Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 52 (25.12.1913)
- Date
- 1913-12-25
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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1762. -. DlE3pELT -- - Nr. 52 Namen zu decken, was sie nicht einmal gelesen haben — nur weil es gegen den Zionismus geht! Der einzige positive Kern und der Mittelpunkt der eben erschienenen Broschüre ist nämlich die Behauptung: der Zionismus bedroht — oder zerstört sogar — die jüdische Religion. In diese These münden alle irgend wesentlichen Ausführungen des ungenannten Verfassers, und auf sie baut er auch sein dünnes positives Programm. Was kann nun aber die angebliche Gefährdung der jüdischen Religion Leute interessieren, deren Begeisterung für die jüdische Religion man sonst noch niemals zu bemerken Gelegenheit hatte, Leute, die dieser Religion und ihren ethischen Idealen ferner stehen als der Irreligiöseste unter den Zionisten, denen bald religiöse Heuchelei, bald widerliche Schauspielerei nachgesagt wird! Wie kann jemand diese Broschüre mit seinem Namen vertreten, der seine Kinder taufen ließ und damit doch wahrhaftig nicht bekundet hat, daß er an der Erhaltung der jüdischen Religion ein so großes Interesse hat, um daraus seine Gegnerschaft gegen den Zionismus ableiten zu können. Oder will der Verfasser die Taufe nur dann als Zeichen „sittlicher Fäulni s", als „w iderlichste Ausdrucksform des Strebertums und der Heuchelei“ gelten lassen, wenn sie in seinem phantastischen Judenstaat als Ergebnis religiöser „Gewissensfreiheit“ auftreten sollte? Ist sie nur ein Verbrechen, wenn für sie „einem großen Teile (!) der russischen Jugend“ der Nationalismus als „Vorwand“' dient, und keines mehr, wenn sie ohne jeden Vorwand vorgenommen wird? In unseren Reihen kämpften und kämpfen an vorderster Stelle genug Männer, deren Namen man nur zu nennen braucht, um das alberne Gerede von dem unvereinbaren Gegensatz zwischen jüdischer Religion und Zionismus abzutun. Das weiß der antizionistische Schreiber natürlich auch sehr genau, und deshalb ist es eine Unverfrorenheit sondergleichen, wenn er heute noch mit so verlogenen Argumenten Uninformierte gegen den Zionismus einfangen will. Der Spieß muß umgedreht werden. Was geht denn Väter und Großväter von Getauften der Schutz der jüdischen Religion an, die sie im engsten Familienkreise nicht achteten oder jedenfalls nicht schützen konnten? Aber die Herren des Antizionistischen Komitees lachen natürlich unserer Entrüstung. Und mit Recht! Die Auguren zwinkerten einander zu, und die Geheimen Sanitäts-, Justiz- und Regierungsräte, denen etwa unterm Weihnachtsbaum — wenn Rolfs neues Grammophon oder Gudruns Pianola „Stille Nacht. Heilige Nacht“ spielt — die antizionistische Broschüre in den Sinn kommt, brauchen nicht einmal dieses Verständigungsmittel: sie wissen alle ganz genau, daß ihnen die jüdische Religion nur eben gut genug ist, um als Agitationsmittel gegen die Zionisten zu dienen. Es ist nichts als ein ganz gewöhnlicher Bluff, zu dem sie die „Ewigkeitswerte“ des „reinen Gottesglaubens“ schmählich mißbrauchen. Und diese Leute wagen es, dem Zionismus vorzuwerfen, daß er „die Religion zum Kampfmittel, zum politischen Tauschobjekt herabwürdigt“, beschuldigen ihn mit dieser Begründung der „Unehrlichkeit und Heuchelei“, als einer der „deutlichsten Wirkungen, die der Zionismus ausgeübt hat“! Ach nein, bis ins Antizionistische Komitee hinein werden diese Wirkungen wohl nicht gereicht haben, und es muß also zumindest noch andere trübere Quellen so bedenklicher politischer Charakterverderbnis geben. Vielleicht tritt das ganze antizionistische Komitee einmal zu einer natürlich geheimen Sitzung zusammen, um diese Quellen zu erforschen. Sollte man sich dann, um einmal auch etwas über den Zionismus zu erfahren, den man nun schon zum zweiten Male getötet hat, einen Zionisten einladen, so könnte der seine Rede nicht besser schließen als etwa so: „Wir sind nicht so verbohrt und verrückt, wie man uns gerne darstellen möchte. Wir erklären nicht jeden Gegner unserer Ansichten und unserer Bewegung für einen schlechten Kerl. Es gibt sehr hohe, sehr respektable Gründe, aus denen ein Jude an dieser Volksbewegung für seine Person nicht teilnehmen kann oder will; aber darum braucht er sie noch nicht zu verdächtigen und zu bekämpfen. Die Haltung eines Juden, der nicht mit der zionistischen Bewegung gehen will, ergibt sich eigentlich von selbst: er stellt sich abseits. Er ist seiner andersgläubigen Umgebung so vollkommen assimiliert, daß ihn die Geschicke der Juden nichts mehr angehen. Er hat vielleicht nur aus Anständigkeit, aus Stolz das äußere Band nicht zerrissen. Er kümmert sich nicht um die ehemaligen Volksgenossen, so kann er sicher sein, daß auch sie nichts mehr von ihm wissen wollen. Doch je weiter er vom Judentum schon abgekommen ist, um so achtungsvoller wird er die Regungen dieses ihm fremden Volksbewußtseins betrachten müssen. Vielleicht versteht er auch, daß seine Lage durch diese Bewegung nicht schlechter, sondern besser wird. Sie ermöglicht ihm die Lossagung vom alten Volke, den Anschluß an ein anderes, dem er sich verwandter fühlt, ohne beschämende Konzession. Er ist einfach kein Zionist, er ist aber auch kein Antizionist. Er bleibt neutral, kühl, fremd. Und wenn er innerlich ganz im Gleichgewicht ist, wird er als Fremder die menschenfreundlichen Absichten der Zionisten billigen und unterstützen, wie es unsere christlichen Freunde tun, die den verschiedensten Völkern angehören.“ Der Redner könnte Herzls berühmten Artikel „Mauschel“, dem dieser Passus entstammt, auch noch weiter zitieren, um den Herren zu zeigen, vor wie langer Zeit der Zionismus sich schon über den Antizionismus völlig klar war. Aber wir haben natürlich nichts dagegen, wenn das Antizionistische Komitee uns einen Teil unserer Propagandaarbeit auch weiterhin erleichtern will. Sind jedoch die häßlichen und giftigen Broschüren, die das Komitee verbreitet, etwa nur die Fassade, hinter der noch häßlichere und giftigere Pfeile gegen uns geschmiedet werden — und diese „Verdächtigung" wird nicht einmal der anonyme Autor von Nr. 2 wegzuleugnen wagen! — so müßten wir Herzls Aufsatz bis zu Ende zitieren und den Herren zeigen, daß wir auf alles gefaßt sind. Wir haben unsern „zweiten Pfeil" noch zu versenden! J. B. Warum nicht? Professor Geigers „Allgemeine Zeitung des Judentums" bringt in ihrer letzten Nummer an leitender Stelle einen Artikel von Rabbiner Dr. J. Ziegler: „Chanukah oder Weihnacht!" Er zitiert eine Talmudstelle: „Die Schule Schammais lehrte, man solle am ersten Abend alle acht Lichter anzünden, jeden folgenden Abend eins weniger; die Schule Hilleis lehrte, man zünde am ersten Abend ein Licht an und jeden folgenden Abend eins mehr" (B. Sabbat 21 b). Darauf baut er folgende Lehre: „Wenn die Schule Schammais lehrte, man solle am ersten Abend alle acht Lichter anzünden, warum sollten wir auf diese Sitte nicht zurückgreifen? Ich gehe aber noch weiter. Nicht acht Abende verlange ich, nur einen Abend, den des 24. Kislew, aber den voll Glanz und Heiterkeit und Frohsinn. Zündet die Kerzlein der Menora an, lasset sie alle erstrahlen, und in ein Meer von Licht tauchet euer Heim, beglücket euere Kinder mit Geschenken, mit Spiel und Reigen. Wenn heute der 24. Dezember für das Wirtschaftsleben von größter Bedeutung ist, soll es auch, wenn auch in kleinerem Maße, der 24. Kislew werden. Wie in den christlichen Familien, nach alter, von den Römern übernommener Art, Eltern und Kinder, Freunde und Verwandte sich gegenseitig erfreuen und beschenken, so werde uns, und nach gutem jüdischen Brauch auch für unsere Armen, der Abend des 24. Kislew ein Abend der Bescherung, der Freude, des häuslichen Glücks. Ja, selbst wenn ihr in eurem Schönheitsdrang und Gleichheitsstreben eine Menora aus schönen Tannenbäumchen mit acht Zweigen euch verfertigt, und wenn es nicht acht, sondern 80 Kerzlein sind, die ihr zu Ehren des Abends und zur Freude euerer Kinder anzünden wollet, warum nicht? „Die Schönheit Japhets schlage ihr Zelt auf in den Wohnungen Sems“ haben schon unsere alten Weisen gesagt (B. Megilla 9 b). Nur sei es am Abend des 24. Kislew!“ Wir gehen noch weiter. Laßt euch gleich taufen! Warum nicht?