Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 51 (19.12.1913)
- Date
- 1913-12-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 51 die^elt richtung derartiger Mädchenvereine spreche, so meine ich durchaus nicht, daß durch diese schon eine so radikale Beeinflussung der weiblichen Jugend möglich wäre; vielmehr sagte ich schon, daß das Wichtigste immer die individuelle Werbung persönlicher Beziehungen ist. Aber da man solche nicht künstlich herstellen kann, soll der Verein eine Sammelstelle sein; die Mädchen, die oft die Zwecklosigkeit all ihrer äußerlichen Bildung (Klavier, Französisch u. ä.l) und ein Gefühl des Ueberflüssigseins empfinden, sollen eine Stätte freier Aussprache über alles, was sie bedrückt, haben; und sie werden dann, sobald sie nur erst an dem Altgewohnten irre geworden sind und zu fragen beginnen, die Lebensaufgabe, die sich ihnen weist und ihrem Leben eine Richtung gibt, freudig begrüßen und die 1729 Verantwortung als eine Erhöhung ihres Lebens empfinden. Natürlich ist hier nur von den Besten der Mädchen die Rede, wie ja auch von den Männern nur wenige wirklich ganze Zionisten sind; aber auf diese Besten eben kommt es an. Zionismus ist Auslese. Die Einrichtung solcher Mädchenvereine, die durchaus ernst genommen werden müssen, soll von Männern geleitet werden, schon weil die Kräfte der Frauen meist nicht ausreichen werden. Und ich weiß auch sehr wohl, wie schwer zu lösen diese Aufgabe ist und daß es schließlich nicht so sehr auf Programme, die sich nicht einmal ganz genau geben lassen, sondern vor allem auf die Menschen ankommt, die sie ausführen. An diese Menschen soll hier die Anregung ergehen. □□□□□□ WELTCHRONIK □ □□□□□ jj Der Kampf um Anerkennung der jüdischen Nationalität in Oesterreich Die Gemeindewahlreform in Czernowitz — Abg. Straucher beim Minister — Der Standpunkt der Regierung Als sich im Jahre 1909 anläßlich der bukowinischen Landtagswahlreform die Vertreter sämtlicher fünf Volksstämme der Bukowina im Interesse des Friedens und eines gedeihlichen Zusammenwirkens darüber einigten, auch eine eigene Nationalkurie für die Juden zu errichten, welche die drittgrößte Nation im Lande sind, wußten die vereinigten Wiener und Lemberger Assimilanten das Friedenswerk zu hintertreiben. Noch bevor der betreffende Beschluß des Bukowinaer Permanenzausschusses ins Ministerium des Innern gelangt war, hatten die Gomperz, Löwenstein, Kuranda, die „Neue freie Presse" und die „österreichisch-israelitische Union" durch Petitionen, Memoranden, Resolutionen und mündliche Vorstellungen bewirkt, daß die Regierung nicht gewährte, was alle Beteiligten in voller Harmonie mit den Juden gefordert Nun wird die Frage der jüdischen Kurie, anläßlich der Gemeindewahlreform in Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina, von neuem aktuell. Selbstverständlich sind ebenso wie im Jahre 1909 alle kompetenten Faktoren darüber einig, daß die jüdische Kurie notwendig, nützlich und daher wünschenswert ist. Einer Deputation des Czemowitzer Gemeinderats gegenüber, die unter Führung des Abg. Dr. Straucher und des bewußt-jüdischen Bürgermeisters Dr. Weißeiberger im Ministerium des Aeußem vorsprach, äußerte sich Minister Freiherr v. Heinold über diese Frage, die er selbst zur Sprache brachte. Er betonte, die Schwierigkeiten einer Mo- - dernisierung der Czemowitzer Gemeindewahlordnung beständen darin, daß der deutsche Kataster auch die Juden umfasse. Abg. Dt. Straucher fragte hierauf, warum sich die Regierung nicht zu der einzig billigen und gesunden Maßnahme entschließe: zur Anerkennung der Juden als Nation. Es ist nun interessant, daß die Hintertreppenpolitik der assimilatorischen Kreise im Jahre 1909 noch heute nachwirkt und die Regierung in ihrer Amtsführung beeinflußt. Baron H e i n o 1 d erwiderte nämlich, daß er nach Aeußerungen, die von jüdischer Seite aus Wien, Mähren und Galizien vorliegen, annehmen müsse, die generelle Anerkennung der tudischen Nation als solcher wäre der Mehrheit der J uden in den andern Ländern Oesterreichs nicht erwünscht, eine solche Anerkennung aber für die Bukowina allein würde sich nicht rechtfertigen lassen. Man sieht, die Regierung bedient sich bezüglich der so nötigen jüdischen Kurie in der Bukowina immer wieder der Argumente, die ihr von ein paar Assimilanten, hinter denen niemand steht, seinerzeit eingegeben wurden. Dieselben Einwände machte der Amtsvorgänger Baron Heinolds, Minister. H a e rd11 einer Deputation des „Jüdischen Nationalvereins für Oesterreich" gegenüber geltend, die ihm ein ausdrückliches Memorandum überreicht hatte. Diese Argumentation wird aber am besten durch die Tatsache widerlegt, daß schon seit vier Jahren die jüdische Kurie im bosnischen Landtag besteht, ohne daß sie die Deutschnationalen und polnischnationalen israelitischen Politiker irgendwie behindert hätte. Es ist also nicht einzusehen, warum der einen Reichsprovinz vorenthalten bleiben soll, was sich in der andern vollauf bewährt hat. Abg. Straucher ermangelte natürlich nicht, auf das bosnische Beispiel hinzu weisen und seine Verwunderung darüber auszudrücken, daß das Ministerium die Meinung des Herrn Dr. Löwenstein, auf welchen sich Baron Heinold berufen hatte, zu seiner eigenen mache. Eine Volksabstimmung - unter den Juden würde ein anderes Resultat ergeben. Uebrigens werde Dr. Löwenstein von den Polen (Straucher sagte dies in Gegenwart des galizischen Landsmannminister) nicht als Konnationaler ange- Die Anerkennung der jüdischen Nationalität in Oesterreich ist eine Frage der Zeit und durch Löwensteins Quertreibereien nicht zu vereiteln, denn das letzte Wort in dieser Frage, hat das noch nicht organisierte, vielfach zerklüftete jüdische Volk in Oesterreich zu sprechen, dessen Stimme die Regierung gerne hören wird, wenn nur jene unverantwortlichen Faktoren beseitigt sind, welche leider noch immer zwischen ihr und der jüdischen Bevölkerung stehen. Ein Wiener jüdischer Gemeinderat für den christlich-sozialen Bürgermeister Der Thronerbe des „Herrn von Wien," Bürgermeister Dr. W eißkirchner, hat sich nicht zu beklagen. Sein scharfer Antisemitismus sichert ihm dieselbe Popularität, die sein Meister hatte, und nun kommen gar — ganz so wie zu Luegers Zeiten — entartete „Israeliten" gekrochen und lecken ihm förmlich den Speichel. Nur sind die Wiener Juden inzwischen selbstbewußter geworden und schauen den lieben deutschnationalen Stammesbrüdern, die verdächtig um die christlichsoziale Sonne schwenzeln, schärfer auf die Finger. Die Rede, welche der „israelitische" Gemeinderat Stein anläßlich der Beratung des Budgets im Wiener Rathause hielt, ein wahres Kabinettstück assimilatorischer Würdelosigkeit, hat erfreulicherweise in den weitesten jüdischen Kreisen Entrüstung und Abscheu hervorgerufen. Nach antisemi-