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Die Welt · 1913-12-25 · 52 (25.12.1913) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
52 (25.12.1913)
Date
1913-12-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 52 1749 DIE^ELT sammenbruch offenbart. Aber schon war die Morgenröte der nationalen Wiedergeburt aufgegangen und ein neues Geschlecht war aufgeblüht, das nach Arbeit und Selbstbefreiung rang. Die Frühlingskeime wurden im Lande sichtbar: der Landarbeiter, der Weinbauer, der Kolonist und der ihnen voranschreitende Pionier: der hebräische Lehrer, der Volkserzieher, der in seinem Berufe eine schöpferische Tätigkeit erblickte, der bestrebt war, der erstarrten Masse neue Lebenssäfte zuzuführen und ein freies, stolzes Geschlecht großzuziehen. Der Hilfsverein kam nun nach unserem Orient und fand hier ein unbegrenztes Arbeitsfeld vor. Alle bestehenden Schulen waren auf bloßer Philanthropie aufgebaut und bildeten ihrem ganzen Inhalte und Geiste nach lediglich eine pädagogische Filiale der allgemeinen Chalukah. Nicht bloß in Jerusalem und Jaffa, sondern auch in den Kolonien erzog man die heranwachsende Generation auf der schwankenden Grundlage einer französischjüdischen Pseudokultur, und nur ab und zu ließ sich eine schwache Stimme des Protestes gegen dieses Zerstörungswerk vernehmen. Palästina war ganz von aus- . wärtigen Faktoren abhängig und fand in sich selbst keinerlei Stütze. Selbständig gerichtete Elemente waren eben erst aufgetaucht, aber ihre Zahl war gering, ihr Einfluß ganz unmerklich. Und wer da weiß, wie und durch wen der Hilfsverein ins Leben trat, wer die vorsichtigen, fastenden Versuche kennt, deren sich ihre Leiter oder vielmehr ihr Leiter bedienen mußte, bis es ihm gelang, sein informatorisches, mehr als zur Hälfte hebräisches Schulsystem in Palästina durchzuführen — wer all dies weiß, wird die Herren des Hilfsvereins unter keinen Umständen beschuldigen, daß sie die Absicht gehabt hätten, irgend jemand hinters Licht zu führen. Von einer Täuschung und Spiegelfechterei konnte hier schlechterdings nicht die Rede sein, sondern es handelte sich in der Tat um ein neues System, das eben ein Uebergangssystem war und aus diesem Grunde nicht folgerichtig sein konnte, da ja auch die Schöpfer dieses Systems nur zur Hälfte die Wahrheit einsahen. Ich bin überzeugt, wenn Palästina im letzten Jahrzehnt sich nicht in so völlig überraschender Weise entwickelt hätte, wenn dort in letzter Zeit nicht Schulen entstanden wären, die in ihrem Lehrplan und in ihrem ganzen Geiste den Erfordernissen der ganz zu Ende gedachten Wiedergeburtsbewegung entsprechen, dann würde der Hilfsverein noch heute in Palästina die Alleinherrschaft ausüben und es würde ihm nicht im Traume einfallen, die Hand an das eigene Werk zu legen. In der ersten Zeit versuchte der Hilfsverein noch auf die von den Bannerträgern des zionistischen Gedankens begründeten neuen Anstalten von oben herab zu sehen, allein das Leben zwang ihn, diesen Anstalten Rechnung zu tragen. Die ersten zionistischen Schulen sahen sich einer doppelten Mission gegenüber. Zunächst kam in ihnen das Bestreben nach völliger Freiheit, nach einer vollen, das ganze Leben umfassenden hebräischen Kultur zum Ausbruch, sodann offenbarte sich in ihnen auch der Kampf gegen das System der Philanthropie. Diese Schulen waren die ersten, die nicht nur die Schüler, sondern auch die Eltern erzogen. In Palästina begann man mit einem Male, Schulgeld zu bezahlen! Man unterschätze diesen Umstand nicht: die aus der Knechtschaft in die Freiheit ziehen, gedenken immer „der Fische, die sie in Aegypten umsonst genossen haben." Diese neue Lage der Dinge brachte den Hilfsverein in Verlegenheit. Die öffentliche Meinung schreitet siegreich vorwärts und begnügt sich nicht mehr mit Brosamen, ja sie erhebt zuweilen ihre Stimme und ruft gebieterisch nach Ganzheit, Ganzheit im Leben und Ganzheit in der Schule- Es blieben dem Hilfsverein also nur zwei Wege offen: er mußte entweder mit der Zeit fortschreiten und den Uebergang in die neue Epoche, die Epoche der vollen Renaissance mitmachen, — oder den Rückzug antreten. Der deutsch-jüdische, philanthropische Hilfsverein mit seinem Uebergangscharakter konnte unmöglich der Fahne des Wiedergeburtsgedankens, die in Wahrheit die Fahne des Zionismus ist, ewige Treue schwören. Ist er ja nicht umsonst seinem innersten Wesen nach eine Kompromiß-Organisation, eine Organisation, die die Negation der Ganzheit, der Unbedingtheit auf ihre Fahne geschrieben hat. Charakteristisch ist, daß selbst in dem Lehrplan der Hilfsvereinsschulen die Unterrichtssprache gar nicht erwähnt ist. Der Hilfsverein hat eben keine „Fahne", er kennt keine bestimmte Unterrichtssprache für seine Schulen, sondern alles hängt von den zeitlichen und örtlichen Umständen ab. So trat denn der Hilfsverein den Rückzug an. Es ist wohl eine feststehende Tatsache, daß er für die Wiederbelebung der hebräischen Sprache in Palästina viel geleistet hat, aber er hat sich verrechnet. Er hatte sich eingebildet, daß er die Kraft haben würde, dem Hebräischen Schranken zu setzen und unserer Sprache zu diktieren: Bis hierher und nicht weiter. Er bedachte aber nicht, daß der Geist sich nicht reglementieren läßt, daß er, einmal entfesselt, keine Herren über sich duldet. Und gerade deswegen, weil die Leiter des Hilfsvereins die Ueberzeugung erlangten, daß sie selber, durch ihre Zugeständnisse dem Hebräischen gegenüber, die gewaltige Gährung auf dem Gebiete des Erziehungswesens hervorgerufen hatten, erschraken sie vor ihrem eigenen Werk und wollten die Geister, die sic riefen, wieder los werden. Damit verrechneten sie sich aber zu zweiten Male. Sie hatten geglaubt, da sie nunmehr an die Eröffnung einer Hochschule gingen, würde es ihnen gelingen, mit Hilfe pädagogischer und kultureller Scheingründe die hebräische Sprache bis zur völligen Verbannung aus der Hochschule und bis zur Anweisung eines bescheidenen Plätzchens in der Vorhalle dieser Hochschule zurückzudrängen. Sie hatten geglaubt, daß der bloße Umstand der Eröffnung einer jüdischen Hochschule in Palästina die öffentliche Meinung blenden und sie alle Fehler übersehen lassen würde. Wohl versuchte man, den Leitern des Hilfsvereins während vieler Jahre begreiflich zu machen, daß ihnen auf diesem Wege keine Lorbeem blühen werden, wohl versuchte man auch, um dem unausbleiblichen Kampfe zu entgehen, nach Möglichkeit Konzessionen zu machen, allein alle Vorstellungen, alle Warnungen und alles Entgegenkommen war vergeblich Die Herren bildeten sich eben ein, Palästina werde sich beugen. Palästina hat sich nicht gebeugt, weil es an die Macht des Wiedergeburtsgedankens und an die Macht unseres Volkes glaubt. Es glaubt fest und unverbrüchlich, daß ein Volk nicht von Wohltaten lebt und daß die nationale Renaissance nicht auf dem Boden der Philanthropie erblühen kann Und Palästina, der lebensfrische, zukunftsfrohe neue Jischub, unsere wackeren Pioniere rufen uns zu: Nehmt wenigstens von der Feme an unserem Renaissance-Werk teil! Alle Spenden sind uns verhaßt, wir fordern von Euch eine Steuer, die Steuer für unsere Wiedergeburt, gewissermaßen die Militärsteuer, zu deren Abgabe alle diejenigen verpflichtet sind, die nicht selbst aktiv im Heere dienen. Laßt uns in so ernster Stunde nicht an Personen denken, laßt uns diesem heiligen Kampfe nicht die Seele, nicht die innere Schönheit und Weihe rauben! Wir haben hier auf der einen Seite eine tiefe Tragödie vor uns, auf der anderen Seite ein erhebendes historisches

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