Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 51 (19.12.1913)
- Date
- 1913-12-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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1728 Nr. 51 nationalem Wollen reif sein. Ich spreche hier gar nicht davon, daß Werte jüdischer Kultur und jüdischen Wesens der heranwachsenden Jugend vermittelt werden müssen; ja ich glaube sogar, daß diese Judaisierung der Erziehung allein für die jüdische Bewegung sehr wertlos wäre, wenn nicht (im Gegensatz zu der jetzt üblichen Erziehungsmethode) die ganze Erziehung auch von einem lauteren, ernsten Geist erfüllt ist. Und während unsere Mädchen in den meisten Fällen selbst allen jüdischen Wissens entbehren und erst selbst lernen müßten, um anderen etwas vermitteln zu können, werden sie in jenem Sinn durch den jeder Frau angeborenen natürlichen Takt viel leichter das Richtige finden. Sie werden, wenn sie die ganze Tiefe ihrer Mission begreifen, sich von aller Frivolität befreien, die wir als Erbstücke des Liberalismus bewahrt haben und die bei Männern oft nicht einmal der Zionismus auszureißen stark genug war. So kann die Frau dieses jüdische Geschlecht wahrhaft erlösen, und ohne sie wird ihm vielleicht keine Erlösung kommen. Das ist der hohe Beruf der jüdischen, der zionistischen Frau. Sie ist noch nicht da; daß gerade unter den Frauen ein innigeres Verhältnis zu unserer nationalen Sache so selten ist, das liegt vielleicht gerade daran, daß! dieses Verhältnis bei einer Frau ein ganz persönliches sein müßte, während bei den männlichen Zionisten allerhand äußere Momente mitspielen. Und bei dem heute gewöhnlichen Lebensdrang unserer jüdischen Mädchen, als dessen Ziel so ganz und gar nur „Versorgung“ und Bequemlichkeit hingestellt wird, ist die innere Kraft für das außerordentliche Erlebnis, das hier der Zionismus bedeuten müßte, sehr selten. Andererseits liegt dem weiblichen Charakter doch das Revolutionäre fern, und schon infolge des meist geringeren Bildungsgrades und des engeren Gesichtskreises ist die Tendenz zum Hinnehmen des Vorhandenen, ein gewisser Konservativismus den Erscheinungen des Alltags gegenüber, bei der Frau stark. Trotz dieser scheinbaren Befriedigung aber glaube ich, daß die besseren der Mädchen die Leere ihres Lebens drückend empfinden, ja die innere Unbefriedigtheit hier viel öfter vorhanden ist als bei den weniger fein organisierten Männern, die sich leicht der Gewöhnlichkeit und dem Alltag ergeben. Darum glaube ich auch, daß die Schuld daran, daß die Frauen für unser Volk noch nicht bedeuten, was sie bedeuten könnten, zum größeren Teil die Männer tragen; denn der Mann müßte der Handelnde sein, und er müßte durch seine Tat der Frau die Möglichkeit zu einer Mitwirkung in ganz großem Sinne geben, die sie vielleicht in ihrem Herzen ersehnt. Den Mut und die Kraft zu der befreienden Tat, die Zionismus heißt, wird dann der eine durch den anderen erhalten. Auf die Schäden, die die heutige ziellose Art der Mädchenerziehung für unser Volkstum bedeutet, hat Dt. Oskar Epstein in einem aufsehenerregenden Artikel der Prager „Selbstwehr“ („Mischehen“, 11. April bzw. 13. Juni 1Q13) hingewiesen; er hat die ernste Förderung der bestehenden und die Begründung von neuen Mädchen vereinen gefordert, welche die Heranbildung jüdischer Mädchen zu tüchtigen Mitarbeitern an der Wiederbelebung des jüdischen Volkes zum Ziel haben. Ich glaube nun zwar nicht, daß in Vereinen ein so mächtiger Einfluß auf die Entwickelung der Mädchen ausgeübt werden kann; das kann nur durch persönliche Beziehungen, durch Werbung von Mensch zu Mensch der Fall sein. Aber das entzieht sich natürlich einer Regelung; was man organisieren kann, sind immer nur Vereine, und diese sind doch jedenfalls von großer Bedeutung. Die Arbeit dieser Vereine dürfte aber nicht so gemacht werden, daß man den Mitgliedern mechanisch zionistische Wissenschaft, bzw. jüdisches Wissen beizubringen und sie zu gewissen äußeren Tätigkeiten wie N.F-Sammlungen u. ä. zu veranlassen sucht (wiewohl selbstverständlich auch das notwendig ist und auch N.-F-Sammlungen höchst erzieherisch wirken können). Es müßte vielmehr vor allem das Negative gezeigt werden; es müßten Bedenken an der Richtigkeit und Güte der gewohnten Ordnung wachgerufen werden; es müßte das Feste und, sagen wir es nur, auch Liebgewordenes erschüttert werden. Wir müßten zunächst versuchen, in den schlafenden Mädchenherzen* den Sinn für Schönheit und Reinheit und für die Wirklichkeit und die Aufgaben des Lebens und des Menschentums zu wecken. Dann werden diese beunruhigten, hochstrebenden Herzen auch die ganze abgrundtiefe Häßlichkeit unserer, ihrer jüdischen Situation erkennen und ein Schaudern wird sie ergreifen. Es gilt, eine schwere Verantwortung auf sich zu nehmen: Menschen die Zufriedenheit zu rauben, die Sicherheit zu nehmen, bange Fragen wie Abgründe vor ihnen aufzureißen und quälende Zweifel zu wecken. Aber die Verantwortung müssen wir tragen. Denn wir glauben daran, daß dieses Suchen zu einem Finden führen muß und daß die Trägheit als das Schlechte zu Überwinden ist. Nur aus dieser Zerrissenheit, aus dieser Verzweiflung heraus wird die große Wiederaufrichtung möglich sein. „Die Verzweiflung“, sagt Bubers Daniel, „ist der höchste der Sendlinge Gottes; sie bereitet uns zu Geistern, die schaffen und entscheiden können.“ Wenn unsere jüdischen Mädchen es als Unmöglichkeit empfinden werden, in der alten Weise weiter zu leben, wenn sie die Notwendigkeit der Befreiung nicht nur erkennen, sondern zu tiefst fühlen werden: dann sind sie reif für den Zionismus, dessen sittliche Idee sie hoch emporträgt und ihnen heilige Begeisterung zu geben vermag. Wenn wir glauben, daß aus der Assimilation, in der wir mehr oder weniger alle stecken, ein Weg zum Zionismus führt (und Schreiber dieser Zeilen meint sogar, daß nur über die Assimilation — natürlich immer cum grano salis zu verstehen — der Weg zum rechten Zionismus führt, weil, ganz grob gesagt, der Hunger um so größer ist, je weniger man im Magen hat — das ist aber natürlich eine höchst persönliche Ansicht —), so müssen wir auch den Mut haben, ganz offen diesen Weg zu gehen. Ich glaube, daß sehr viel bis jetzt mißlungen ist, weil man sich über die Tatsache der inneren Assimilation wegtäuschen wollte und daher mit der Erziehung auf einer falschen Stufe begonnen hat. Die Mädchen werden durchschnittlich noch weit stärker assimiliert sein als Männer; sie wissen gewöhnlich gar nichts von jüdischen Dingen (während bei manchem Mann doch etwas hängen bleibt) und bringen auch meist sehr wenig Interesse dafür auf, was bei ihrem Erziehungsgang füglich begreiflich ist. Ich glaube aber, daß sich aus allem Großen irgendwie Zionismus lehren läßt, auch aus Goethe und Schiller und Nietzsche und Hölderlin und der griechischen Tragödie; denn Zionist sein heißt vielleicht für einen Juden unserer Zeit nicht mehr und nicht weniger als ein ganzer Mensch sein. Darum müssen wir zunächst allen Nachdruck auf dieses Allgemeine, das Große, Edle, Heroische im Zionismus legen; das ist noch wichtiger als die Pflege jüdischer Werte und die Kenntnis zionistischer Tatsachen, denn es ist das Primäre, und muß erst das Bedürfnis nach solchen Inhalten wecken. Man ging aber meist den verkehrten Weg und gab diese Inhalte, wo das Bedürfnis noch nicht vorhanden war; das hatte zur Folge, daß alles rein äußerlich haften blieb. Was wir aber herbeiführen müssen, ist nicht irgend ein Wissen, sondern eine bestimmte Gemütsverfassung. Wenn wir der jüdischen Jugend die brennende Sehnsucht nach ganzem Menschentum geben und ihnen die Augen für ihr Larvenleben öffnen, dann haben wir die stärkste Kraft für die Realisierung des Zionismus. Es ist gar nicht auszudenken, welche Kraft durch ein ernstes und verständnisvolles Zusammenarbeiten von der Heiligkeit ihrer Aufgabe erfüllter, von einem mächtigen Lebenswillen beseelter Männer und Frauen ausgelöst werden könnte. Die jüdischen Frauen werden ihre Männer auf starken Schultern aus der Gefangenschaft in das gelobte Land tragen, wie einst die Weiber von Weinsberg ihre Männer in die Freiheit trugen. Es ist wohl hoch an der Zeit, daß Einsichtige die Bedeutung dieser Aufgabe begreifen. Wenn ich von der Ein-