Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 51 (19.12.1913)
- Date
- 1913-12-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 51 1721 die3§Kelt mit großer Genugtuung auf ihre verdienstvolle Tätigkeit zurückblicken. Sie haben ihr Programm mit Mut und Ausdauer nach allen Richtungen auszuführen gesucht. Die Gegner dieses Systems gehen von einer hinfälligen Annahme aus, wenn sie diese Pioniere chauvinistischer Tendenzen beschuldigen. Diese Behauptung ist einfach unwahr. Die nationalen Juden in Palästina haben niemanden angegriffen. Sie sind die Angegriffenen, sie bedroht man in ihren Lebensinteressen, und solidarisch müssen sie sich verteidigen. Sie wünschen sehnlichst einen engen Anschluß an die europäische Kulturwelt, aber sie müssen vor allem ihre Individualität wahren, sie müssen über ihre nationale Einheit wachen und können nicht dulden, daß das bisher unter den schwersten Opfern Errungene durch unglückselige Sprachexperimente in Frage gestellt wird. Die Wortführer der nationalen Erziehung in Palästina haben auch den Wert des Studiums europäischer Kultursprachen anerkannt, berechtigte Wünsche und Bestrebungen nach dieser Richtung stets gefördert. Sie haben in dieser Anerkennung berechtigter Erfordernisse zugleich die beste Schutzwehr erblickt gegen die Fluten eines ausschweifenden, zersetzend wirkenden, chauvinistischen Nationalismus. Die Schüler unserer hebräischen Gymnasien machen in der Erlernung europäischer Sprachen die glänzendsten Fortschritte; Abiturienten des Jaffaer Gymnasiums sind ja bekanntlich an europäischen Universitäten anstandslos immatrikuliert worden. Für das Technikum hatten unsere Gesinnungsgenossen selbst vorgeschlagen, das Hebräische nur ganz successive einzuführen. Was die Mittelschule betrifft, so waren alle einverstanden, an dieser Anstalt den Schülern in sehr großem Umfange Unterricht in fremden Sprachen, insbesondere in Deutsch, angedeihen zu lassen. Aber soll die gesunde Entwicklung unseres geliebten Palästina nicht gefährdet, soll das alle Juden umschlingende Band nicht gelockert und die so mühsam errungene neue jüdische Einheit nicht wieder in ihre Teile aufgelöst werden, sollen wir nicht zum Spielball politischer Eifersüchteleien werden, so darf die hebräische Sprache aus ihrer natürlichen und berechtigten Stellung in unserem ganzen palästinensischen Schulsystem nicht verdrängt werden! Wir haben den Kampf nicht heraufbeschworen und wünschen auch nicht seine Fortdauer. Die Aufregung der Leidenschaften, die Störung der normalen Entwicklung Palästinas sind Erscheinungen, die wir aufs tiefste bedauern. Aber das sind eben die notwendigen Folgen eines verhängnisvollen Fehlers, den die Gegner des Hebräischen gemacht haben. S i e dürfen sich nicht über die Früchte ihrer eigenen Aussaat wundern. Uns ist der Kampf aufgedrängt worden. Und von einer Kapitulation kann bei einem solchen Kampfe nicht die Rede sein! In Fragen der Erziehung überhaupt stehen viel zü hohe Dinge auf dem Spiel, als daß sie um des lieben Friedens willen geopfert werden dürften. Die Leitung der nationalen Erziehungsarbeit in Palästina ist für diejenigen, die dazu berufen sind, nicht bloß ein Recht, sondern auch eine heilige Pflicht und dieser dürfen sich die national empfindenden Männer selbst dann nicht entziehen, wenn die Erfüllung derselben mit Unannehmlichkeiten aller Art verbunden ist. Aus dem vieljährigen Kampfe, in dem der Zionismus steht, sollten wir gelernt haben, daß der Weg zum Erfolge überhaupt nicht mit Rosen bestreut ist. Wenn die Männer, die bisher den Pionierkampf für unsere Sache in Palästina geführt haben, inmitten der großen Schwierigkeiten den Mut nicht sinken ließen, so dürfen sie auch die Dornen des neuen Kampfes nicht scheuen, und wer den Ehrgeiz hat, in ihre Reihen zu treten, von dem darf billig verlangt werden, daß er auch das Ungemach des neuen Verteidigungskampfes auf sich nehme, der doch eine Vorschule für die schwierigen Aufgaben ist, die ihrer noch in Zukunft harren. Wehleidigkeit ist in nationalen Kämpfen schlechterdings nicht am Platze, am allerwenigsten ziemt sie sich für die Pfadfinder der Zukunft. Wo ein kräftiges, nationales Leben pulsiert, sind rauhe Berührungen nicht zu vermeiden, und wir haben ebensowenig Verständnis für die Bestürzung, als wir die mimosenhafte Empfindlichkeit gerechtfertigt finden können, mit der einige vertrauensselige Friedensfreunde bei dem ersten scharfen Luftzug Von dem Sturm des Kampfes zurückschrecken. A 1a guerre comme ä la guerre; das ist eben der Krieg. Aber unser Kampf ist ein Kampf mit friedlichen Waffen der Erziehung, des Unterrichts, der Aufklärung. Uns leiten keine persönlichen Motive und keine organisatorischen Ambitionen. Sollte das Kuratorium seinen Beschluß rückgängig machen, sollte der Hilfsverein in seinen palästinensischen Schulen, wo er bereits einige Etappen auf dem Rückwege zur Enthebraisierung zurückgelegt hat, den berechtigten Forderungen der Lehrerschaft entgegenkommen, so hört der Kampf von selbst auf. Jetzt aber müssen wir einmütig und unbeirrt von Rücksichten irgendwelcher Art unsere Kräfte auf diesen Punkt konzentrieren und das hebräische Schulwerk in Palästina retten! Es wäre nutzlos, unsere Kräfte in Polemik und Agitation zu vergeuden. Wir müssen positive Arbeit leisten. Die Mitwirkung an der Gründung einer hebräischen Mittelschule in Haifa war der erste Schritt; ihm werden weitere folgen. Palästina selbst hat den Anfang gemacht. Die gesteigerte Not war ein Ansporn zur Sammlung aller kulturellen Kräfte des Landes. Sie hat alle unter dem nationalen Banner vereinigt, sie hat auch die Gleichgültigen und Mattherzigen national befeuert. Keinerlei Rücksicht auf die wirtschaftliche Abhängigkeit, keinerlei Nahrungssorgen schon für den kommenden Tag vermochten es, die besten Lehrkräfte des Hilfsvereins davon abzuhalten, Partei zu ergreifen. Niemand kann sich der tiefen Bewegung entziehen, welche alle Gemüter ergriffen hat. Es ist ein geschichtlicher Moment, den wir erleben. Palästina kann nicht allein dieses große Werk vollbringen; das ganze nationale Judentum soll und wird geeinigt seine Pflicht tun. Das ganze nationale Judentum ist in der Lage, als ein Ganzes, unbeirrt durch verschiedenartige Auffassungen in politischer Beziehung, um das alte Banner der hebräischen Sprache geschart, sich gegen den Angriff einer ihre Aufgaben verkennenden philantropischen Bevormundung zu verteidigen. Freilich ist unendlich viel des Notwendigen «in Palästina erst in Angriff genommen worden; auf dem Felde des Schulwesens harren ganz große Aufgaben der Lösung durch uns. Allein die großen Probleme nationaler Erziehung lassen sich nicht mit einem Schlage, nicht mit jener Raschheit lösen, an die sich unsere raschlebige Zeite gewöhnt hat. Für kulturelle Arbeiten und vor allem für Erziehungsfragen liegt zwischen dem Beginnen und dem Vollenden ein weiter Weg, der ernste, mühevolle Arbeit bedeutet. Und so können auch unsere diesem Ziel gewidmeten Bestrebungen nur einen Anfang, eine Inangriffnahme, das Betreten der Bahn bedeuten. Aber die Schaffung eines nationalen Schulwerks ist bereits von unseren Brüdern in Palästina beschlossen worden. Die Uebemahme der notwendigsten Unterrichtsanstalten des Hilfsvereins, bezw. die Gründung paralleler hebräischer Anstalten hat begonnen. In Erkenntnis der hochwichtigen Bedeutung dieses Moments richtet das Actions-Comite den vorstehenden