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Die Welt · 1913-12-19 · 51 (19.12.1913) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
51 (19.12.1913)
Date
1913-12-19
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1730 Nr. 51 DIE3§KELT tischen Reden, in welchen den „Wiener Juden“ zugemutet wird, gemeinsam mit den Christlich-sozialen die in Wien lebenden Juden aus Galizien zu bekämpfen, erhob sich Herr Stein zu einer förmlichen Huldigungsrede für den Bürger- Er beteuerte, daß sich die Wiener Juden vollständig assimiliert hätten und echte Deutsche seien, und stellte fest — man begreife den Zusammenhang! — daß er auf der Seite des Bürgermeisters in seiner Interpellationsbeantwortung betreffend die Schädigung des einheimischen Kaufmannsstandes durch fremde Elemente stehe. Dem famosen nationaldeutschen Israeliten vom Kai genügte es aber nicht, derart die überaus zahlreichen in Wien ansässigen ga- Iizischen Juden preiszugeben. Er fiel der ganzen freiheitlichen Opposition in den Rücken, belehrte sie unter dem Beifall der Christlichsozialen, daß der Kampf gegen „den Mann auf dem kurulischen Stuhle“ mit Respekt und Objektivität zu führen sei und gab der Ueberzeugung Ausdruck, daß es Dr. Weißkirchner (der fast täglich judenfeindliche Reden hält und zum Boykott der jüdischen Mitbürger in jeder Form auffordert!) mit der „Zusammenfassung der bürgerlichen Bevölkerung und vielleicht der ganzen Bevölkerung" ehrlich meint. . . . Wir wenden uns mit Ekel ab, wenn Herr Stein immer wieder die Christlichsozialen anwinselt, „vom leidigen Antisemitismus zu lassen“ und überlassen es seinen Wählern, mit diesem famosen Propagator Dr. Weißkirchners abzurechnen. Die politische Auslandstätigkeit der Anglo-Jewish Association (Von unserem Londoner Berichterstatter.) Eine Debatte, die in der letzten Sitzung der Anglo-Jewish Association stattfand, hat die ganze Art der politischen Tätigkeit für die ausländischen Juden, wie sie in England durch das sogenannte Conjoint Foreign Committee betrieben wird, klargelegt. Dieses Komitee, das aus Vertretern der Anglo-Jewish Association und des Board of Deputies besteht, ist in seinen. Befugnissen ganz selbstherrlich, und die öffentliche Rechenschaft, die es dann und wann ablegt, ist nur formell. Dabei ist es den Eingeweihten bekannt, daß das Komitee von den Meinungen und Wünschen ganz weniger Personen beherrscht wird, so daß die öffentliche jüdische Meinung gar keinen Einfluß auf seine Entschließungen ausübt. So war z. B. für die Frage, ob in London eine Protestversammlung gegen den Ritualmordprozeß in Kiew abgehalten werden sollte, der Umstand entscheidend, daß in Paris gewisse Leute bestimmt hatten, daß Protestversammlungen nicht ratsam wären. So sagt Mr. Claude G. Montefiore, der Präsident der Anglo-Jewish Association selbst! Unser Gesinnungsgenosse Mr. Joseph C o w e n , der die erwähnte Debatte einleitete, schlug vor, den Vertrag mit dem Board of Deputies zu lösen, damit die Anglo-Jewish Association die Arbeit für den Schutz der Juden im Auslande, für welchen Zweck diese Gesellschaft ursprünglich gestiftet wurde, selbst in die Hand nehme. In einer Rede, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ, und dadurch ihren Zweck schon halb erreicht hatte, legte er die Gründe für seinen Vorschlag dar. Er wurde offen nur von wenigen unterstützt, aber W. Isaac Selig man, der Schatzmeister, sprach sein Bedauern aus, daß die Vertreter der Anglo-Jewish Association und der Board of Deputies sich ostentativ von dem Beilis-Protestmeeting, das von der English Zionist Federation veranstaltet wurde, femhielten. Er meinte, es wäre besser gewesen, wenn sie in einem solchen Augenblick sich nicht in den Schmollwinkel gestellt hätten. Mr. Elkan N. Adler, der besonders gegen Mr. Cowen auftrat, meinte, daß es unangebracht wäre, die englische Regierung mit jüdischen Angelegenheiten zu belästigen, wenn sie mit viel „wichtigeren“ Dingen beschäftigt sei. „Camperdown House“ Die Eröffnung eines großen Klubhauses für die jüdische Jugend im East End Londons, durch Lord M i 1 n e r s unter dem Vorsitz von Mr. Leopold de Rothschild, hat die Frage des jüdischen Charakters dieser Jugendklubs aufs Tapet gebracht. Auch der neue Jugendklub im East End geriert sich als „interkonfessionell*, obwohl er ganz von Juden erbaut und erhalten wird, und von den Besuchern neben den hunderten jüdischer junger Leute ganze drei Christen sind. So war auch die Eröffnung „interkonfessionell“, d. h. unjüdisch, obwohl eine Anzahl der bewußt-jüdischen Leiter es sich nicht nehmen ließen, in aller Stille zwei Tage vorher eine religiöse Einweihung zu veranstalten. Dazu soll das Klubhaus ausgerechnet „Camperdown House“ benannt werden, weil vor einigen Jahrhunderten auf diesem Platz ein Lord Camperdown seinen Wohnsitz hatte. Welch’ eine zarte Pietät von der Jugend russisch-jüdischer Abstammung, die sich im Camperdown House tummeln wird! Umsomehr ist es zu begrüßen, daß der berühmte Mathematiker Dr. Selig Brodetsky, unser Gesinnungsgenosse, und selbst ein East Ender, für die Schaffung eines „jüdischen Klubs“ in diesem Stadtteil, agitiert. Er will ein Zentrum für die selbstbewußten jungen Juden schaffen, das uns und für die Zukunft von Nutzen sein wird. Dieser Klub wird die reifere Jugend sammeln und sie heranbilden. Die Schritte, die von Dr. Brodetsky, Mr. S. B. Rubenstein und anderen zur Schaffung eines solchen Klubhauses unternommen worden sind, haben viele Sympathien wachgerufen, und es steht zu hoffen, daß auch die nötigen materiellen Mittel aufgebracht werden. Budapester Gemeindewahlen Aus Budapest berichtet uns unser dortiger Berichterstatter: Bekanntlich ist Budapest mit seiner jüdischen Einwohnerzahl von über 200 000 Seelen eine der größten jüdischen Gemeinden der Welt. Die jüdischen Gemeinden Ofen und Altofen, die noch vor der im Jahre 1873 durchgeführten Vereinigung dieser Städte mit Pest bestanden, haben ihre Selbständigkeit bewahrt und üben auf dem Gebiete ihres alten Wirkungskreises ihre Funktionen weiter aus. Es existiert hier ferner eine autonome orthodoxe Gemeinde und auf dem Gebiete des entlegenen X. Stadtbezirkes eine gleichfalls selbständige Gemeinde mit eigenem Wirkungskreise. Diese vier kleinen offiziellen jüdischen Gemeinden haben aber eine verhältnismäßig geringe Mitgliederzahl gegenüber der mächtigen Pester Israelitischen Kultusgemeinde, die die stattliche Anzahl von fast 36000 Steuerzahlern aufweisen kann. Allerdings sind von diesen Steuerzahlern nur etwa 16000 inkorporierte Mitglieder der Gemeinde, der weitaus größere Teil glaubt seiner Verpflichtung gegen das Judentum mit der — übrigens gesetzlich obligatorischen — Zahlung des Kultusgemeindebeitrages zu genügen und hält die Erwerbung der Mitgliedschaft für überflüssig. Von den 16000 Gemeindemitgliedem besitzen das Wahlrecht gegenwärtig blos 9600, nämlich nur diejenigen, die mit der Zahlung des vorjährigen Kultusgemeindebeitrages nicht im Rückstände sind, also bloß etwas mehr als ein Viertel sämtlicher Steuerzahler. Diese Daten dürften aus Anlaß der am 7. d. M. abgehaltenen Neuwahl der statutenmäßig ausscheidenden Hälfte der Gemeinderepräsentanten von Interesse sein. Diese „Wahl**, bei welcher 129 Repräsentanten zu wählen waren, bot das Bild einer Indolenz der Judenschaft, wie wir sie bisher selbst in Budapest niemals wahrzunehmen Gelegenheit hatten. Bisher wurden bei Gemeindewahlen etwa 1000 bis 1200 Stimmen aufgebracht, die jüngste Wahl vereinigte aber ganze 450 Stimmen, wovon etwa 100 von den Kandidaten selbst, 100 weitere von den anwesenden Gemeindebeamten abgegeben wurden .... Diese lächerliche Wahlbeteiligung ist zum Teile auch der

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