Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 51 (19.12.1913)
- Date
- 1913-12-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr 51 1723 DIEffiELT Polizeiaufgebot sowie einer Anzahl neuer Lehrer. Die Polizei jagte im Aufträge des Hilfsvereins die bisherigen Lehrer mitten in der Unterrichtsstunde aus der Schule hinaus. Daraufhin verließen auch sämtliche Schülerinnen die Schule. Von dem Verband der hebräischen Lehrer Palästinas „Merkas Hamorim“ werden jetzt hier neu eröffnet ein Lehrerseminar mit David Y e 11 i n an der Spitze, eine Töchterschule und einige Klassen einer Knabenschule für diejenigen Schüler der Lämelschule, die dieses Institut verlassen haben. Die Polizei in den Hilfsvereinsschulen Jerusalems, um „suspendierte Lehrer" gewaltsam zu entfernen, die „Hetzreden'' an die Schüler halten! Wir halten den Anlaß für z u ernst, um eine sentimentale Betrachtung daran zu knüpfen, und es wäre auch zwecklos, dem zu so brutalem Zugreifen Entschlossenen mit ethisch-kulturellen Reflexionen zu kommen, aber das Eine sollte doch der Hilfsverein, sollte Dr. Nathan bedenken: daß er der deutschen Sprache, deren Verbreitung er fördern will, in Palästina einen nie wieder gut zu machenden moralischen Schaden zufügt. Diese Erwägung anzustellen, ist gewiß die Pflicht derer, die solche Maßnahmen ergreifen. Dennoch müssen w i r auf die unerwünschten, aber wahrscheinlichen Folgen solcher unüberlegten Gewaltpolitik aufmerksam machen, denn es besteht die Gefahr, daß man versuchen wird, uns für diese Konsequenzen zur Verantwortung zu ziehen! Wenn die Herren dann auf die Zionisten zeigen und „Haltet den Dieb!" rufen werden, dann wollen wir ihnen sagen dürfen: Ihr wart gewarnt! Wir haben es vorausgesagt, was dieses tapsige Vorgehen für Folgen zeitigen Wut und Aerger waren noch immer schlechte Berater. Den Maßnahmen des Hilfsvereins in Jerusalem aber merkt man bis hierher deutlich Wut und Aerger ihrer Urheber an. Und niemand kann es uns übel nehmen, daß wir keine Lust verspüren, den Schaden, den die Verärgerung anderer Leute angerichtet hat, nachher zu tragen. Das lehnen wir heute schon ab, und wir warnen alle, die den Versuch wagen zu dürfen glauben: wir werden uns zu wehren wissen! Ueber die jüngsten Vorgänge in den Jerusalemer Schulen des Hilfsvereins wird der „Hazephirah“ und dem „Häsin a n" noch telegraphisch berichtet, daß die bewaffneten Polizisten, die mit Ephraim Cohn an der Spitze in die Lämelschule eindrangen, einige Lehrer schlugen. Unter den Schülern brach eine Panik aus, einige von ihnen fielen in Ohnmacht. Die Empörung über das unerhörte Vorgehen des Hiifsvereins ist allgemein. Es wurde ein Protestumzug in den Straßen der Stadt veranstaltet, an dem sich alle Kreise der Bevölkerung massenhaft beteiligten. Protest der jüdischen Studenten in Nancy Der Cercle des Etudiants Juifs in Nancy befaßte sich in seiner Generalversammlung vom 8. d. M. mit der Angelegenheit der künftigen Unterrichtssprache am Haifaer Technikum und nahm einstimmig die folgende Resolution an: Wir konstatieren mit tiefstem Schmerze, daß die Einführung irgendeiner fremden Unterrichtssprache in unseren Erziehungsanstalten in Palästina gleichbedeutend ist mit der Entfernung des Grundsteins, auf dem unser gesamtes Renaissancewerk in Palästina beruht. Die erste jüdische Hochschule in Palästina muß das Banner unserer nationalen Wiedergeburt unbedingt hochhalten, ohne der Schwierigkeiten zu achten, die sich ihr entgegenstellen mögen, sie muß damit auf die bisherigen Schulen beispielgebend wirken und den später zu gründenden Hochschulen als Wegweiserin dienen. Wir sprechen daher mit allem Nachdruck unseren Protest gegen das Voi^ehen des Kuratoriums aus, dessen Beschlüsse ein Attentat gegen unsere historische Nationalsprache darstellen, und schließen uns der Boykott-Bewegung gegen das Technikum an, solange an dieser Anstalt eine fremde Sprache vorherrscht. Kundgebung der jüdischen Hochschüler in Konstantinopel Der Verein der jüdisch-ottomanischen Studenten in Konstantinopel veröffentlicht folgende Protestkundgebung: Wir jüdischen Studierenden an den ottomanisChen Hochschulen in Konstantinopel geben unserer tiefsten Erbitterung Ausdruck über den Beschluß der Leitung des Haifaer Technikums, demzufolge an der einzigen jüdischen Hochschule Palästinas die deutsche Unterrichtssprache eingeführt werden soll. In einer Zeit, wo alle Volksstämme des ottomanischen Reichs mit größter Zähigkeit für jedes Atom ihrer nationalen Rechte kämpfen, wo ihre Söhne der nationalen Sprache und Kultur ihr ganzes Leben weihen und für diese hohen Güter freudig ihr Leben opfern, müssen wir mit Aufbietung aller unserer Kräfte bemüht sein, unsere Stellung als Nation unter den übrigen ottomanischen .Nationen zu festigen, nicht aber, uns als Werkzeug fremdländischer Einflüsse mißbrauchen zu lassen. Anstatt uns nun in unserem nationalen Existenzkämpfe beizustehen, kommen unsere Philanthropen und „Wohltäter" und treiben Politik auf Kosten unserer vitalsten Interessen, liefern selber unsere besten Kräfte fremden Gewalten aus. Der Beschluß des Kuratoriums trifft nicht nur die nationale Erziehung, sondern unsere gesamte Renaissancearbeit im Lande der Väter auf das empfindlichste. Die Schaffung einer jüdischen Hochschule, ganz besonders in Palästina, ist eine historische Etappe auf dem Wege unserer nationalen Entwicklung, deren Wichtigkeit nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Allein der Umstand, daß dieses Institut von vornherein auf die Grundlage einer fremden Unterrichtssprache gestellt wird, macht seinen ganzen Wert zunichte und verringert die kulturelle Bedeutung dieses Werkes für die ganze orientalische Judenheit. In Anbetracht dessen, daß diese erste Hochschule in Palästina gegründet wird, wo die orientalische und die okzidentale Judenheit sich auf der Grundlage unserer hebräischen Sprache zusammenfinden, die hier die eigentliche Voraussetzung zur Verschmelzung der verschiedenen Elemente unseres Volkes bildet; ferner im Hinblick darauf, daß zwei hebräische höhere Schulen tatsächlich bestehen, sich von Jahr zu Jahr kräftiger entwickeln und die Eignung unserer Sprache für alle modernen wissenschaftlichen Erfordernisse klar bezeugen, sehen wir in dem Beschlüsse der genannten Leitung, einer fremden Sprache in unserem Technikum und in unserer Realschule die Herrschaft einzuräumen, einen Akt nationalen Verrats. Im Namen der jüdischen Studierenden ah den Hochschulen Konstantinopels sprechen wir unseren schärfsten Protest aus gegen das beschämende Vorgehen der Leiter des deutschen Hilfsvereins. Wir sind dessen gewiß, daß die jüdische Gesamtheit in Palästina und im Auslande den Verrat dieser Herren gebührend beantworten wird. Wir begrüßen die palästinischen Schüler und Lehrer, die als erste gegen die Hegemonie einer fremden Sprache in unseren palästinischen Schulen den gebotenen Kampf aufgenommen haben, mit einem herzlichen p:n (Glückauf!). Wir schließen uns ihrem Aufrufe an die studierende Jugend der Diaspora, das deutsche Technikum am Fuße des Karmel zu boykottieren, mit ganzem Herzen an. Kein jüdischer Studierender, kein hebräischer Lehrer möge die Schwelle dieser Anstalt betreten, solange die Herrschaft unserer Sprache darin nicht gesichert ist. Der Vorstand der jüdisch-ottomanischen Studierenden in Konstantinopel Der Vorsitzende: Der Sekretär: D. Ben-Gurion Ben-Zewi