Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 50 (12.12.1913)
- Date
- 1913-12-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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1700 diei§klt Nr. 50 Ueber „die Paßfrage in Rußland“ äußert sich der Bericht in sehr diskreter Weise; er bedauert, daß die Regierung den Forderungen, die im Parlamente im Namen der Gewissensfreiheit und der Prinzipien des öffentlichen Rechtes formuliert werden, ihre Unterstützung versagt hat. Antisemitisches aus Kanada Zwischen der jüdischen und der katholischen Bevölkerung von Quebeck herrschen in der letzten Zeit ernste Unstimmigkeiten. Nachdem die Juden energische Versuche gemacht haben, sich gegen die sinnlosen Beschuldigungen zu wehren, die im Anschluß an den Beilis-Prozeß von katholischer Seite gegen sie erhoben worden sind, hat vor kurzem ein bekannter Richter in Quebeck entschieden, daß von jüdischer Seite eingebrachte Klagen wegen Beleidigung der jüdischen Religion künftig vom Gericht nicht mehr angenommen werden sollen. Diese Erklärung schloß sich an eine Klage, die auf eine öffentliche Rede hin erhoben worden war und in welcher behauptet worden war, der Talmud sanktionierte die Ermordung von Christen. Die Kläger gaben an, daß durch derartige Aeußerungen der Haß der katholischen Bevölkerung gegen sie geweckt und ihre wirtschaftliche Lage geschädigt „Rossia“ über die Juden im Handel In der letzten Zeit nahmen die verschiedenen Organisationen für Handel und Industrie Gelegenheit, im Interesse der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes gegen die Entrechtung und Verfolgung der Juden zu protestieren. Demgegenüber sieht sich die offizielle „Rossia“ bemüßigt, der Behauptung entgegenzutreten, daß die Juden zur Entwicklung des Handels und der Industrie beitragen. Nach Ansicht der „Rossia“ ist die Wirkung der Juden im wirtschaftlichen Leben eine höchst verderbliche, so daß es der Volkswirtschaft nur zugute kommen kann, wenn die Juden in ihrer Bewegungsfreiheit gehemmt werden. Jüdische Schulreform in England In England beginnt man, sich darüber klar zu werden, daß in den bisher auf dem Gebiete religiöser Erziehung herrschenden Verhältnissen durchaus eine Aenderung eintreten müsse. Bei der aus den verschiedensten Kulturmilieus und Herkunftsländern stammenden jüdischen Bevölkerung Englands ist es bisher unmöglich gewesen, ein einheitliches System des Religionsunterrichtes einzuführen, und die gänzlich verschiedenen Methoden und Qualitäten von Unterricht, Lehrkräften und Lehrmitteln machen sich empfindlich bemerkbar. Bei einer Versammlung der Vereinigten hebräischen und Religionsschulen von London hat nun kürzlich der Oberrabiner den Vorschlag gemacht, ein zentrales Erziehungsbureau einzurichten und einen Direktor des Erziehungswesens anzustellen. Eine Ausführung dieses Projekts könnte für die Renaissance des englischen Judentums zweifellos von größter Bedeutung werden. Einwanderungsbeschränkungen in Amerika Der Vorsitzende der Einwanderungskommission des Repräsentantenhauses B u r n e 11 hat den amerikanischen Einwanderungsgesetzentwurf wieder eingebracht, durch den die Zulassung der Einwanderer davon abhängig gemacht wird, daß sie in einer Sprache schreiben und lesen können. Der frühere Präsident Taft hatte gegen dieses Gesetz, das neben den Italienern hauptsächlich die jüdischen Einwanderer aus Osteuropa am härtesten treffen würde, bekanntlich sein Veto eingelegt. Nunmehr ist die unter dem Namen Burnett-Bill bekannte Vorlage von ihrem Urheber wieder eingebracht worden. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Anhänger der Einwanderungsbeschränkungen diesmal mehr Erfolg haben werden. In diesem Falle würde die Bumett- Bill wohl nur den Anfang einer Reihe weiterer Einwanderungsbeschränkungen bilden. Revision der Judengesetzgebung in Rußland? Die russische Regierung hat für Ende d. J. eine allrussische Rabbinerkonferenz nach Petersburg einberufen, d. h. falls es gelingt, die Vorarbeiten in den nächsten zwei Wochen abzuschließen. Sonst muß der Kongreß auf Januar oder Februar nächsten Jahres verlegt werden. Das Ministerium des Innern hat den Gouverneuren Instruktionen erteilt für die Wahl von Vertretern der örtlichen Rabbiner zu dem . Kongreß. Das Resultat der Arbeiten dieses Kongresses soll als Material dienen bei der Revision der Gesetzgebung über das Judentum. Jahresbericht der Anglo Jewish-Association Der Jahresbericht der Anglo-Jewish Association, der soeben erschienen ist, bietet manches Interessante. Die Verhältnisse, die London zum diplomatischen Mittelpunkt Europas während den Balkanwirren machten, haben es der Anglo- Jewish Association, wenn auch nur in engen Grenzen, ermöglicht, die Interessen der jüdischen Bewohner der Balkanländer wahrzunehmen. Es bleibt abzuwarten, welchen praktischen Wert die Versicherungen des englischen Foreign Office haben werden, daß die Juden in den Balkanstaaten aut seinen besonderen Schutz rechnen können. Jedenfalls war unter den gegebenen Umständen wohl nicht mehr zu erwarten. Die Haupttätigkeit der Anglo-Jewish Association war aut aas Erziehungswerk im Orient gerichtet, und die Ausgaben für diese Zwecke beliefen sich aut £ 4354. Davon entfallen £ 234S aut die Evelina de Rothschild-Mädchenschule in Jerusalem. Bedeutsam ist es, daß in drei von den fünf Klassen des Kindergartens Hebräisch die einzige Unterrichtssprache ist. Eine Spende von £ 4000 von Herrn Jacob Kronsheimer aus Melbourne (Australien) für wohltätige Zwecke in Jerusalem bezeugt das wachsende Interesse für Palästina unter den Juden aller Weltteile. . Kleine Nachrichten Unser Gesinnungsgenosse, der bekannte Philanthrop und Palästinafreund Nathan Straus in New York hat seine geschäftlichen Unternehmungen liquidiert und beabsichtigt, sich künftig nur noch gemeinnützigen Arbeiten zu widmen. Mr. Straus wird hauptsächlich bemüht sein, in allen Ländern pasteurisierte Milch für Säuglinge einzuführen. Ferner gedenkt er die von ihm ins Leben gerufenen Wohlfahrtseinrichtungen in Palästina weiter auszubauen, und wird zu diesem Zwecke in Gesellschaft seiner Frau und seines Sohnes demnächst wieder eine Reise nach Palästina antreten. Er will dort hauptsächlich für das Nathan Straus-Hilfsbureau und die ihm angegliederten Volksküchen, sowie für das Gesundheitsamt und die PasteuFsche Wutschutzabteilung tätig sein. In Liverpool sprach in der jüdisch-literarischen Gesellschaft Sir John Gray Hill, der in England Interesse für eine jüdische Gartenstadt bei Jerusalem zu erwecken sucht. In warmherzigen Worten trat er diesmal für eine jüdische Universität in Jerusalem ein. „Welch ein 'Denkmal für einen Millionär oder eine Gruppe von Millionären, für die jüdischen Finanzkönige in allen Ländern, wenn sie eine Universität für das jüdische Volk in Jerusalem errichteten!“ Die Preiskonkurrenz für das in Wien zu errichtende j ü - dische Kinderspital ist abgeschlossen. Als Preisträger gingen die jüdischen Architekten Friedrich Mahler, Ignaz Reiser und Richard Modern hervor. Bekanntlich ist es der energischen Aktion der zwei Wiener zionistischen Kultusräte zu danken, daß seinerzeit eine allgemeine Konkurrenz unter den jüdischen Architekten ausgeschrieben und das alte Protektionssystem durchbrochen wurde. Die XIV. Generalversammlung des Wiener jüdischen „Vereins für unentgeltlichen Arbeitsnachw e i s“ bot ein trauriges Bild, der infolge der Krise eingetretenen Verhältnisse. Die Deklassierung einstmals selbständiger jüdischer Geschäftsleute und Gewerbetreibender ist erschreckend gewachsen und die Zahl der Stellensuchenden hat die jetzige Höhe nie erreicht. Sie stieg im letzten Jahre bei dem genannten Vereine auf täglich 169. Während bisher die Verfassung der Republik Peru nur die römisch-katholische Religion anerkannte und die Ausübung anderer Gottesdienste nicht erlaubte, hat nunmehr die Deputiertenkammer eine Verfügung erlassen, wonach alle Religionen juristisch gleichberechtigt sind. Vorläufig kommt diese Verfügung nur einigen jüdischen Familien in Lima zugute, doch wird nunmehr vielleicht die jüdische Einwanderung wachsen.