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Die Welt · 1913-12-25 · 52 (25.12.1913) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
52 (25.12.1913)
Date
1913-12-25
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 52 — DIEg^gE LT --= 1761 DER ZWEITE PFEIL Die neueste Tat des Antizionistischen Komitees Wir haben eine unangenehme publizistische Pflicht zu erfüllen: nämlich unseren Lesern ausgerechnet zu Chanukah das Erscheinen der Nr. 2 der vom „A ntizionistischeq Komitee“ in Berlin herausgegebenen „Schriften zur Aufklärung über den Zionismus“*) anzuzeigen. Llnangenehm ist uns diese Pflicht deshalb, weil wir unsere Leser langweilen müssen durch die Mitteilung von tausendmal widerlegten Einwänden gegen unser Ziel und von noch häufiger ad absurdum geführten dummen Redensarten über unsere Bewegung. „Der Zionismus, seine Theorien, Aussichten und Wirkungen“ nennt sich die 4S Seiten lange Broschüre, deren Ausstattung an Minderwertigkeit mit Inhalt und Stil wetteifert. Es gehört also ein großes Interesse für den Zionismus und eine starke Selbstüberwindung dazu, sich in diesen Inhalt zu vertiefen, zumal schon das Vorwort in prätentiöser Ehrlichkeit verrät, daß er nichts weiter gibt als einen neuen Aufguß von vier älteren antizionistischen Schriften, darunter so ehrwürdige wie Güdemanns „Nationaljudentum“, die schon H e r z 1 nur einer ironischen Plauderei für wert hielt. Verdient der anonyme Kompilator ernsthaftere Beachtung, weil er im Auftrag eines namenreichen Komitees von allerlei Räten schreibt, und weil sein Pamphlet Zehntausenden ins Haus geschickt wird? Der Verfasser hat sicher selber das Gefühl gehabt, daß er seine Wiederholung alter Phrasen über Religion und verstaubter Argumente zum Thema „Zionismus und . . .“ (da wird über Assimilation, Vaterlandsliebe, Gleichberechtigung, jüdisches Leben gehandelt) — daß er dieses Sammelsurium abgestandener Sätze durch eine pikante Beigabe etwas genießbarer machen müsse, wenn dieser Broschüre nicht das Schicksal der Nr. 1 blühen solle, daß nämlich selbst die meisten Zionisten sie vor Langeweile nicht über die ersten paar Seiten hinaus zu lesen vermögen. So tut er dem „bewährten“ Alten, das er im Zettelkasten systematisch zusammenst—eilt, etwas Neues hinzu: er schimpft und beleidigt Damit der Leser über der öden Entstehungsgeschichte des Zionismus nicht die Geduld verliert, nennt er den Zionismus gleich auf der fünften Textseite (S. 9) den „Pseudomessias“, und dann geht’s los: „Einen „Juden Staat“ verlangte der edle (!) Theodor Herzl in seinem Buche, das den gleichen Titel trägt und seinem dichterischen Können ebenso Ehre macht wie seinem Idealismus. Dieser Mann, der ein warmes Herz hatte für die Leiden seiner Brüder, der ein ehrlicher und ehrenhafter Idealist von reiner Gesinnung war, ist es, der der neuen Bewegung einen idealen Impuls gab. Er hat aber das tragische Schicksal gehabt, daß sich an seinen Namen eine pseudomessianische Bewegung häßlichster Natur knüpft und daß mit seinem Namen geschäftsmäßige Schreier, gewissenlose Demagogen und unwissende Phantasten ihre wenig idealen Motive und Ziele decken.“ Daß wir auf diese und andere Beleidigungen eingehen, erwartet wohl niemand. Sie kennzeichnen hoffentlich nicht einmal den Verfasser, der solche Gemeinheiten gewiß auch nur dem Zionismus gegenüber für erlaubt hält. Die stille Hoffnung des Verfassers war dabei am Ende bloß die, daß daran und am Folgenden mancher Gegner des Zionismus schon genug haben möchte, denn auf Seite 28 heißt es, natürlich nur behufs besserer Herausarbeitung der Schluß pointe: „Ohne daß man darum seiner (des Zionismus) Anhänger guten Glauben und ehrlichen Willen, dem Judentum, wie sie es verstehen, zu dienen, anzweifeln darf, ist des Zionismus praktisches Endergebnis die Zerstörung des Judentums.“ *) Vergleiche die Artikel „Hohe Ziele“ und „Mauschel redivivus“ in den Nm. 50, 1912, bzw. 22, 1913. der „Welt“. Wer auf solche Widersprüche Jagd machen will, findet in der Broschüre ein ergiebiges Feld. Aber es macht natürlich nichts aus, wenn einmal behauptet wird: „D er ganze Zionismus wird von ein paar Dutzend berufsmäßiger Schreier ,gemachtc“, und an anderer Stelle der Zionismus „über eine unendliche Menge von redegewandten Agitatoren“ verfügt, so daß er eine „ernste Gefahr“ darstellt. Einmal sind die Zionisten opferwillig, dann wieder ist ihnen der Zionismus ein bequemer Vorwand, nichts zu geben; einmal kultivieren sie Chuzpe, einmal Unbescheidenheit und Anmaßung als Nationaltugenden, dann wieder ist ihr Sinnen und Trachten nichts als zage Feigheit; auf der einen Seite wird bewiesen, daß w i r jüdische Antisemiten seien, und ein paar Seiten weiter sind w i r die wahren Assimilanten. So geht’s mit wenig Grazie in infinitum ... Am geistvollsten werden unsere Gegner neuerdings immer, wenn sie von der Assimilation reden. Unser Anonymus philosophiert in gesperrtem Satz: „Es gab und gibt keine sonstigen spezifisch jüdischen Kultur werte (Anm.: nämlich außer der Religion). Das Judentum hat sich stets assimiliert, und was man heute als „Eigenwerte“ auf zionistischer Seite so hoch schätzt und preist, sind weiter nichts wie Assimilationsprodukte längst vergangener In der Tat! Die menschliche Denkfähigkeit ist auch ein Assimilationsprodukt längst vergangener Zeiten, nur ist sie leider heute sehr ungleich verteilt, ebenso wie Selbstbewußtsein, Stolz, Verständnis für nationale Eigenart, Liebe zum eigenen Volkstum und viele andere „Assimilationsprodukte längst vergangener Zeiten“. Es wäre natürlich aber ein ebenso aussichtsloses und darum überflüssiges Bemühen, mit dem anonymen Verfasser über einzelne Punkte diskutieren zu wollen, wie ihm Widersprüche nachzuweisen. Zur Widerlegung dieser „ollen Kamellen“ sind die Restauflagen unserer ältesten Broschüren noch mehr als ausreichend, und wer einem Leser des antizionistischen Traktätchens eine besondere Ehre erweisen will, der gebe ihm H e r z 1 s oder N o r d a u s zionistische Schriften in die Hand. Das reicht dann gleich für die folgenden Dutzende antizionistischer Aufklärungsschriften mit, falls dem „Antizionistischen Komitee“ der Atem nicht schon mit dieser Leistung ausgegangen ist. Tatsächlich, findet man in zwei, drei kleinen Artikeln H e r z 1 s bereits alles, was zur Widerlegung der seichten Polemik des Broschürendichters gesagt werden könnte. Denn ein tieferes, ernstes Problem ist ja nirgends angeschnitten, alles bleibt so sehr an der Oberfläche, daß man oft geradezu von der Trivialität der Einwendungen gerührt wird. Die Entwicklung des Zionismus und schließlich — davon ist in den 48 Seiten wenig die Rede! — seine Erfolge veranlassen den Anonymus zu nichts als ein paar Alltagsphrasen und, wo er vom Gemeindebund und den Jugendvereinen usw. spricht, zu einigen stolzen Sätzen in Sperrdruck, denen man nicht zu nahe tritt, wenn man sie als glatte, kalte Lügen bezeichnet. Was an Nr. 1 und Nr. 2 dieser miserablen Erzeugnisse neujüdischer Dialektik allenfalls beachtenswert ist, das ist ja überhaupt nicht ihr Inhalt oder ihre Beweisführung, wenn man eine Zusammenstoppelung aller möglichen Behauptungen so nennen darf, sondern einzig und allein die Tatsache der Existenz des verantwortlich zeichnenden Komitees, von dem man zur Ehre mancher seiner Mitglieder annehmen, muß, daß ihm die Broschüren vor der Verbreitung gar nicht vorgelegt wurden. Denn sonst müßte man behaupten, daß viele der Unterzeichner den traurigen Mut gehabt haben, etwas mit ihrem

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