Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 51 (19.12.1913)
- Date
- 1913-12-19
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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LT 1732 Ein Interview mit Henry Morgenthau Henry Morgenthau, der neue Gesandte der Vereinigten Staaten für Konstantinopel, hat auf seinem Wege nach dem Orient einem Vertreter des „Jewish Chronicle“ in London ein Interview gewährt, bei dem er einige interessante Angaben über seine eigene Person und die Auffassung seiner Aufgaben in seiner neuen Stellung gemacht hat. Mr. Morgenthau stammt aus Mannheim und kam in seinem neunten Lebensjahr nach Amerika. Er besuchte dort eine öffentliche Schule und war eine Zeit lang als Jurist tätig. Heber die Stellung des Präsidenten Wilson zur Judenfrage äußerte sich Mr. Morgenthau folgendermaßen: „Präsident Wilson empfindet große Sympathie und hohe Achtung für das jüdische Volk, und meine Berufung nach Konstantinopel war zweifellos ein Ausdruck seiner judenfreundlichen Gesinnung. Während seiner ganzen Amtszeit wird Wilson sicherlich alles tun, um eine Unterscheidung zwischen Juden und anderen Bürgern der Vereinigten Staaten zu verhindern. Das erklärt natürlich, weshalb so viele Juden für Wilsons Wahl gestimmt haben.“ Ueber sein künftiges Verhalten in jüdischen Fragen äußerte sich Mr. Morgenthau im folgenden Sinne: „Gerade als Jude wird mich gewiß vieles in Konstantinopel reizen; die orientalische Atmosphäre wird mich sicherlich fesseln. Ich gedenke, in nahe Beziehung zu der jüdischen Gemeinde in Konstantinopel zu treten, und wenn ich natürlich auch in erster Linie stets der amerikanische Botschafter sein werde, so können sich meine Stammesgenossen doch darauf verlassen, daß ich, wo immer und wann immer ich kann, meinen Einfluß in Konstantinopel in ihrem Interesse geltend machen werde. Ich werde übrigens auch Palästina besuchen, wozu mir die Herren Wilson und Biyan gern ihre Zustimmung erteilt haben. Meine Palästinareise wird gewissermaßen offiziellen Charakter tragen, denn ich gedenke als amerikanischer Botschafter jüdischen Glaubens hinzugehen. Ich bin außerordentlich gespannt, die Verhältnisse in Palästina persönlich kennen zu lernen und mich an Ort und Stelle davon zu überzeugen, in welcher Weise man die Wiedergeburt unseres alten Landes fördern kann. Ich gehe mit keinerlei vorgefaßter Meinung hin, aber mit dem starken Gefühl, das unser ganzes Volk mit Palästina verknüpft. Natürlich kann ich Definitives über die Gestaltung meiner Arbeit noch nicht sagen, aber nächst meiner Pflicht gegen Amerika und seine Regierung werde ich mich stets der Interessen des jüdischen Volkes annehmen. Der bekannte New Yorker Rabbiner, Dr. Stephen S. W i s e, hatte neulich eine Unterredung mit Präsident Wilson, bei der der Präsident betonte, daß sowohl er wie der Staatssekretär Bryan noch immer darauf rechnen, einen neuen Handelsvertrag mit Rußland durchsetzen zu können, demzufolge alle Pässe amerikanischer Bürger „ohne Rücksicht auf ihre Religion und Rasse“ von Rußland anerkannt werden. Antisemitische Krawalle in Rumänien Am letzten Sonntag ist es in Jassy, der zweitgrößten Stadt Rumäniens, zu großen Krawallen gekommen. Die Sozialisten hatten, dem „B. T.“ zufolge, eine Versammlung mit der Tagesordnung „Expropriation, allgemeines Wahlrecht, Judenfrage“ einberufen. Nationalistische Studenten drangen in den Saal, um die Abhaltung der Versammlung zu verhindern. Rufe „Nieder mit den Juden!“ wurden ausgestoßen. Es kam zu einem Handgemenge zwischen den Arbeitern und den Eindringlingen, bei dem über 20 Personen aus beiden Lagern verwundet wurden. Der Saal wurde gänzlich verwüstet. Die Polizei schritt dann ein und zerstreute die Menge. Die Demonstranten durchzogen darauf unter antisemitischen Rufen die Hauptstraßen der Stadt, die von berittener Gendarmerie bewacht wurden. Am Abend hielt die Nr. 51 Arbeiterschaft eine Protestversammlung ab und protestierte beim Ministerpräsidenten telegraphisch gegen die Vorkommnisse und gegen die parteiische Haltung der Polizei. In der Stadt ist die Erregung sehr groß. In Bukarest ist es infolge der antisemitischen Hetzarbeit bis zu einer Pogrompanik gekommen. Bei einer jüngst abgehaltenen antisemitischen Volksversammlung wurde die Haltung äußerst bedrohlich; die Stimmung richtete sich besonders gegen den Orden Bnei B r i t h , den die Provokateure als eine Art von Verschwörerbande hinstellen, deren Mitglieder aus dem Lande verwiesen würden. Anfangs gelang es den vereinten Kräften von Polizei und Militär, tätliche Angriffe zu verhindern, schließlich sprengte aber die Masse den Polizeikordon und verübte eine Reihe grober Ausschreitungen. Ein jüdischer Minister (Von unserem Pariser Korrespondenten) Das letzte französische Ministerium, das wegen seines allzu sichtlichen Liebäugelns mit der Reaktion das Feld räumen mußte, zählte bekanntlich unter seinen Mitgliedern einen Juden, Herrn Klotz, Minister des Innern. Dieser Umstand gab, wie immer, Anlaß zu Jubelhymnen der offiziellen und sonstigen „Israeliten“, die in der Erhebung eines der Ihrigen zu einem so hohen Posten das endgültige Verschwinden des Antisemitismus sehen, während dieser sich in Wirklichkeit lautlos in allen Schichten der Bevölkerung ausbreitet. Sonst vermeiden in der Regel jüdische Minister, die ja in Frankreich nicht gerade eine Seltenheit sind, peinlich jede Stellungnahme zu jüdischen Fragen. Herr Klotz strebte aber nach dem Ruhme, seine Meinung freimütig zu äußern, und er tat dies in einer Weise, die auf seine jüdischen Verehrer wie eine kalte Dusche wirkte. Während der Londoner Konferenz, als die jüdische öffentliche Meinung und hervorragende Nichtjuden die elende, aller Zivilisation hohnsprechende Lage der Juden in Rumänien auf die Tagesordnung zu bringen versuchten, wollte es der Zufall, daß der rumänische Minister Take Jonescu, auf seiner Suche nach einer Anleihe, Herrn Klotz die Ehre erwies, sein Gast zu sein. Der Gedanke lag nahe, daß im Laufe des politischen Gespräches die Rede auch auf die systematische Entrechtung der Juden kommen würde und daß Herr Klotz als Jude und Minister eines Kulturstaates, die richtigen Worte fände, seinem Kollegen aus Halbasien die Meinung der ganzen zivilisierten Welt auszusprechen. Die antisemitischen Blätter warfen ihm schon vor, seine Stellung als Minister der Republik mißbraucht zu haben, um „im Dienste des internationalen Judentums“ den Vertreter der edlen Balkannation mit solch kompromittierenden Fragen zu belästigen. Sie hatten sich getäuscht, die Naiven! Sehr rasch brachte der „Temps“ ein Dementi, wonach die Frage der Juden in Rumänien keineswegs in den Gesprächen der beiden Staatsmänner berührt worden war. Jene Frage, die der Führer der republikanischen Partei nach Luzzatti „den Schandfleck der Zivilisation“ genannt, wird von dem Juden Klotz „nicht berührt“! Diese Verbeugung vor den antisemitischen Blättern schien den gewünschten Erfolg nicht bewirkt zu haben. Herr Klotz beschloß, zur Offensive überzugehen. Kurz vor dem Sturze des Kabinetts suchte und fand er die Gelegenheit, mit dem royalistischen und antisemitischen Senator Gaudin de V i 11 a i n e , der wohl der reaktionärste Parlamentarier Frankreichs ist, über den Antisemitismus zu diskutieren. Er schloß die Unterredung, wie die „Libre Parole“ schmunzelnd berichtet, mit folgenden Worten: „Wie sehr haben Sie recht, diese kosmopolitische Einwanderung zu bekämpfen, die unter dem Schutze unserer blödsinnigen Zwistigkeiten und seit unserer Niederlage im vergangenen Jahrhundert in unser Land einschlüpft, und wozu — ich bitte Sie, mir zu glauben — ich nicht gehör e.“ Es braucht wohl nicht besonders betont zu werden, daß die antisemitischen Blätter über diesen feigen Versuch des Herrn DIESq&E