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Die Welt · 1913-12-25 · 52 (25.12.1913) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
52 (25.12.1913)
Date
1913-12-25
Page
– (sequence 14)
Language
German
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LT Nr. 52 1760 . ■ - - -. DIES Wie gesagt, dieses Ereignis wird seine Wirkung nicht verfehlt haben. Nur muß der Kampf in dieser Sache aufgenommen werden, denn bei allem übertriebenen „Patriotismus“ steckt in den meisten englischen Juden ein guter jüdischer Wille, wenn auch nur aus dem Grunde, daß der Engländer es als etwas Selbstverständliches betrachtet, daß die Juden, wie alle anderen Minoritäten, ihre Eigenart zu bewahren suchen. Es ist Pflicht der bewußtnationalen Juden in England, die geeint sowohl an Einfluß "sowie an Zahl eine bedeutende Macht darstellen, diesen Kampf energisch durchzuführen. Der Kampf um die Demokratisierung der Wiener Gemeinde Aus Wien schreibt uns unser Korrespondent: In der letzten Sitzung des Wiener Kultusvorstandes brachte der zionistische Kultusrat Dr. Jakob Ehrlich den Antrag auf Herabsetzung des Steuerminimums von 20 K. auf 10 K. ein. Er betonte in seiner Begründung, diese Forderung sei schon deshalb billig, weil es gegenwärtig gemäß den Statuten möglich ist, durch freiwillige Leistung von 10 K. das Wahlrecht zu erkaufen. Die Wiener Judengemeinde habe eine Verfassung, die an Rückständigkeit ihresgleichen nicht finde. Die beantragte Wahlrechtserweiterung sei nur die erste und nötigste Maßnahme, denn eine Reform der Gemeinde an Haupt und Gliedern sei unausweichlich. Auch finanzpolitisch werde die Herabsetzung des Steuersatzes vorteilhaft sein. Die Herren Präsident Dr. Stern und Dr. Kohn sprachen sich gegen den Antrag aus, da sich die Steuereingänge verringern würden. Die beiden zionistischen Kultusräte widerlegten den Einwand. Insbesondere erklärte Ob.-lng. Stricker, die Gründe der Gegenseite seien jesuitisch und lediglich eine Kaschierung der Absicht, die Vergrößerung der Wählerzahl zu verhindern. Die Herren B r o d und Dr. Weil, der bemerkte, daß auch der verstorbene Statutenreferent Frank diese Forderung vertreten habe, traten warm finden zionistischen Antrag ein, der schließlich mit allen gegen fünf Stimmen abgelehnt wurde. Die vom Vertreterkollegium beantragte Erhöhung des Steuermaximums von 12 000 K. auf 20 000 K. wurde einstimmig angenommen. Ehrungen für Rechtsanwalt Grusenberg Der bekannte Verteidiger von B e i I i s, Herr Rechtsanwalt Oscar Israel Grusenberg, der einzige jüdische Verteidiger im Kiewer Prozeß, der nach dem Abschluß des Prozesses zur Erholung ins Ausland gereist war, kehrte Mitte Dezember nach Rußland zurück. Auf der Fahrt nach Petersburg passierte er Wilna, das „Lithausche Jerusalem“, und war dort Gegenstand besonderer Ehrungen. Die Vertreter der jüdischen Gemeinde und der zionistischen Organisation* dieser Stadt sind ihm bis zur Station Koschedary zur Begrüßung entgegengefahren. Die Vertreter der Gemeinde hießen Grusenberg herzlich willkommen und überbrachten ihm den Beschluß der Wilnaer Judenheit, ein Stipendium auf seinen Namen zur Erinnerung an die ruhmreiche Verteidigung von Wahrheit und Recht im Prozesse Beilis zu stiften. Die Vertreter der Zionisten überbrachten Grusenberg das prachtvolle neue Diplom der Eintragung ins Goldene Buch des Jüdischen Nationalfonds, das von Justizrat Bodenheimer und David Wolffsohn unterfertigt ist. Das Bild ist ein Werk besser Urys; es stellt König David mit der Harfe inmitten einer judäischen Landschaft dar. Grusenberg wurde von einer Reihe jüdischer Gemeinden und zionistischen Gruppen in Rußland und anderen Ländern ins Goldene Buch eingetragen. Die zionistische Deputation teilte Herrn Grusenberg außerdem mit, daß eine Straße des jüdischen Viertels T e 1 - A w i w in Jaffa seinen Namen führen wird. Herr Grusenberg war sehr gerührt und dankte für die Begrüßung, für das Geschenk und für die ihm in Tel-Awiw zuteil gewordene Auszeichnung. „Jüdische Wucherer“ und jüdische Sozialdemokraten Unser Wiener Korrespondent schreibt uns: Der sozialdemokratische Abgeordnete Leuthner leistete sich in den Delegationen den Ausdruck, daß gewisse Leute „wie Juden mäkeln, mäkeln und wuchern“. Er mußte es sich gefallen lassen, daß ihm der arische Abgeordnete Dr. Lecher also zurechtwies: „Es steht Leuthner schlecht an, von „jüdischen Wucherern“ zu reden, sich mit derart anti semitischen Phrasen zu drapieren. Marx war ein Jude, der Chef der Partei ist ein Jude, der Chefredakteur der Arbeiterzeitung ist ein Jude und sein Kollege in den Delegationen ist ein Jude. Es steht ihm also durchaus nicht gut an, den Juden als Kaste einen solchen Vorwurf zu mache n.“ Der Abg. Leuthner, von dem man nicht sagen kann, daß er ein Antisemit ist, wird gewiß nächstens in der Wahl seiner Ausdrücke vorsichtiger sein. Er entgegnete denn auch sofort, niemandem werde es gelingen, ihn zum Antisemiten zu stempeln. Bedeutung hat nun die ganze Affäre nur infolge des kläglichen Verhaltens der von Juden geschriebenen „Arbeiterzeitung“. Sie schreibt mit Bezug auf die Rede Dr. Lechers: „Gut gebrüllt, Herr Lecher aus Brünn! Wegen eines harmlosen Vergleichs aus dem Sprachgebrauch diese fulminante Empörung!“ Das Wort „jüdische Wucherer“, welches eine verächtliche, unsaubere, hartherzige Handlungsweise zur jüdischen Nationaleigenschaft stempelt — ein „harmloser Vergleich aus dem Sprachgebrauch“ . . . Wahrlich, die Sucht der Selbstbeschmutzung ist bei den Juden der Wiener sozialdemokratischen Führerschaft zur Perversität entartet. Ein Schächtverbot in Rußland? Der Abgeordnete der Rechten Scüetschkow brachte in der Reichsduma einen von fünfundfünfzig Abgeordneten Unterzeichneten Antrag ein, wonach den Juden das rituelle Schlachten von Haustieren verboten werden soll. Die Antragsteller berufen sich auf das Beispiel von Finnland, wo jahrelang ein Schächtverbot in Geltung war, erwähnen aber nicht, daß diese Bestimmung vor einiger Zeit durch kaiserlichen Befehl aufgehoben worden ist. Wenn auch der gegenwärtige Zeitpunkt, wo die judenfeindliche Reaktion eben erst im Beilisprozeß so schmählich vor aller Welt bloßgestellt wurde, für die „gesetzgeberischen“ Ambitionen der extremen Antisemiten nicht sehr geeignet ist, so läßt sich die Befürchtung doch nicht von der Hand weisen, daß eine dauernde Agitation der reaktionären Kreise gegen das Schächten schließlich doch zu dem gewünschten Erfolg führen könnte. Das würde aber für die Millionen religiöser Juden in Rußland eine Gewissensnot ohne gleichen bedeuten, müßte die Auswanderung der Juden ins ungemessene anschwellen lassen und würde überhaupt für das künftige Schicksal der russischen Judenheit von unabsehbaren Folgen sein. Kleine Nachrichten Professor Boris Schatz, der Begründer des B e z a I e 1, ist vor einigen Tagen in New York eingetroffen, wo er eine große Ausstellung veranstaltet. Gleichzeitig macht Frau Bella P e w s n e r im Interesse des Bezalel eine Tournee durch die Vereinigten Staaten. In verschiedenen Städten hat sie in der Synagoge gesprochen und wahre Stürme des Beifalls entfesselt. Die russische Regierung hat die Aufnahme von Juden in landwirtschaftliche Institute untersagt. Einer statistischen Schätzung zufolge, betrug die Anzahl der im Jahre 1912 aus Europa ausgewänderten Juden 128 000 Seelen. In Lodz sind zwanzig Chedarim von der Polizei geschlossen worden. Die Verfolgung der jüdischen Religionslehrer ist dort noch immer im Gange. No wo je Wremja kündigt an, daß die demnächst tagende Rabbinerkommission aufgefordert werden soll, nicht nur über religiöse Fragen, sondern auch über die wirtschaftliche Lage der Juden Auskunft zu erteilen. Die so erhaltenen Auskünfte wird die Regierung dazu benutzen, um einen Entwurf wegen Abänderung der Judengesetze herzustellen.

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