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Die Welt · 1913-12-25 · 52 (25.12.1913) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
52 (25.12.1913)
Date
1913-12-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1748 D1ETOTELT Nr. 52 haben sich von dem frischen und lebenskräftigen neuen Jischub, von seinen Schöpfern und Vollendern abgewandt und suchen die Gunst der „Chassidim" und „Peruschim" ru gewinnen. Und wie das System des Hilfsvereins, so ist die natürliche Ordnung der Dinge auf den Kopf gestellt worden: die Approbation für das Hebräische erteilten vormals die Leiter des Hilfsvereins in der deutschen Reichshauptstadt, die Approbation für das Deutsche erteilen nunmehr die Schmarotzer in der heiligen Stadt Jerusalem. Der innere Widerspruch liegt auf der Hand. Das Verhalten des Hilfsvereins erscheint unverständlich, ja geradezu rätselhaft. Viele mühen sich ab, des Rätsels Lösung zu ergründen. Ich spreche hier nicht von den jüngsten Vorfällen in Jerusalem, die man sich nur durch die Trübung des Urteilsvermögens in einer Zeit der außerordentlichen Erregung erklären kann — eine geistige Störung, die die Leiter des Hilfsvereins jn ihrer Verzweiflung die Grenzen des Erlaubten verkennen ließ. Mich beschäftigt jetzt nur das System des HilfsVereins und seine Wandlungen, und zwar interessieren mich in erster Reihe die notwendigen inneren Beweggründe, die den Hilfsverein soweit gebracht haben — bis zur Untreue gegen sich selber, bis zur Verleugnung aller seiner Grundsätze. Und wenn jetzt einzelne den Hilfsverein der Unredlichkeit oder der bewußten Täuschung zeihen, wenn manche glauben, daß die Leiter des Hilfsvereins während ihrer ganzen langjährigen Tätigkeit im Lande ihre wahren Absichten geflissentlich verhüllten und abwarten wollten, bis der Hilfsverein seine Position im Lande genügend gefestigt haben würde, daß aber in Wirklichkeit diese Herren niemals irgendwelche Sympathien für das Hebräische empfanden und ihr scheinbar gegenteiliges Verhalten nur den Zweck hatte, Einfluß auf die jüdische Öffentlichkeit zu gewinnen, — wenn einzelne unter uns so denken, so befinden sie sich entschieden im Irrtum. Keine Organisation der Welt hat noch jemals eine derartige Taktik verfolgt; man kann ja nicht zehn Jahre lang eine Maske tragen und im Emst glauben,;daß man durch derartige Mittel einen Uebergang vom „Heiligen" zum „Unheiligen" schaffen kann. Nur Neulinge in der Politik brächten es fertig, derlei Schleichwege zu gehen; wir haben aber keinerlei Grund, die Leiter des Hilfsvereins für so naiv zu halten. Es gibt ja nur zwei Möglichkeiten: entweder wußten die Leiter des Hilfsvereins, daß sie durch Konzessionen an das Hebräische ihren Einfluß auf die jüdische Oeffentlichkeit vergrößern können, — dann mußten sie ja auch wissen, daß ihr Einfluß von ihrem Verhalten zur hebräischen Sprache abhängig sei. Oder aber die Herren vom Hilfsverein kalkulierten, es würde ihnen im Laufe der Zeit möglich sein, die öffentliche Meinung durch andere Vorzüge ihrer Arbeit für sich einzunehmen, ohne daß sie ihre Zuflucht zum Hebräischen nehmen müßten: dann wäre nicht einzusehen, weswegen sie von allem Anfang an einen Bund mit der hebräischen Sprache schlossen, wenn sie von vornherein wußten, daß dieses Bündnis nicht von Dauer sein kann. Es bliebe also nur noch eine dritte Eventualität: die Leiter des Hilfsvereins mochten geglaubt haben, daß Palästina sich im Laufe der Zeit soweit entwickeln würde, daß es von selbst zur Erkenntnis gelangte, das Hebräische könne bloß die Elemente der Kultur vermitteln, ein geistiger Fortschritt sei aber ohne die Herrschaft einer europäischen Sprache und Kultur nicht möglich; mit anderen Worten, die hebräische Kultur reiche bloß für die Ausbildung in Kindergärten und "Bürgerschulen aus, sei aber für die Lehrziele höherer Unterrichtsanstalten oder gar Hochschulen unzulänglich. Die Leiter des Hilfsvereins mochten also angenommen haben, es würde ihnen, wenn die Bevölkerung Palästinas erst die volle Reife erlangt hat, leicht fallen, in den höheren Schulen des Landes die deutsche Sprache zur herrschenden zu machen, worauf die Volks- und Mittelschulen eben dem Beispiel der höheren Kultur folgen würden. Wäre aber dies die wahre Meinung dieser Herren gewesen, warum haben sie dann bei jeder Gelegenheit die Einführung der französischen Unterrichtssprache in den Schulen der Alliance verurteilt, warum haben sie immer wieder auf die Gefahr hingewiesen, die dem palästinensischen Kolonisationswerk von einer solchen falschen Methode droht? Sie mußten sich ja sagen, daß sie durch eine derartige Kritik sich ins eigene Fleisch schnitten, da die Einführung der deutschen Unterrichtssprache an Stelle der französischen an der Sache selbst absolut nichts ändert, die Gegner einer fremden Unterrichtssprache ihnen also unfehlbar ihre eigenen Argumente gegen das Französische Vorhalten würden. Allein in Wirklichkeit liegt hier weder eine Irreführung der öffentlichen Meinung, noch ein bewußt auf ein bestimmtes Ziel hin angelegter Plan, noch auch gewöhnliche Bauernschlauheit oder verschmitzte „Taktik" vor, vielmehr liegen den Vorgängen, die die Krisis der Hilfsvereinsschulen in Palästina hervorgerufen haben, tiefere Ursachen zugrunde. Diese Krisis ist keine zufällige und unvermittelte, wie viele glauben, sondern sie stellt sich als eine notwendige Folge der Entwicklung des palästinensischen Kolonisationswerks in den letzten zehn Jahren dar. Und ebensowenig wie diese Entwicklung sich mit einem Male vollzog, entstand auch die Krise des Hilfsvereins nicht von gestern auf heute. In der Entwicklung der Völker gibt es keine plötzlichen Uebergänge, immer sind Brücken da, die von einer Epoche zur anderen überleiten, und zuweilen können die Erbauer einer solchen Brücke sich mit dem Gedanken nicht abfinden, daß sie überflüssig geworden ist, nachdem diejenigen, für deren Ueberführung sie erbaut worden ist, auf Nimmerwiederkehr nach dem jenseitigen Ufer gelangt sind und ihrer nie wieder bedürfen werden. Geschichtliche Entwicklungsvorgänge spielen sich nicht im Raum, sondern in der Zeit ab und die Brückenübergänge von einer Epoche in die andere sind nicht für Passanten bestimmt, die hin und zurück gehen, sondern sie führen nur nach einer Richtung — vorwärts! Daraus ergibt sich für die Erbauer solcher Brückenübergänge eine tiefe Tragik, wenn sie an ihrem einmaligen Standorte verharren und an dem allgemeinen Fortschritt nicht teilnehmen. Zwei Momente sind es, die die zionistische Organisation gemäß den Aufgaben, die sie sich gestellt hat, von den anderen jüdischen Organisationen unterscheiden. Erstens ist sie im Gegensatz zu dem bloß Jüdischen hebräisch, zweitens im Gegensatz zu dem rein Philanthropischen politisch. Die Alliance Israelite Universelle ist jüdisch, das heißt französisch-jüdisch und „wohltätig". Der Hilfsverein wurde als Verbindungsglied, als ein Brückenübergang geschaffen. Einerseits nahm er die Besitztümer der alten Epoche in sich auf, andererseits war er ein klein wenig bemüht, sich den Lebensbedingungen des neuen Renaissance-Zeitalters anzupassen. Es lag in der Natur der Dinge, namentlich in den natürlichen Entwicklungsvorgängen des jüdischen Lebens, daß diese neue Organisation ein Janus-Gesicht annehmen mußte. Eine Brücke schwebt zwischen zwei Ufern, aber sie verbindet diese und muß gewissermaßen dem diesseitigen wie dem jenseitigen Ufer gerecht werden. Und es ist ja kein bloßer Zufall, daß der Hilfsverein gerade in der jetzigen Uebergangszeit aus dem Westen nach unseren Orient zog. Jerusalem war noch ganz in den abgründigen Untiefen der Philanthropie versunken, und das Schnorrertum hatte noch nicht seinen ganzen Zu-

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