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Die Welt · 1913-12-25 · 52 (25.12.1913) · page 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
52 (25.12.1913)
Date
1913-12-25
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 52 1765 FEUILLETON Ein Peitschenhieb Von Leo G. Stein (Nachdruck verboten) Unter all den Fuhrleuten, die auf ihren langen, klapprigen Leiterwagen allerlei Volk von Sadagora nach Czernowitz und wieder zurück beförderten, erfreute sich Berl der Fröhliche der größten Popularität. Eigentlich hieß er Berl Zindel Gurgelwasser. Tragisch veranlagte Naturen hätten unter diesem Namen wie unter einer schweren Schmach gelitten. Aber Berl dachte gar nicht daran, daß seinem Namen irgend etwas Lächerliches anhafte. Er nahm ihn eben hin, wie etwa die Tatsache, daß er ein armer Teufel war. oder daß seine Pferde hinkten, oder daß seine Frau Blime täglich zänkischer wurde. Was war da weiter zu grübeln? Es lebte in seinem Herzen soviel einfältige, fast animalische Daseinsfreude, daß sie ihm über derartige kleinliche Heimsuchungen hinweghalf. Wenn zum Beispiel eines seiner Pferde inmitten des gemütlichen Trotts unerwartet hinfiel, alle Viere von sich streckte und den letzten Seufzer tat, oder wenn der vollbesetzte Wagen just dort, wo der Morast am tiefsten war, mit gebrochener Achse umkippte, so daß alle Insassen mit großem Geschrei in die hochaufspritzende breiige Masse flogen, so waren dies sicherlich nicht sehr erfreuliche Begebenheiten. Aber Berl ließ sich niemals aus dem Gleichgewicht bringen und rettete die Situation durch seine unerschöpfliche Laune. Den materiellen Schaden, den solche Unfälle ihm zufügten, verschmerzte er rascher als zwei Tage Regenwetter. So kam es denn, daß die Leute im Laufe der Zeit seinen eigentlichen Namen vergaßen und ihn Berl den Fröhlichen nannten. Vor allen anderen Fuhrleuten gebührte Berl dem Fröhlichen der Ruf weitestgehender Internationalität, denn er vereinigte in seinem Wagen, den er stolz „Omnibus" nannte, alle Nationen des Landes und redete jeden in dessen eigener Muttersprache an, mochte es die polnische, ruthenische, rumänische oder deutsche sein. Da saß alles bunt durcheinander, ein fröhliches und friedliches Babel, ein wanderndes Parlament, das auf demokratischem Prinzip gegründet war — denn ein Adeliger durfte Berls Wagen niemals besteigen! Es war an einem Montag, in den ersten Morgenstunden. Auf dem Sadagoraer Wagenstandplatz wimmelte es von Menschen, die alle nach Czemowitz auf den Markt wollten Es war ein Gedränge und ein Geschiebe, ein Rufen und Schreien, das wie das Getöse eines Wasserfalls in den Lüften schwebte. Handelsleute, Viehhändler, Schlächter, Bauern und Bäuerinnen, johlende Burschen und Hökerweiber — das bildete eine ungeheure hin- und herwogende Masse, aus welcher ab und zu die bunte Uniform eines Soldaten, das weiße Kopftuch einer Bäuerin hervorleuchtete. Und mittendurch drängten sich Hunde, Schweine und Ziegen, die durch Bellen, Grunzen und Meckern mit zu dem allgemeinen Stimmengewirr bei- Trotzdem hörte man Berls Stimme durch das wilde Chaos laut und vernehmlich schallen. Er stand neben seinem Wagen, eine breite, knochige Gestalt, und sein rauhbärtiges Gesicht war eitel Leben und Bewegung. Mit weit ausholender Geste wandte er sich an das Volk, das sich um den Wagen drängte, schilderte den Leuten die Fahrt nach Czemowitz in den glühendsten Farben und versprach ihnen allerlei Ueberraschungen, als da sind: Zusammenstöße mit anderen Wagen oder Automobilen, Scheuwerden der Pferde, unfreiwillige Beförderung in den Straßengraben, oder heftigen Platzregen mit Blitz und Donner. Seine Rede wirkte; unter all den gaffenden Bauern, halb belustigt lachenden, halb überlegen lächelnden Juden und sonstigem Volk fand sich immer wieder einer, der diese Reise mit all ihren Schrecknissen wagen wollte, und nach einiger Zeit war das Gefährt denn auch voll besetzt. Da saß vor allem Itzig, der Tischler, der viel zu reden und wenig zu arbeiten liebte und von dem die Sage ging, er fahre nur deshalb mit wichtiger Miene zwischen Czemowitz und Sadagora hin und her, um den Leuten den vielbeschäftigten Meister vorzutäuschen, daß aber Säge und Hobel in seiner Werkstatt mehr feierten als schafften. Dann kam eine junge Huzulin in dem bunten Kleid ihres Stammes, die frohgemut ihr aus einem Stück Schwarzbrot und drei Oliven bestehendes Frühstück verzehrte. Ihr folgte in Kaftan und morastbedeckten Stiefeln der wohlbekannte Schmiel, zu Unrecht Schmiel Gans genannt, weil sein Großvater mit Gänsen gehandelt hatte, während er selbst doch mit Kälbern einen schwunghaften Handel betrieb. Hinterher kam eine wohlgenährte „Schwäbin", die auf ihrem Schoß einen Korb mit laut protestierenden Enten hielt. Dann kam ein junger Mann, ein Jeschiwah-Bachur von reinstem Wasser. Wie er so dasaß, eine dürftige Gestalt mit blassem Gesicht und versonnenen Augen, sah man's ihm deutlich an, daß er noch vor Kurzem die tiefe Weisheit des Traktates Baba-Mezia zu ergründen gesucht und daß er nur ungerne dem Rufe des Alltags folgte, der ihn in eine fremde, feindliche und widerwärtige Welt brachte. Endlich kamen ein polnischer Gymnasiast in Uniform, ein rumänischer Bauer, der einen kleinen Sack mit Maiskolben krampfhaft umschlungen hielt, und ein Zigeuner mit einer defekten Fiedel. Sie saßen alle ringsum so, daß ihre Füße über den Wagenrand hingen, während im Innern des Wagens allerlei Kisten und Ballen verstaut lagen, über denen ein Käfig mit gackernden Hühnern thronte. Als Berl sah, daß er nun weder für Menschen noch für Waren Platz hatte, sprang er fröhlich auf den Vordersitzt, ermunterte die beiden Gäule, die sich’s nicht hatten nehmen lassen, inmitten des Heidenspektakels ein kurzes Morgenschläfchen zu tun, und der Wagen bahnte sich langsam einen Weg durch das Menschengewimmel. Draußen auf der Reichsstraße ging's schon etwas schneller, denn trotz ihres erbarmungswürdigen Zustandes, ihrer kümmerlichen Mähnen und Schweife, ihrer bresthaften Beine und ihrer armen, geblendeten Augen, wollten die Pferde hinter den anderen Wagen, die, von einer Staubwolke umgeben, vorübersausten, nicht gar zu weit Zurückbleiben. Diesen echten Pferdeehrgeiz hatten sich die wackeren Tiere aus jener Zeit herübergerettet, da sie noch im Dienste wohlhabender Gutsbesitzer standen. Berl strahlte. Wie ein Sieger im Wagenrennen wandte er sich an Itzig, der neben ihm saß: „Nu, Itzig. laufen die Gäule nicht großartig? Nein, sie fliegen! Sie werden uns noch in den Himmel führen!" „Ich danke sehr", meinte Itzig, „schau lieber zu, daß wir nicht in den Straßengraben geraten, bevor der Himmel sich uns öffnet!" „Was heißt Straßengraben?" ereiferte sich Berl. „du bist schon zwanzigmal mit mir gefahren — und wieviele Male bist du da im Straßengraben gelegen? —- Nur fünfzehnmal? Spielt das auch eine Rolle? Und

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