter, strahlend wie die Königin von Saba .... und zahllose lachende Enkelgesichter .... Berl, du Narr, was brauchst du noch den schäbigen Wagen mit den halbtoten Pferden? .... Aber derselbe Wagen, der dem Träumenden so überflüssig erschien, tat einen sehr unzeitgemäßen Sprung. Ein Rauschen und Kichern, wie von unsichtbaren Spottgei stem, und verschwunden war der ganze Spuk. „Berl“ sagte der Wiedererwachte zu sich selbst, „nun sitzt du ja wieder auf dem alten Bock!“ Er rückte auf seinem Sitze hin und her, wie um sich besser in die Wirklichkeit zu finden und wandte sich aufatmend an Itzig, der ihn von der Seite betrachtete: „Heißer Tag heute, wie?" Als der Wagen die Brücke passiert hatte, stiegen alle Insassen aus und Berl fuhr allein unter Geknalle und Geklapper in die Stadt, um die Fracht abzuliefern und seinen Sohn aufzusuchen. —- Nach einer Stunde kam Berl im leeren Wagen daher, aber er lenkte nicht, wie gewohnt, auf den Standplatz, um neue Gäste für die Fahrt nach Sadagora aufzunehmen, sondern fuhr schnell vorbei, geradeaus auf die Brücke zu, ohne der Fuhrleute zu achten, die, erstaunt über sein Gebahren, ihm laut nachriefen. Aus seinem Gesicht war jedes Leben verschwunden; der Bart starrte ihm zerzaust um die fahlen Wangen, und Augen und Schläfen waren eingefallen, wie die eines Toten. Starr, vernichtet, ein Fild hoffnungslosen lammers, saß er da und ließ die Pferde laufen, wie es ihnen gefiel. Einige Male lief er Gefahr, mit Fuhrwerken zusammenzustoßen; bei den lauten, warnenden und zornigen Rufen erwachte er

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