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Die Welt · 1913-12-19 · 51 (19.12.1913) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
51 (19.12.1913)
Date
1913-12-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 51 DIEI^ELT zu unternehmen; die hebräische Sprachkommission gefährdet die deutsche Sprache in keiner Weise. Jedenfalls sind die Leute des neuen Jischub nicht weniger deutschfreundlich als die „Peruschim“, die Chabadäer und die Verwalter der Chalukahspenden, die jetzt zu einer Art Filiale des Dreibundes gemacht worden sind. Die ganze Angelegenheit ist ein Gemisch von Liebedienerei, Heuchelei, Lüge und grobem Unfug. Das jüdische Palästina wünscht die Hegemonie der hebräischen Sprache — die Schnorrer zählen nicht mit, sie stimmen allem zu, nehmen von jedem alles an, sie und ihre Zustimmung können nicht ernst genommen werden. Wir haben es hier mit der Tatsache des jüdischen Palästina zu tun und damit, daß dieses jüdische Palästina sich mit aller Entschiedenheit für die hebräische Sprache einsetzt. Das ist keine künstliche, wunderliche Zusammensetzung von Berliner Juden, türkischen Schutzleuten und einem deutschen Konsul. Das ist eine natürliche Erscheinung, die jedes Kind verstehen kann. Wir Juden haben kein Parlament, das sich mit unserem Zabem befassen könnte, wie es der Deutsche Reichstag mit seinem Zabem getan hat. Die Stelle des Parlaments vertritt bei uns die Presse. Ich bin sicher, daß die jüdische Oeffentlichkeit nicht verfehlen wird, jenen Herren zu bedeuten, daß sie diesem groben Unfug möglichst rasch ein Ende machen 1" Der Kampf in Palästina (Von unserem Jaffaer Korrespondenten) Der Sturm, den die verhängnisvollen Beschlüsse des Kuratoriums des Technikums in Haifa hier entfesselt haben, hat so manches, das der „Hilfsverein“ für „festgemauert in der Erden“ hielt, wie Spreu hinweggefegt. Die Knabenschule des Hilfsvereins in Jaffa, die nach vielen Jahren der langsamen Entwicklung sich durchzusetzen begann, wird sich wohl kaum je von dem jetzigen Schlage erholen. Nicht der vierte Teil der Schüler blieb zurück, während der gesamte Lehrkörper mit einziger Ausnahme des Leiters der vom „Merkas Hamorim“ gemeinsam mit dem Vorstande der Gemeinde Jaffa errichteten neuen Schule zur Verfügung steht. Etwas dramatischer gestaltete sich das Schicksal des Lehrerseminars in Jerusalem. Der Lehrkörper dieser Anstalt bildete die Zierde des Hilfsvereins. Jellin, Mejuchas, Lipschitz, Braver, Sonne, Masie — jeder dieser Namen hat seinen eigenen Klang in der jüdischen Lehrerwelt. Sie haben all die Jahre das Regiment Ephraim Cohns, den Zwiespalt zwischen jüdischen und fremden Bestrebungen, mit Zähneknirschen ertragen. Aber nun sprengten auch sie die drückenden Fesseln. Man darf auch das materielle Moment nicht übersehen. Es sind meist Leute, die für ihre Familien zu sorgen haben, und der „Hilfsverein“ war und ist gerade in puncto Honorar nicht knauserig. Aber sie haben doch in einer schweren Zeit bewiesen, daß es etwas gibt, das ihnen mehr gilt als ihre vitalen materiellen Interessen. Der greise Jellin hat es in seiner aufrichtigen und ruhigen Weise gesagt: Ich sehe auf eine fast fünfundzwanzigjährige Amtszeit zurück und weiß, daß es mein Nachteil nicht wäre, wenn ich in meiner Stellung verbliebe. Aber die Neubelebung der hebräischen Sprache war das Ideal meines Lebens und ich werde jetzt meinem Lebenswerk nicht untreu werden. Es handelt sich jetzt nicht mehr darum, daß die jüdischen Schulen in Palästina den Zöglingen die Kenntnis der hebräischen Sprache beibringen sollen, sondern daß in unseren Schulen die hebräische Sprache die dominie rendc sein muß. Dies ist die Forderung der Zeit. Man erzählt, David Jellin habe in einer zweistündigen Unterredung mit Nathan auf alle die inneren Ursachen aufmerksam gemacht, die zu den Schülerstreiks führten. Auch andere Besucher berichten, daß Nathan von der ihm suggerierten Idee, die Schülerstreiks seien von einer geheimnisvollen Macht oder gar von Berlin aus angezettelt worden, doch schon 1725 abgekommen sei. Er soll bereits eine Ahnung davon haben, wie falsch er all die Jahre hindurch informiert worden ist. Augenzeugen berichten, wie erschütternd auf ihn die Nachricht wirkte, daß zirka zwanzig Lehrer der Jerusalemer Schulen des Hilfsvereins mit zweimonatlicher Kündigungsfrist ihr Amt niederlegen werden. Aber Herr E. Cohn wäre nicht der Meister der kleinen Diplomatie, der er eben ist, wenn er nicht verstanden hätte, all diese Schicksalsschläge, die jetzt den „Hilfsverein“ getroffen haben, an Nathan in der Weise herantreten zu lassen, daß die Wirkung nach Möglichkeit abgeschwächt wurde. Die Geschicklichkeit, mit der er noch in den letzten Tagen verstanden hat, Nathan Sand in die Augen zu streuen, verdient uneingeschränkte Bewunderung. Daß manche redliche Männer ihm ein wenig das Spiel verdarben und so manchen Lichtstreifen auf seine dunkle Kunst fallen ließen, ist gewiß nicht seine Schuld. Aber auch Herr Dr. Paul Nathan wäre nicht der aufgeklärte Absolutist, der er eben ist, wenn er die Fähigkeit hätte, die unzweideutigen Zeichen der Zeit in ihrer ganzen Tragweite zu würdigen. Es ist nicht bloß die Vorherrschaft des Hebräischen, das national und politisch Einigende in der kulturellen Renaissancebewegung, um die hier gestritten wird, wenn auch dieses Prinzip dem jetzigen Kampfe sein elementar-überwältigendes Gepräge verliehen hat. In Wahrheit wirkt noch ein anderes Sentiment allgemein menschlicher Art mit, kündigt sich den besser Aufhorchenden der Durchbruch eines Prinzips an, welches auch so manchem unserer engeren Freunde ein gewisses Umlernen aufnötigen wird. Man könnte dieses Sentiment mit dem Rufe charakterisieren : Los von der Vormundschaft unserer wohltätigen Brüder da draußen! Wohl bedürfen wir einiger Beträge für den Bau der Zukunft, der unser gesamtes Sinnen und Trachten gefangen nimmt. Aber diese Beträge und diese Mitarbeit unserer auswärtigen Brüder hat nur dann für uns die Bedeutung einer Hilfsbereitschaft, wenn sie frei von jedem Beigeschmack einer „höheren“ Vormundschaft sind. Wenn wir bloße Empfänger von Wohltaten ohne eigentliches Mitbestimmungsrecht sein sollen, so bedanken wir uns recht hübsch für die menschenfreundliche Absicht, aber wir verzichten lieber auf die uns zu erweisenden Wohltaten. Dieser Wille zur Selbständigkeit ist es, der den Kampf des Tages aus der Enge eines Schulstreites hinaushebt und ihm eine allgemeinmenschliche Note verleiht. Es ist eine Tat der Selbstbefreiung, die jetzt die palästinensischen Juden vollbracht haben. Wer menschliche Schwachheit kennt, weiß, daß es keine leichte Aufgabe ist, Wohltaten, die zu empfangen einem langjährige Gewohnheit geworden ist, mit einem Male standhaft zurückzuweisen. Wollte man hier von den materiellen Opfern reden, die sich in diesem Kampfe Lehrer, Beamte, Kaufleute, Aerzte, Arbeiter auferlegten, so würde es wie Ruhmredigkeit klingen und den Lesern außerhalb Palästinas fast unglaublich erscheinen. Unglaublich war aber auch allgemein die Entrüstung, die die Herausforderung des Kuratoriums hier hervorrief. Es ist keine Uebertreibung, wenn wir mitteilen, daß die allgemeine Empörung über diese Beschlüsse, die uns noch immer unverständlich sind, auch dem Friedlichsten den Schlaf der Nächte raubte. In Jaffa und Haifa sahen wir uns vor die Notwendigkeit gestellt, die Knabenschule des Hilfsvereins zu übernehmen. In Jerusalem ist es das Lehrerseminar und die Mädchenschule des Hilfsvereins (450 Mädchen), die wir übernehmen werden müssen. Die Lehrer dieser Anstalten überreichten Herrn Dr. Nathan ein langes Memorandum, in welchem sie die Einführung des Hebräischen als Unterrichtssprache in diesen Schulen forderten und begründeten. Die Antwort war negativ. Darauf überreichten sie schriftlich ihre Demission mit zweimonatlicher Kündi-

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