Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 52 (25.12.1913)
- Date
- 1913-12-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 52 LT 1751 sie aus zionistischer Einflußsphäre, wenn auch nicht direkt aus zionistischer Verwaltung. War da nicht stillschweigende und selbstverständliche Voraussetzung, daß, das Werk vom zionistischen Geiste getragen sein wird? Freilich, die Zionisten begingen eine nahezu unverzeihliche Unvorsichtigkeit. Sie hätten darauf bestehen sollen, daß die stillschweigende Voraussetzung zu einer ausgesprochenen und ausdrücklichen werde. Denn auch in den öffentlichen Beziehungen ist es für das Zusammenwirken ein gar gesunder Grundsatz: clara pacta, boni amici. Nun, man arbeitete zusammen, aber ohne geschriebene Verträge, die freilich unter anständigen Menschen nicht unbedingt notwendig sind. Endlich ist das gemeinsam aufgerichtete Werk fast unter Dach, und die Frage nach dem Wesen und dem Geist ward aktuell. Da kam die große Enttäuschung. „Wessen Geld, dessen Gut", dekretierten nach großem Muster die Herren vom Hilfsverein. Sie sind die beati possidentes, sie haben das Geld in ihrer Verwaltung, sie wohnen in Deutschland, sie sind — oder wollen gelten als — deutschnational, also wird das auf nationaljüdischem Boden, von nationaljüdischer Begeisterung aufgerichtete Institut — deutsch sein. Für Hebräisch wird ein heimlicher Schlupfwinkel reserviert, das Uebrige, d. h. das Ganze ist deutsch. Ist das etwa nicht eine Handlungsweise wider Treu und Glauben? Nun gibt es aber schon heutzutage in Palästina, Gott sei es gedankt, „Aufwiegler", „Terroristen", die sich Peitschenhiebe mitten ins Gesicht und Stiche mitten ins Herz nicht so ohne Widerspruch gefallen lassen, und sie protestieren, laut und scharf. Schüler und Lehrer traten in den Ausstand. Ein Nachgeben wäre freilich angesichts dieses elementaren Ausbruches keine Schande, aber das Geld gibt nicht nach. Es beugt sich höchstens vor — mehr Geld, aber niemals vor dem Geist. Und so ging das Geld hin und suchte Schutz bei den Chalukahmenschen und den — Soldaten Die Prognose? Man weiß, wie solche Kämpfe ausgehen. In der Geschichte der Menschheit hat man mit Bajonetten schon sehr viel getan, aber die neue Erfindung ist noch bis auf den heutigen Tag nicht gemacht worden, — auf Bajonetten sitzen zu können. Auch der Hilfsverein wird auf den Bajonetten nicht sitzen bleiben. . . . Der Geist wird siegen. Aber nicht ohne Geld! Das soll ausdrücklich und nachdrücklich gesagt werden. Das Geld ohne Geist bleibt wie ein toter Erdklumpen unbeweglich auf dem Boden liegen, aber der Geist ohne Geld verflüchtigt sich, ohne Erdenschwere zu erlangen. Allerdings hat der Geist noch die Eigenschaft, das Geld ergiebiger und ertragreicher zu machen. Für diese eigentümliche Relation von Geist und Geld dürfte die Palästinaarbeit der letzten fünfzehn J ahre geradezu ein Schulbeispiel werden, dessen sich noch einmal die Nationalökonomie bedienen wird. „Was haben eigentlich die Zionisten in Palästina geschaffen?" Diese Frage zitterte durch den jüdischen Blätterwald gleich nach dem elften Kongresse. Der Kongreß hat auf die Außenwelt Eindruck gemacht. Daran war nicht zu zweifeln. Die Außenwelt hat eine neue Art von jüdischer Problemstellung gesehen und dabei auch eine neue Art von jüdischer — Kopfhaltung. Man mußte also den Zionismus kleiner machen und fing zu rechnen an: Die Kolonien hat Baron Rothschild gegründet. Er hat etwa 30 Millionen dort investiert. (Die Summe schwankte übrigens in der ganz geringen Spannung zwischen 30 und 100 Millionen. Unsere Zeitungsschreiber sind eben etwas flott mit dem Gelde!) Er hat natürlich auch die Kolonisten angesiedelt. Wo bleibt also das Verdienst des Zionismus? Ich möchte darauf kurz antworten: Der Zionismus hat die Millionen lebendig, das heißt: zinstragend gemacht. Bevor der große Zionismus in Jungpalästina ganz durchdrang, genauer gesagt: bevor er wieder durchdrang, nachdem er eine Zeitlang von den verschiedenen Administrationen niedergehalten und geknebelt war, — was war die Kolonisation damals wert? Wie ein trockener Schwamm hat sie die schweren Millionen in sich aufgesaugt und — wuchs nicht. Es kam soweit, daß der gute, Palästina mit ganzem Herzen liebende Baron geradezu die Geduld verlor und mit einer großen, königlichen Geste das Ganze an die Ica — verschenkte. Da geschah es, daß die Ica-Verwaltung die Zügel lockerte und den Geist einließ. Seit damals sind die Kolonien viel Geld wert, wohl mehr als zweimal soviel, als sie gekostet haben. Die Kolonisten haben ihr mehr oder minder reichliches Auskommen, sind auf keine Subsidien angewiesen, und man hört immer häufiger von ganz großen Summen, die als Abzahlung geleistet werden. Der Geist hat also erst dem toten Gelde Leben eingeblasen und es zu schaffendem Kapital gemacht. Was eben zu beweisen war. Man sieht, — ich spreche nicht ein Wort über diesen Geist selbst. Ich spreche nur über seine Beziehung zum Geld. Ich widerstehe sogar der naheliegenden und wirklich starken Verlockung, einen Vergleich anzustellen zwischen der Palästinakolonisation des Baron Rothschild und der Argentinienkolonisation eines anderen Barons, — allerdings eines Barons „jüngerer Linie". Die argentinischen Kolonien haben unvergleichlich mehr Geld gekostet, und — was gelten sie im Judentum? Gibt es noch heute einen Juden, der sich das, was wir jetzt schon in Palästina haben, aus dem Judentum — er mag dieses als was immer und wie immer leben und empfinden — wegwünschen oder bloß wegdenken könnte? Nein, es gibt gewiß keinen einzigen solchen Juden. Aber die ganze argentinische Kolonisation kann man sich wohl wegdenken und es entsteht kein Loch, keine Lücke. Genau wie keine Lücke im jüdischen Leben entsteht, wenn man sich drei New Yorker Wolkenkratzer wegdenkt. Ich will diesen Gedankengang nicht fortsetzen, weil ich eben nicht vom Geist an sich, nicht von seelischen Werten an sich sprechen will. Ich will nur von Geist und Geld in ihrer Beziehung zu einander sprechen. Und da haben wir es gesehen, theoretisch und an einem praktischen Beispiel, daß der Geist das Geld lebendig macht und aktiviert. Aber — das wäre wohl der Schluß, zu dem ich strebe — haben muß er es! Der Geist muß Geld haben, um zu wirken, um Erdenschwere zu bekommen, um sich nicht zu verflüchtigen. Der Geist kann selbstverständlich mit wenig Geld ein Vielfaches von dem An unsere Leser und Freunde! Wir bitten, der Notiz unter diesem Titel auf Seite 1763 der vorliegenden Nummer der „Welt“ besondere Beachtung zu schenken Verlag „Die Welt“, Berlin W15, Sächsische Str. 8 HIIIIIIIIIIIWIIIIIIIIHIIHM