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Die Welt · 1913-12-19 · 51 (19.12.1913) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
51 (19.12.1913)
Date
1913-12-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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<\r. 51 1727 DIE3^ELT Protest der jüdischen Seminaristen in Grodno Die Hörerschaft der Lehrerkurse in Grodno veröffentlicht folgende Protesterklärung: . Wir künftigen Erzieher der jüdischen Jugend, die uns der unschätzbaren Bedeutung unserer nationalen Sprache für die Erhaltung des jüdischen Volkes in den Jahrtausenden des Galuth und für seine künftige Wiedergeburt bewußt sind, und die in der Einführung einer fremden Unterrichtssprache an einer wissenschaftlichen Lehranstalt Erez Israels ein durchaus unlogisches, in sich widerspruchsvolles Beginnen erblicken, sprechen mit allem Nachdruck unsere schärfste Erbitterung über den Beschluß des Kuratoriums aus, der unser teuerstes Gut, die Sprache unserer Renaissance im Lande der Renaissance mit dem Untergang bedroht. Wir geben uns der zuversichtlichen Erwartung hin, daß alle national bewußten Söhne unseres Volkes gegen diese Haltung des Kuratoriums mit größter Energie protestieren werden und daß die mächtige Stimme unseres einmütigen Protestes auch die Gleichgültigsten auf rütteln und die Herren vom Kuratorium zwingen wird, sich dem Urteil der gesamten, ungeteilten öffentlichen Meinung zu beugen. Die Hörer der Lehrerkurse in Grodno (folgen 49 Unterschriften.) Im Anschluß an die vorstehende Protestkundgebung haben die jüdischen Seminaristen in Grodno 25 Rubel für die Hilfskasse der hebräischen Lehrer in Palästina an die Anglo-Palestine Company abgesandt. DIE FRAU IM ZIONISMUS Von Robert Weltsch, Prag Es ist schon oft und viel über die Stellung der Frau im Zionismus gesprochen worden, aber man hat meist das Hauptgewicht auf die Frage der Organisation verschiedener Frauenarbeiten gelegt. Daß aber die Frau auf den Geist des Zionismus einen entscheidenden Einfluß haben könnte, ist vielleicht noch nicht mit genügender Schärfe gesagt worden. Und doch glaube ich, daß sehr viel — wenn nicht alles — davon abhängt, ob uns ein Geschlecht von Frauen werden wird, das dieser von der Weltgeschichte ihm gestellten Aufgabe gewachsen sein wird, ob diese Frauen wirklich schon „unterwegs" sind. Der Zionismus wird dann seiner Verwirklichung nahe sein, wenn ein Volk jüdischer Menschen da sein wird, von denen jeder einzelne bereit ist, die radikale Forderung des Zionismus in seinem Leben zu erfüllen, und mit der ganzen Sehnsucht und Spannung seiner Seele, voll Ueberdruß an dem Schlechten und Falschen des Alten, die Schönheit und Wahrheit des Neuen sucht. Vor dem Feuer dieses Willens, der die Gewißheit der Erlösung schon in sich hat, werden alle Hindernisse zergehen. Nur eben muß der Zionismus für jeden! Menschen mehr werden, als er bis jetzt — in der Regel — ist: er muß wirklich das Lebensprogramm werden, und er muß — nicht in einem engen, sondern im weitesten Sinne — wirklich das ganze Leben und Tun dieses Menschen durchziehen. Der Zionismus ist, jenseits aller politischen Aktion und organisatorischer Formalität, die persönliche Angelegenheit jedes einzelnen, und in jedes organisierten Zionisten Zionismus steckt etwas durchaus Unorganisierbares, das nur in seiner Brust wohnt und auf die Gestaltung seines Lebens wirkt. In den kleinen Lebenskreisen aber, die von der entscheidendsten Wichtigkeit sind, hat die Macht die Frau. Ihr Reich ist die Stille des Hauses und des Herdes; sie steht außerhalb der verwirrenden Netze äußerlich gesponnener, zweckhafter Beziehungen, ihr ist das Leben vor allem ein Komplex persönlicher, menschlicher Beziehungen. Welche Wirkungsmöglichkeit die Frau in der jüdischen Familie hat, ist so oft gesagt worden, daß es hier nicht wiederholt werden soll. Aber auch im geselligen Leben, das in unserer Zeit so entartet ist, ist der weibliche Geist der befruchtende. Wenn sich unsere jungen Leute heute in ernster Arbeit zusammentun, so sollten diese Zellen eines neuen jüdischen Gemeinschaftslebens in den jüdischen Frauen und Mädchen den starken Rückhalt haben, dessen sie bedürfen. Wie in Zeiten bewegter Stimmung der von dem Rationalismus vorhergegangener Epochen müde Geist durch die Unmittelbarkeit und Instinktsicherheit des weiblichen Gemütes neu gestärkt worden ist, wie etwa zur Zeit der deutschen Romantik die Salons der Frauen die eigentlichen Stätten des neu erwachten Lebensgeistes waren, so wird im Zionismus der jüdischen Frau eine ähnliche Rolle bevorstehen. Der Zionismus ist die Aufrichtung des Irrationalen über unserer erschöpften, rationalistischen Kultur: er ist die Abkehr von der Nützlichkeits-Moral eines individualistisch-dekadenten, blasierten und kraftlosen Geschlechts. Der Begriff der Nationalität wird uns wieder lebendig, er taucht wie ein lange versunkenes Geheimnis aus der Tiefe unseres Bewußtseins auf. Wir fühlen wieder die magische Gewalt des Zusammengehörens mit fernen Menschen der Vergangenheit und der Zukunft, durch die unser Blut fließt, und es ist uns unmöglich, diese Wirklichkeit aus unserem Bewußtsein wegzudenken. Was aber dem männlichen Intellekt Einsicht und Ueberlegung kostet, ist dem weiblichen Instinkt unmittelbar gegeben: das Erfassen der Zusammenhänge, die die menschlichen Geschlechter innigst verbinden, muß der Frau ein natürliches Bedürfnis sein. Wie die mythischen „Mütter", von denen Goethe spricht (vielleicht das tiefste Symbol des „Faust"), über Raum und Zeit erhaben alle wechselnden Gestalten in ihrer Ewigkeit beherrschen, so ist eben das weibliche, das mütterliche Element das eigentlich Dauernde, das die ewige Geltung seiner Aufgabe begreift. Daher muß die weibliche Auffassung des Volkstums die tiefere, ganz nur dem Innern zugekehrte sein; die Frau, aus deren. Schoß die kommende Generation hervorgehen soll, muß von heiligem Verständnis für die Kette von Zeugungen und Geburten, die das Band des Volkstums um Menschen von Jahrtausenden weben, erfüllt sein. Sie wird im Gefühle haben, was der Mann verstandesmäßig zu erfassen erst auf einer höheren Stufe des Erkenntnisvermögens befähigt ist. Die Frau wäre berufen, dem Manne dieses tiefe Wesen des Volkstums zu erschließen; sie müßte seine Lehrmeisterin sein. Und darüber hinaus müßte sie ihm in der Strenge der nationalen Arbeit und nach der Heftigkeit politischer Kämpfe das wesentliche Element aller wahrhaften nationalen Arbeit geben: die Liebe. Denn nur durch eine große Liebe wird jede kleinste Handlung im Dienste des Volkes geheiligt. Wer sich aber dem Volkskörper eingeordnet hat, der versteht, daß e r für die Zukunft dieses Volkes verantwortlich ist, und daß er eine Aufgabe zu erfüllen berufen ist, deren Wirkungen sich weit über seine Lebensspanne hinaus erstrecken. Darum wird der Nationalismus nicht nur eine Rückkehr zum Judentum bedeuten, er wird auch eine ganz neue Stellung zu allen rein menschlichen Fragen bewirken; vor allem wird das in der Erziehung der Jugend zutage treten, und diese ist wieder vor allem in den Händen der Frau. Die Frau, der der Zionismus zum Erlebnis geworden ist, wird in seinemNamen gegen die Gemeinheit kämpfen, die in vielen jüdischen Kreisen, die sich losgerissen und verantwortungslos fühlen, herrschend ist; sie wird die ihrer Obhut anvertrauten Kinder zu sittlich starken, ganzen Menschen erziehen, und dieses Geschlecht wird auch zu starkem

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