Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 51 (19.12.1913)
- Date
- 1913-12-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51 DIE3§BELT 1722 Appell an die Oef f entlieh keit, Wir müssen unseren Brüdern in Palästina zu Hilfe eilen, wir dürfen sie nicht im Stich lassen. Wir müssen ihnen Mittel zur Verfügung stellen, die für das hebräische Schulwerk notwendig sind. Wo so hohe und unersetzliche Güter auf dem Spiele stehen, wo es sich darum handelt» ob die Stellung, die sich die nationale Sprache errungen hat, fremden Einflüssen anheimfallen soll, ist jede Gleichgültigkeit und Zaghaftigkeit, jede Engherzigkeit und jedes Zaudern ein Verbrechen. Jeder von uns hat die unabweisbare Pflicht, zur tatkräftigen Unterstützung des gefährdeten hebräischen Schulwerkes in Palästina beizutragen! Möge das jüdische Volk zeigen, daß es entschlossen ist, das geheiligte, die palästinische Judenheit umschlingende Band der hebräischen Sprache fester zu knüpfen, möge es diese Gesinnnung durch die Tat beweisen! Durch Eure Spenden sollt Ihr beweisen, daß Ihr mutig einsteht für die Ehre und die Zukunft der nationalen Sprache, daß Ihr es nicht stumpf und widerstandslos hinnehmt, wenn unseren geistigen Gütern Gefahr droht! Was soll aus Palästina werden, wenn die Assimilation auch dort eindringt, wenn .die jüdische Kultur auch dort nicht mehr verkörpert ist? Wo ist der Jude, der diese Sorge nicht mitempfinden, der sich nicht beeilen würde, durch seine Willensäußerung gegen diese Tendenz Verwahrung einzulegen und was die Hauptsache ist, durch seine Mithilfe die Gefahr abzuwenden? Jede Indolenz wäre eine Unterlassungssünde, und wenn wir jetzt nicht täten, was uns die innere Stimme gebietet, so würden wir die Mißachtung verdienen, mit der wir nationale Juden von manchem unserer Gegner bedacht werden. Jeder kleinste Beitrag ist von hoher Bedeutung, und wer jetzt noch säumig ist, mag einst in schwerer Stunde bereuen, daß er den Ernst der Situation verkannt, daß er nicht die Spannkraft der nationalen Selbstverteidigung besessen hat. Zur Tat! Zur Hilfe! Niemand bleibe fern! Wir können uns mit vollem Vertrauen der Hoffnung hingeben, daß es uns vergönnt sein wird, auf der eingeschlagenen Bahn mit Beharrlichkeit fortzuschreiten, das Begonnene der Vollendung zuzuführen. Möge es an der Unterstützung unserer Massen für diesen großen Zweck nicht fehlen, damit hebräisch bleibe, was hebräisch ist und hebräisch werde, was noch nicht hebräisch ist in Erez Israel! Die Gewaltpolitik des Hilfsvereins Die Polizei in den Jerusalemer Schulen — Tendenzmeldungen durch das offiziöse Telegraphenbureau — „Zabern in Jerusalem" — Weitere Proteste gegen das Kuratorium und den Hilfsverein Die Leiter des Hilfsvereins der Deutschen Juden treiben ein gefährliches Spiel. Seit jenem 26. Oktober, an dem die bekannten verhängnisvollen Beschlüsse des von den Führern des Hilfsvereins regierten Kuratoriums gefaßt wurden, sind die Methoden des Hilfsvereins in Palästina immer rücksichtsloser, immer schroffer und immer brutaler geworden. Niemand könnte mehr auf die Vermutung kommen, daß der geistige und in vielen Fällen wohl der unmittelbare Urheber der neuesten Streiche des Hilfsvereins ein Mann sei, dem sonst in der Politik der Liberalismus nicht liberal genug Und der Sozialismus nicht sozial genug ist. Was seit Dr. Paul Nathans Ankunft in Palästina von dort berichtet wird, läßt es unverständlich erscheinen, daß wir jahrelang in diesem Manne einen verständnisvollen Förderer jüdisch-kultureller Kolonisationspolitik erblicken konnten. Dr. Paul Nathan hat es fertig gebracht, in Palästina türkische Polizei und deutsche Regierungsgewalt zur Durchführung seiner Ziele zu requirieren. Er hat es nicht verschmäht, seinen und seiner Vorstandskollegen Einfluß dazu auszunutzen, daß die nichtjüdische Oeffentlichkeit durch halbwahreTendenz-T elegramme über den wirklichen Sachverhalt getäuscht wird. Ja, er hielt sich nicht einmal für zu gut, in diesen Telegrammen die abgegriffensten Klischeephrasen reaktionärer Gewaltpolitik gebrauchen zu lassen. Alles, aber auch alles war und ist recht, wenn es nur den bösen Hebraisten und Zionisten schaden kann! Mögen die gewaltigen Herren nur bedenken, daß der Pfeil, mit dem sie u n s zu treffen gedenken, auf sie zurückschnellen könnte . . . Das offiziöse Wolffsche Telegraphen-Bureau in Berlin verbreitete am 13. Dezember folgende Nachricht: „Wir werden um Veröffentlichung folgender Meldung aus Jerusalem ersucht: Seit Wochen versuchen zionistische Agitatoren in den Schulen des Hilfsvereins der Deutschen Juden in Jerusalem und Jaffa den geordneten Betrieb zu stören. Die Mehrza hl der ansässigen jüdischen Bevölkerung ist gegen die Agitatoren, welche vor Gewalttätigkeiten nicht zurückscheuen und infolgedessen den Eindruck friedlicher jüdischer Arbeit in Palästina durch ihr Auftreten zu gefährden drohen." Dasselbe Bureau gab am Dienstag, den 16. Dezember, das folgende Telegramm aus: Jerusalem, 15. Dezember. Ein Teil der Lehrer in den Jerusalemer Schulen des Hilfsvereins der deutschen Juden hat einen Streik unter Hineinziehung der Schüler zur Teilnahme inszeniert, um auf diesem Wege zu erzwingen, daß das Hebräische abgesehen von der Unterweisung in den Sprachen, ausschließliche Unterrichtssprache wird. Dieser Streik hat bereits zu Exzessen geführt. Von hier aus werden jetzt Gerüchte verbreitet über Gewalttaten der Polizei gegen die wegen ihres Streiks vom Amt suspendierten Lehrer. Der wahre Sachverhalt ist folgender: Infolge der drohenden Haltung einer lärmenden Menge in der Straße, an der die Anstalten des Hilfsvereins und das Gebäude des deutschen Generalkonsulates liegen, und wegen Entführung von Schülern, eilte der deutsche Generalkonsul dessen Schutz sämtliche Anstalten des Hilfsvereins in Jerusalem unterstehen, herbei und requirierte die Polizei. Kein Lehrer wurde gewaltsam entfernt, gegen keinen irgendeine polizeiliche Handlung vorgenommen, trotzdem die suspendierten Lehrer unter Verletzung des Hausfriedens Hetzreden an die Kinder hielten. Die Form dieser Telegramme und ihre Verbreitung durch das deutsche offiziöse Depeschenbureau, das sonst jüdische Angelegenheiten aller jüdischen Gruppen gleichmäßig ignoriert, das ist schließlich bloß die Mache, und eine ziemlich grobe dazu. Schlimmer ist der gewollt aufreizende Ton — „zionistische Agitatoren", „drohende Haltung einer lärmenden Menge“ usw. —, der in unangenehmer Art an Kundgebungen erinnert, denen der sozial-fortschrittlidhe Dr. Paul Nathan sonst fernzustehen pflegt. Das schlimmste aber ist der Inhalt der zweiten Depesche, der uns bereits am Freitag voriger Woche, freilich in etwas anderer Darstellung, in folgendem Telegramm aus Jerusalem bekannt wurde: Jerusalem, 12. Dezember. Aus der Lämelschule wurden heute die dort unterrichtenden Lehrer durch die Polizei hinausgewiesen, woraufhin auch die Schüler der oberen drei Klassen die Schule verließen. — In der Töchterschule erschien heute der Direktor Ephraim Cohn mit dem deutschen Generalkonsul und einem