Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 50 (12.12.1913)
- Date
- 1913-12-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 50 ■ DIESaKLT teöO Eine polnische Stimme für den Zionismus Fast alle polnischen Parteien sowohl in Galizien wie in Russisch-Polen sind der Ansicht, daß die Assimilation der Juden im polnisch-politischen Interesse Hege, und bekämpfen daher die jüdisch-nationalen Bestrebungen mit allen Mitteln. Viel tragen dazu auch die polnischen Journalisten „mosaischen Glaubens“ bei, die über die Gefahr, die dem Polentum seitens des klerikalen, rückschrittlichen Zionismus drohe, die wildesten Schauermärchen verbreiten. Von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist es daher, wenn ein angesehener Pole den Mut hat, in der Oeffentlichkeit für den Zionismus einzutreten. Die bekannte polnische Schriftstellerin Johanna Gräfin Walewska hielt kürzlich in Lemberg im Vereine der polnischen fortschrittlichen Jugend „Zycie“ einen viel beachteten Vortrag „Betrachtungen zum Beilisprozess e". Vor einer überaus zahlreichen polnischen und jüdischen Zuhörerschaft schilderte sie eingehend die Ursachen, die die russische Regierung zur Einleitung dieses schändlichen Prozesses bestimmten. Den Juden sei unrecht geschehen. Das ist in Rußland auch das Los der Polen. Das Gefühl gemeinsamer Leiden sollte ein einigendes Band für einen gemeinschaftlichen Kampf bilden. Die Polen, führte die Rednerin aus, betrachten die Judenfrage von einem falschen Standpunkte. „Wir können von den Juden nicht verlangen, daß sie sich ihrer Nationalität und Sprache entäußern, während wir selbst um nationale Selbständigkeit ringen. Wenn uns auch die polnisch fühlenden Juden sehr wert sind, dürfen wir auch den Zionisten unsere Achtung nicht versagen und sie nicht als Feinde des Polentums betrachten.“ Gräfin Walewska gedenkt in weiteren Vorträgen und Diskussionen für diese ihre Auffassung einzutreten. „Reicht uns,“ sagte sie einem zionistischen Journalisten, „euere Hand zu gemeinsamem Kampfe gegen Rückschritt und Vergewaltigung, uns verbinden gemeinsame Interessen und Leiden. Warum sollten wir uns denn gegenseitig bekämpfen und hassen?“ Das Geschick eines jüdischen Journalisten Dieser Tage starb in Petersburg ein einsamer jüdischer Journalist namens Lapidus. Infolge eines Vergiftungsverdachtes, der sich später allerdings als unbegründet erwies, wurde die Leiche seziert. Da man nun auf den Mann aufmerksam wurde, so begann man, wie es hier zu Lande üblich ist, auch nach seinem „Wohnrecht“ zu fragen, und nun stellte es sich heraus, daß der Mann — Mohammedaner war. Die Leiche wurde demgemäß auch auf dem mohammedanischen Friedhof zur ewigen Ruhe gebracht. Der Mullah, der sehr wohl die Gründe begriff, die den Verstorbenen zur moslemitischen Glaubensgemeinschaft brachten, gab es den leidtragenden Kameraden des Verstorbenen anheim, den Anforderungen des jüdischen Ritus gerecht zu werden. Und so wurde denn am Grabe des armen „Wohnrechts-Mohammedaners“ das Kadischgebet vorgetragen. Von den jüdischen Gemeinden in Frankreich Die „Union des Assodations Cultuelles“ in Paris veröffentlicht ihren Bericht über das Jahr 1912. Demselben ist zu entnehmen, daß dem Verband 76 Kultusgesellschaften angehören, wovon 61 in Frankreich und 14 in Algerien; ein Verein der Rabbiner ist gleichfalls dem Verband angeschlossen. Die Gesamtausgaben beliefen sich mit Einschluß der Kosten des Unterhalts der Rabbinerschule auf 200 000 Francs, und sind um 16000 Francs höher als die Einnahmen. Infolge dieses Defizits sank der Reservefonds auf 62 000 Francs. Von den Arbeiten des Verbandsausschusses seien hervorgehoben: die Abgrenzung der Rabbinatsbezirke, die Erwirkung der Anerkennung der Rabbiner als Seelsorger im Kriegsfälle Nur bei rechtzeitiger Erneuerung des Abonnements werden unliebsame Störungen in der Zustellung des Blattes vermieden. Wir möchten daher unsere geehrten Leser, deren Abonnement am 31. Dezember 1913 abläuft, dringend bitten, die Erneuerung unverzüglich vorzunehmen. Alle Abonnements, die bis Ende d.J. nicht ausdrücklich abbestellt sind, betrachten wir als erneuert. Die Ueberweisung der Abonnementsbeträge aus Deutschland und Oesterreich-üngarn erfolgt kostenlos mittels Postschecks, die wir sämtlichen Beziehern, deren Abonnement abläuft, direkt zugesandt haben. Aus dem Auslande überweist man Beträge an uns am einfachsten per Postanweisung, wo dies nicht möglich ist, per Scheck auf europäische Banken oder in Briefmarken. Bestellungen auf Einbanddecken für den Jahrgang 1913 der „Welt“ werden schon jetzt entgegengenommen. 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Aktuell ist der Beschluß des Verbandes, nur diplomierten Aerzten die Autorisation als „Mohel“ zu erteilen, da soeben gegen zwei Mohalim wegen „widerrechtlicher Ausübung der medizinischen Praxis“ ein gerichtliches Verfahren eingeleitet worden ist. Die Hauptsorge des Verbandes bildet seit dessen Bestehen die Frage der Ehescheidung der russischen Juden, die zurzeit einfach unmöglich ist, da sich die hiesigen Gerichte wegen des religiösen Charakters der Eheschließung in Rußland wiederholt für inkompetent erklärt haben, andererseits seit der Trennung von Kirche und Staat in Frankreich die Rabbiner jeder öffentlichen Anerkennung entbehren. Trotz wiederholter Schritte in dieser Sache konnte eine Lösung noch immer nicht erzielt werden. Der Bericht schreibt, daß „die russische Regierung ihren Vertretern Instruktionen erteilt habe, aus denen zu folgen scheint, daß die Rabbiner der Kultusgesellschaften in standesamtlichen Fragen den russischen Kronrabbinem gleichzustellen seien. Jedoch müssen noch die letzten Schwierigkeiten bei den Agenten Rußlands in Frankreich aus dem Wege geräumt werden.“