Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 51 (19.12.1913)
- Date
- 1913-12-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316567-3316623--58314-3376836- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 51 1724 DIEZ^KELT „Zabern in Jerusalem“ Unter dieser Ueberschrift schreibt N. S. in der Warschauer hebräischen Tageszeitung „H azephirah“: „Die Dinge entwickeln sich rasch. Die preußische Pickelhaube hat erst vor zwei Wochen begonnen, sich in Jerusalem stramm aufzupflanzen . . . Sie sammelte Unterschriften und Zustimmungserklärungen unter den Schnorrern und berichtete nach Berlin im Tone der Landräte, daß alles gut und schön sei, daß die ganze Bevölkerung ihr zujubele, selbst die „Peruschim“ und „Chassidim“ — das Bureau in Berlin aber verarbeitet diese Ingredienzien zu einer delikaten Pastete für die Ignoranten in Deutschland, denen die Namen „Peruschim" und „Chassidim" wie die geheimnisvollen Namen der aus den Schofartönen entstehenden Engel und der Name des alten Chacham Baschi wie der Name des Kaisers von China klingt. .... Diese Leute wissen viel und kumtnern sich viel darum, ob dort unten in Palästina die Kinder deutsch oder japanisch lernen und ob dort ein materielles oder geistiges Zentrum entstehen soll. Diese Fragen, die den Lesern unserer hebräischen Presse so nahe gehen, berühren den friedlichen Bourgeois, von dessen Beiträgen der Hilfsverein lebt, nicht im allergeringsten. Dieser Bourgeois wünscht Ruhe — das natürliche Bedürfnis eines jeden Bourgeois —, er wünscht, daß man ihn nicht irritiere und ihm nicht durch Probleme und Prinzipien Unannehmlichkeiten und Aufregungen bereite. Dieser Mann will ein klein wenig wohltätig sein und es schmeichelt ihm, wenn die „Gaboim“, die Herren, die an der Spitze seines wohltätigen Vereines stehen, Millionäre sind und Beziehungen zum Hofe haben. Wenn er den glanzvollen Namen eines solchen Millionärs hört, kommt er sich vor, als hätte man ihn mit Myrrhe und Balsamöl gesalbt, als fiele auch auf ihn ein Lichtstrahl aus jenen allerhöchsten Kreisen und aus jenem blinkenden Goldglanz. Für diese Leute werden die meisten Aufrufe geschrieben; für dieses Publikum sind die Communiques bestimmt, in denen gesagt wird, in Jerusalem herrsche eitel Freude, Zufriedenheit und Ergebenheit, alle Rabbiner, Dajanim, Jeschibavorsteher und Talmudgelehrten, die Jünger von Woioshin, die Chabadäer und die polnischen Chassidim, sie alle seien plötzlich für die deutsche Kultur entflammt; in sämtlichen Bathe-Midrasch, Jeschiboth und Klausen singe man „Deutschland, Deutschland über alles“ — mit einem Worte: ein furor teutonicus.habe alle Jerusalemiten ergriffen_ Mag sein, daß der naive deutsche Jude derartigen Erzählungen Glauben schenken wird. Wenn dieser Glaube ihm gut bekommt und seinen Schlaf oder seine Verdauung zu fördern geeignet ist, so möchten wir ihn um alles in der Welt nicht antasten. Schließlich ist ja der Hilfsverein eine Wohltätigkeitsgesellschaft. Wir nahmen an, die Herren würden sich’s daran genügen lassen. Nun sehen wir aber, daß dies nur ein bescheidener Anfang war. Noch ist seither keine Woche verstrichen und schon meldet uns der Telegraph, daß die deutsche Gesellschaft in Palästina die Schulen mit Polizisten besetzt hat. Dies, sehr geehrte Herren, ist denn doch etwas viel! Das jüdische Volk, so geduldig und bescheiden es auch sein mag, insbesondere gegen die Tyrannen aus seiner eigenen Mitte diesen Gewaltstreich wird es nicht dulden! Dies ist Zabern in neuer Auflage. Der deutsche Leutnant v. Forstner in Zabern belegte die Elsässer mit dem Schimpfnamen „Wackes“; sein Doppelgänger, der deutsch-jüdische Forstner, kommt zu den russischen Juden in Palästina und bezeichnet sie als ... „Nihilisten“. Der deutsche Leutnant v. Forstner umgibt sich mit Soldaten und geht Zigaretten und Schokolade kaufen; sein deutsch-jüdischer Doppelgänger in Jerusalem begibt sich mit Polizeibedeckung in die jüdischen Kinderschulen und jagt dort die Lehrer fort. Der Vorgang ist zu lächerlich, um darüber zu klagen, aber zu traurig, um darüber zu lachen. Einerseits ist diese Jerusalemer Neuauflage von Zabern die reinste Komödie. Der Unterricht unter Polizeiaufsicht ist etwas, was nicht einmal die Junker in Zabern versucht haben. Diese wollten die Elsässer ihre Macht hinter den Mauern der Kaserne, im Bereich der militärischen Gewalt und der Disziplin fühlen lassen. Was im Innern der Kaserne vorgeht, davon dringt sonst keine Kunde in die Öffentlichkeit. Jene Wände haben keine Ohren. Unglückseligerweise wurde die Sache diesmal ruchbar — und es gab einen Riesenskandal. In den Schulräumen haben selbst die Junker sich nicht zu derartigen Untaten verstiegen. In Jerusalem haben die „Deutschen“ die türkische Polizei bemüht. Wie die türkischen Behörden dazu kommen, der deutschen Sprache wegen unter den Juden Streitigkeiten hervorzurufen, das wird kein vernünftiger Mensch begreifen . . . Wir können verstehen, daß etwa die deutsche Polizei in Schleswig deutschen Lehrern behilflich ist, eine deutsche Unterrichtsstunde abzuhalten, oder daß sie die Lehrer, die nicht deutsch - unterrichten wollen, aus der Schule jagt. Aber daß türkische Schutzleute jüdische Kinder russischer und galizischer Herkunft zwingen, in Jerusalem deutschen Unterricht über sich ergehen zu lassen, — kann man sich etwas so Unnatürliches, Gemachtes, widerwärtig Gekünsteltes vorstellen? Wir wollen diesen Terror nicht mit einem andern Terror beantworten. Die beste Erwiderung wird die von Zabern sein: Hohngelächter. Ueberall, wo sich der deutschjüdische Unteroffizier mit den ihn begleitenden Polizisten zeigen wird, soll ihm befreiendes Kinderlachen entgegenschallen! Unsere guten Jungen und Mädchen, lacht doch! . . . Selbst in dem militärisch strammen, ganz in Disziplin aufgehenden Deutschland . . . endete die Komödie von Zabern mit einer sehr unangenehmen Tragödie — für die Regierung. Jenes Kinderspiel hatte recht peinliche Folgen für den Reichskanzler, und schließlich mußte man die. Garnison aus Zabern entfernen. Die „deutsche“ Garnison in Jerusalem ist gar zu klein; eine kräftige Köchin kann sie in ihrer Schürze forttragen. Die wirklichen Deutschen hätten niemals solchen Blödsinn begangen. Das können nur kleine Juden tun, die sich als Deutsche aufspielen. Die Juden in Palästina kommen dem deutschen Reich gar nicht in die Quere. Der „Merkas Hamorim“ hat sich niemals zum Aerger des Dreibundes der Entente cordiale angeschlossen; die jüdischen Kolonien haben ihre Truppen noch nie an der deutschen Grenze zusammengezogen; die Schülerinnen der Mädchenschule in Jerusalem haben noch kein Amazonenheer ausgerüstet, um einen Einfall in das Gebiet der Hohenzollern Nur bei rechtzeitiger Erneuerung des Abonnements werden unliebsame Störungen in der Zustellung des Blattes vermieden. Wir möchten daher unsere geehrten Leser, deren Abonnement am 31. Dezember 1913 abläuft, dringend bitten, die Erneuerung unverzüglich vorzunehmen. Alle Abonnements, die bis Ende d. J. nicht ausdrücklich abbestellt sind, betrachten wir als erneuert. Die Ueberweisung der Abonnementsbeiträge aus Deutschland und Oesterreich-Ungarn erfolgt kostenlos mittels Postschecks, die wir sämtlichen Beziehern, deren Abonnement abläuft, direkt zugesandt haben. Aus dem Auslande überweist man Beträge an uns am einfachsten per Postanweisung, wo dies nicht möglich ist, per Scheck auf europäische Banken oder in Briefmarken. Verlag „Die WeW‘ BERLN W15, Sächsische Straße 8